Sascha Schworm im Dachzimmer seines Tuninger Hauses, das seit drei Jahren als kleines Tonstudio fungiert. Foto: Ginter

45-Jähriger will anderen Betroffenen Mut machen. Diagnose war für ihn "Horror". 

Sascha Schworm hat Diabetes Typ 1. Für ihn ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr möchte er anderen Betroffenen mit Rat zur Seite zu stehen – deshalb stellt er Mutmach-Podcasts ins Netz. Wie er Erkrankte motivieren möchte, lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel.

 

Tuningen - Sascha Schworm kann sich noch gut an die erste Nacht nach seiner Diagnose erinnern. "Das war der Horror", erinnert sich der 45-Jährige. Viele Gedanken und Zukunftsängste schwirrten ihm in jener Nacht im Jahr 2005 durch den Kopf. Vorausgegangen war dem eine Zeit, in der der Tuninger täglich vier bis sechs Liter trank und ständig auf die Toilette musste, kurz, wie Sascha Schworm es beschreibt: "Trinken, pinkeln, trinken, pinkeln." Bei gutem Appetit magerte er auf 60 Kilo ab. Bis er mit katastrophalen Blutzuckerwerten in ein Krankenhaus ging und erfuhr: Er hat Diabetes Typ 1. Es war wohl eine nicht auskurierte Bronchitis, die im Körper des damals 30-Jährigen die Stoffwechselstörung des Zuckerhaushalts auslöste, bei der die Bauchspeicheldrüse selbst kaum noch Insulin produzieren kann.

Der sportliche Mann verschenkte seine Tauchausrüstung

Der erst Moment der Zuversicht kam aber schon am nächsten Morgen, als der behandelnde Arzt zu ihm sagte: "Wir kriegen das hin." Noch am selben Tag fing Sascha Schworm an, seine Blutzuckerwerte in Excel-Tabellen zu analysieren. Und dennoch: Zunächst nahm er sich voll zurück. Der sportliche Mann gab seinen über alles geliebten Sport auf, verschenkte seine Tauchausrüstung. "Ich habe alles an den Nagel gehängt und dachte, es geht nix mehr", erzählt der Tuninger. Bis zum ersten Aha-Erlebnis vergingen fünf Jahre: Da traf er bei einer Diabetes-Schulung einen Mann, der ihm Mut machte. Schworms Ehrgeiz war geweckt: Zunächst näherte er sich wieder dem Schwimmen an – vorerst immer am sicheren Rand entlang. Bewaffnet mit Säften, Müsliriegeln und mit Begleitfahrrad in petto fing er dann auch wieder an zu laufen.

Doch das reichte dem Tuninger nicht: 2012 begann er, wieder für den Triathlon zu trainieren. "Ich wusste, ich muss etwas Extremes machen. Normal kann ich nicht", sagt Schworm lachend. Viel habe dabei mit der inneren Einstellung zu tun: "Erst dachte ich: Überlebe ich das überhaupt?", erzählt der 45-Jährige. Doch nach erfolgreich absolviertem Triathlon kam die Erkenntnis: "Wenn das geht, geht wahrscheinlich alles." So wagte sich Schworm an den wohl größten Wettbewerb eines Triathleten: den Ironman auf Hawaii.

Auch hier wichen die Zweifel schnell dem Tatendrang. Sein Rat: "Wenn dir jeder sagt, es geht nicht, dann suche Menschen, die es gemacht haben." Schworm suchte und fand Rebecca Fondermann, die, trotz Diabetes, deutsche Meisterin im Crosstriathlon ist und auch den Ironman bereits gelaufen hat. Das motivierte ihn: 2015 meldete er sich zur Halbdistanz an und schaffte in sieben Stunden den halben Ironman – das sind 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 20 Kilometer Laufen. Wenn er an damals denkt, bekommt er immer noch Gänsehaut. "Danach gab es keine Grenzen mehr", sagt der Tuninger mit strahlenden Augen.

2017 fing er dann an, über seine Autoimmunkrankheit zu bloggen, gründete die Seite der Zuckerjunkies – ein Portal für diabetische Selbsthilfe. Bald produzierte der 45-Jährige auch seine ersten Podcasts. Damit möchte er Betroffenen Mut machen und zeigen, dass man auch mit Diabetes, davon ist Schworm überzeugt, alles machen kann.

Immer wieder lädt er auch betroffene Gäste ein, manche sind sogar prominent: Matthias Steiner etwa, deutscher Weltmeister im Gewichtheben, der ebenfalls Diabetes Typ 1 hat. Oder den Schauspieler und Komiker Tetje Mierendorf, bekannt aus der Fernsehsendung Schillerstraße. Er war als ehemaliges Schwergewicht von Diabetes Typ 2 betroffen – welche sich nach einer drastischen Gewichtsabnahme in Luft auflöste. Denn anders als Diabetes Typ 1 ist Typ 2 reversibel.

Verantwortung für den eigenen Körper übernehmen

Sascha Schworm möchte auch dazu animieren, Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen. Viele würden sich nach der Diagnose Diabetes Typ 2 blind auf den Arzt verlassen, ohne die Medikation zu hinterfragen. Wichtig seien, egal ob Typ 1 oder 2, eine gesunde Ernährung und Sport, sagt Schworm. Er empfiehlt viele Proteine und gute Fette und sagt: "Ich esse freiwillig kein Brot."

Kritisch sieht Schworm den Schwerbehindertenausweis, den Menschen mit Diabetes Typ 1 erhalten können. Wörter haben Macht, ist er überzeugt. "Wenn ich mir immer sage: Ich habe eine Krankheit. Was macht das dann mit mir?", fragt Schworm. Für ihn ist die Diabetes keine Krankheit, sondern, wie er sagt, "eine Begleiterscheinung".

Die betroffenen Menschen aus dem Selbstmitleid holen – das ist Schworms erklärtes Ziel. Dass das funktioniert, zeigen die vielen positiven Rückmeldungen, die er bekommt. Auch die Zahl seiner Follower auf Instagram steigt kontinuierlich. Und bei jedem Neuzugang bedankt er sich – schließlich möchte Schworm, so sagt er, einen "Positiv-Kanal" führen.