Der Tod des Ebinger Teehändlers Tuisko Johannes Laufer berührt viele. Und keiner weiß was über ihn. Oder doch? Die Kolumnistin hat sich die Finger blutig telefoniert bei der Recherche über sein Leben – und am Ende doch gemerkt: Es gibt Wichtigeres über einen Menschen zu wissen als dessen Lebensdaten.
Wie viel bleibt von einem Menschen? Vor einer Woche ist bekannt geworden, dass Tuisko Johannes Laufer gestorben ist. Schon am 11. Dezember. Sein Teeladen „Tula Tea“ in der Johann-Philipp-Palm-Straße in Ebingen sieht aus wie immer. Nur ein handbeschriebenes Blatt hängt innen an der Tür: „Bin einige Tage im Krankenhaus.“
Seit Samstag trudeln in unserer Redaktion die E-Mails ein von Lesern, denen es leid tut, dass der passionierte Teehändler gestorben ist – und die gerne einen Nachruf über ihn lesen, an ihn erinnert wissen möchten. Für Journalisten, die schon vermeintlich härtere Nüsse geknackt haben als etwas über das Leben eines Teehändlers, 200 Meter von der Redaktion entfernt, herauszufinden, ist es recht frustrierend: Keiner weiß wirklich viel über diesen Mann. Und keiner kennt jemanden, der etwas wissen könnte.
Die gute Seele im Hölzle
„Karl-Heinz und Yupha“ haben „stellvertretend für alle, die ihm nahestanden“, eine Todesanzeige aufgegeben. Im Jugendhaus Hölzle war er bis vor wenigen Jahren tätig. Offiziell als Hausmeister, aber dort sei er viel mehr gewesen, berichtet Carina Neumann, die Leiterin des Kinder- und Jugendbüros: Bote, Mädchen für alles, die gute Seele. Nur geredet habe er nicht viel, und schon gar nicht über sich selbst.
Über Tee konnte er endlos erzählen
Tee war das Thema, bei dem er dem Teufel ein Ohr abschwätzen konnte, wie die Schwaben sagen. Daran erinnern sich alle, die sich in der Redaktion gemeldet haben. Einer von ihnen weiß ein bisschen was über den Werdegang des Mannes, der am 7. Oktober 1944 geboren worden war: Etwa 1999 habe er ein Teelädchen in Ebingen eröffnet, wobei die Ladenlokale über die Zeit gewechselt hätten. „Er kam damals aus Sigmaringen, wo er mit seiner Frau einen Teeladen hatte“, erinnert sich der Leser. Doch die Ehe mit der Japanerin sei damals auseinander gegangen. Eine Tochter habe kurze Zeit in seinem Laden bedient, etwa 20 alt. „Was man sicher sagen kann: Er kannte die wichtigen Teeländer aus erster Hand und sagte mit berechtigtem Stolz von sich: ‚Ich bin Teehändler!‘“, schreibt der Leser. Einer mit wirklich viel Wissen um das Getränk und die Art, wie man es zubereitet. Einer, der stundenlang erzählen konnte, wo eine Teesorte herkommt, wie sie optimal aufzubrühen ist, um den besten Geschmack zu entfalten.
Der Tee hat ihn jung gehalten
80 Jahre alt – zumindest das geht aus der Todesanzeige hervor – ist Tuisko Johannes Laufer geworden. Was man ihm nicht angesehen hat. Was wird nun aus seinem Teeladen? Vermutlich wird er verschwinden, wie so viele Läden in den vergangenen Jahren in der Ebinger Innenstadt. Vielleicht werden wir im Vorbeigehen noch ins Fenster schauen und es bedauern, dass dort nicht mehr die vielen bunten Teetassen und Kännchen, viele davon lustig bemalt, stehen. Wenn wir einen lieblos verpackten Tee – Massenware! – aus dem Supermarkt mitnehmen, werden wir dem kleinen Geschäft und seinem Besitzer hinterhertrauern. Weil wir dort so gut beraten wurden von einem, der sich wirklich auskannte und nicht nur einfach etwas verkaufen, sondern seine Kunden glücklich machen wollte. Wenigstens für die Dauer des Genusses einer guten Tasse Tee.
Der kleine Prinz hat Recht
Das ist es, was wir ganz sicher wissen über Tuisko Johannes Laufer. Spielt es da eine Rolle, zu erfahren, wo er geboren wurde, welche Schule er besucht, welche Ausbildung er genossen hat? Brauchen wir die genauen Jahreszahlen seines Werdegangs, um uns im Gefühl zu wiegen, wir wüssten etwas über einen Menschen? „Wenn Ihr mich sucht, sucht mich in Euren Herzen“, hat Antoine de Saint-Exupéry in seinem berühmten Buch „Der kleine Prinz“ geschrieben. „Habe ich dort einen Platz gefunden, werde ich immer bei Euch sein.“ Das ist es doch, was zählt.