Die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel widmeten sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion einem sehr präsenten Thema.
„Einsamkeit – die stille Epidemie unserer Zeit“ war am Mittwoch Thema eines öffentlichen Podiumsgesprächs aus der Reihe „Mensch.Psyche“ der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel. Auf dem Podium waren die Expertinnen Undine Lang, Direktorin der Klinik für Erwachsene (UPKE) und der Privatklinik (UPKP), Victoria Block, psychologische Klinikleiterin (UPKP) sowie Freija Geniale vom Basler Gesundheitsdepartement zusammengekommen. Durch den Abend führte Vanda Dürring vom SRF 2 Kultur. Zahlreiche Gäste waren der Einladung auf den UPK-Campus gefolgt. Andere verfolgten die Diskussion via Live-Stream.
Auch junge Menschen sind von Einsamkeit betroffen
Die Moderatorin informierte zunächst darüber, dass sich laut einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jede sechste Person auf der Welt einsam fühlt, auch sehr viele junge Menschen seien betroffen. Dürring hatte ihren Hund Aslan mitgebracht. Der jedoch kam seiner Funktion als „Eisbrecher“ zwischen Menschen an diesem Abend nicht nach. Unterm Tisch schlief er friedlich vor sich hin.
Einsamkeit, so besagt eine Definition, sei die wahrgenommene Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen. Dieses Gefühl könne auch in Gesellschaft auftreten, erklärte Undine Lang, etwa wenn sich jemand nicht verstanden fühlt. Um ein gewolltes Alleinsein gehe es nicht. Das Bedürfnis nach sozialen Kontakten sei individuell verschieden. Hinzu kommt: Auch Partnerschaften oder das Arbeitsumfeld können schädlich sein.
Nachwirkungen der Corona-Pandemie
Freija Geniale hielt junge Erwachsene wegen der Umbrüche in ihren Leben für besonders gefährdet. Übergänge, Umzüge und andere Veränderungen stellten ein Risiko dar. Und insbesondere bei sehr jungen Erwachsenen seien noch immer Nachwirkungen des Rückzugs aus der Corona-Zeit festzustellen. Auf einen Aufruf des Gesundheitsdepartements hin haben sich 20 Personen gemeldet, die sich als einsam bezeichnen. Zusammen mit ihnen sollen nun zielgruppenspezifische Projekte und Angebote entwickelt werden.
Soziale Isolation sei ein Stressfaktor, der sich negativer auf die Gesundheit auswirke als Übergewicht oder Alkoholkonsum, betonte Lang. Oft sei sie auch Folge einer Depression, ergänzte Victoria Block. Nach längerer Isolation sei es schwierig für die Menschen, wieder in Kontakt mit anderen zu treten. Die Angst vor Zurückweisung habe sich oft verfestigt. In solchen Fällen könne eine Therapie dabei helfen, wieder Neues zu wagen. Um Gleichgesinnte zu finden, sollte man sich selbst zunächst fragen, was einem wichtig ist.
Dass es für einen solchen Schritt auch praktische Hindernisgründe wie Armut, Krankheit oder ein stark fordernder Alltag gibt, war ein weiterer Aspekt, der von den Expertinnen angeführt wurde. Block ergänzte, dass die Kommunikation über soziale Medien bei schweren Krankheiten ein echtes Geschenk sein könne, um überhaupt mit anderen in Kontakt treten zu können.
Einsamkeit ist von außen nicht erkennbar
Die Expertinnen waren sich einig darüber, dass man Einsamkeit von außen nicht erkennen kann. Es sei daher wichtig, offen auf Menschen zuzugehen und auch einmal nachzufragen, wie es ihnen geht. Von staatlicher Seite her fand Geniale vor allem eine Sensibilisierung der Bevölkerung in Form von Kampagnen wichtig. Sie empfahl Freiwilligenarbeit als sinnstiftende Betätigung gegen Einsamkeit. Block hob die Bedeutung von Begegnungsräumen hervor.
„Niemand ist allein einsam“ lautete eine Erkenntnis des Abends. Dennoch sei das Thema häufig noch schambehaftet. Bei Angeboten gegen die Einsamkeit wird deshalb stets darüber nachgedacht, ob man sie beim Namen nennt und das Thema damit entstigmatisiert oder lieber den wie auch immer gearteten Eventcharakter in den Vordergrund stellt, um mehr Betroffene anzusprechen. Insbesondere Männer, so ergab die Gesprächsrunde, hätten oftmals Schwierigkeiten zu ihrer Einsamkeit zu stehen.
Generell seien Menschen in individualistisch geprägten Gesellschaften wie der Schweiz stärker gefährdet, aber auch ein Migrationshintergrund berge ein großes Risiko, wie Block ausführte. Diese Einschätzung bestätigte sich bei der Fragerunde. Denn viele Teilnehmer waren keine gebürtigen Schweizer.
„Ich versuche, beschäftigt zu bleiben. Ist das Flucht oder Sucht?“, wollte ein pensionierter alleinstehender Mann mit Migrationshintergrund wissen – „Hochrisikogruppe“, wie er meinte. Eine Frau mit französischem Akzent berichtete von ihren Besuchen bei Sportkursen, bei denen kaum je ein Gespräch zustande komme und alle hinterher gleich wieder gehen würden.
Kontaktaufnahme als Teil der Lösung
Die Expertinnenrunde nahm diese Erlebnisse sehr ernst und riet zu Aktivitäten, bei denen eher das Gespräch im Mittelpunkt steht. Eine weitere Teilnehmerin wies darauf hin, dass es solche Angebote auch in anderen Sprachen gibt. „Für mich hat das funktioniert“, erklärte sie. Jede Form der Kontaktaufnahme sei ein Teil der Lösung und keine Flucht, wurde aus der Expertenrunde heraus betont.