Der Impressionismus ist die wohl beliebteste Kunstrichtung der Moderne. Die große Ausstellung zu Camille Pissarro in Potsdam lohnt sich aber auch aus anderen Gründen.
Manchmal sollte man sich auf die eigenen Sinne verlassen. Man könnte zwar die Erläuterungen studieren und sich die wichtigen Etappen der Kunstgeschichte ins Gedächtnis rufen. Wer sich aber auf den eigenen Blick verlässt, dem wird das Herz aufgehen. Denn zwischen Saal 1 und 2 der großen Ausstellung von Camille Pissarro liegen Welten. Eben noch hatte er akribisch winzigste Details gemalt – und plötzlich klatscht er die Farbe so frei und luftig auf die Leinwand, als tanze der Pinsel. Und so, wie er das Laub fortan rascheln und die Wolken über den Himmel fegen lässt, ist unübersehbar: Künstlerisch war das ein grandioser Aufbruch in die Freiheit.
Beeindruckende Kehrtwendung
Es war eine wahrlich beeindruckende Kehrtwendung, die Pissarro machte, als er als 25-Jähriger nach Frankreich zog, seinen akkuraten Realismus hinter sich ließ und zum Impressionisten wurde – allerdings nie so richtig zu dieser Truppe von Künstlern passte, die heute so beliebt ist. Deshalb war es höchste Zeit, in einer großen Ausstellung zu zeigen, was diesen Pissarro eigentlich ausmacht. Und weil der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner eine hochkarätige Impressionisten-Sammlung besitzt, zeigt er in seinem Museum Barberini in Potsdam nun „Mit offenem Blick“.
Ausgangspunkt der Ausstellung sind Plattners sieben Gemälde Pissarros, es liegt aber an den zahlreichen Leihgaben aus aller Welt, dass man seinen ganz speziellen, durchaus wechselhaften Weg anschaulich nachzeichnen kann. Dass Pissarro nicht ins Schema passte, lag allein schon daran, dass er kein Franzose war, sondern 1830 auf Saint Thomas in der Karibik geboren wurde, einer dänischen Kolonie. Er erlebte die Abschaffung der Sklaverei und war ein anarchistischer Geist, für den kulturelle Vielfalt selbstverständlich war. So malte er ohne jeden Exotismus die entspannte Ruhe auf dem Markt von Caracas oder dunkelhäutige Frauen am Meer, die ihr Gepäck auf dem Kopf balancieren.
Die Bourgeoisie war ihm suspekt
Als Pissarro nach Paris ging, blieb er dänischer Staatsbürger, aber ihn machte auch seine jüdische Herkunft zum Außenseiter neben Antisemiten wie Edgar Degas. Pissarro war die Bourgeoisie suspekt, weshalb er nicht elegante Herrschaften in der Sommerfrische malte, sondern einfache Bauern beim Heumachen oder der Erbsenernte. Und es ist eine wahre Sinnesfreude, wie leicht er Gärten, Felder, Höfe ins Bild brachte.
1866 kauft Pissarro ein Haus in Louveciennes, westlich von Paris und baute die Scheune um als Atelier. „Meiner Malerei wird man es bestimmt anmerken“, notierte er, „meine Malkunst wird sich Handschuhe anziehen, alle Achtung, jetzt werde ich offiziös.“ Pissarro habe„eine beklagenswerte Vorliebe für Nutzgärten“, für Kohl und heimisches Gemüse, schrieb denn auch ein Kritiker 1874 zur ersten Impressionisten-Ausstellung, der aber durchaus von der Qualität der Bilder begeistert war. Aber Pissarro fühlte sich auf dem Land am Wohlsten – und war vermutlich so bodenständig wie seine Ehefrau Julie, die auf einem Porträt sehr patent wirkt. Sie war im Haus seiner Eltern als Bedienstete tätig gewesen – und dass er sie heiratete, zeigt, wie wenig er sich um Normen scherte.
Lastenträger, Arbeiter, Bedienstete
Besonders schön sind auch Pissarros Winterbilder. Man spürt förmlich, wie die Menschen frösteln, die in Paris über den Boulevard eilen und die Köpfe im Schneegestöber einziehen. Trotzdem scheint ihm die Stadt immer fremd geblieben zu sein. Wenn er die zahllosen Passanten oder die feiernde Masse beim Karneval malte, wählte er eine distanzierte Position aus dem Fenster heraus, als wage er sich nicht hinein in den Trubel.
Auch ohne kunsthistorische Expertise kann man an der chronologisch gehängten Ausstellung gut ablesen, wie enorm sich die Pissarros Malerei immer wieder veränderte. Ein so fulminanter Befreiungsschlag wie als junger Maler gelang ihm aber nicht mehr. Im Gegenteil arbeitete er immer kleinteiliger und entwickelte eine Art Pointillismus. Die Motive lösen sich durch die zahllosen Punkte aber keineswegs in pure Malerei auf, sondern verfestigen sich eher, was die Bilder statisch wirken lässt. 1892 schrieb er über ein Blumenbild, es sei „vielleicht zu gut“, er hätte gröber, rauer malen sollen. Offenbar ahnte er selbst, dass der Pointillismus ihn eher einengt als befreit.
Claude Monet wurde als Maler im Alter immer freier, und seine riesigen Seerosenbildern sind deshalb so bedeutend , weil er sich hier immer expressiver austobte. Auch Hasso Plattner besitzt eines dieser begehrten Spätwerke Monets, das in der Dauerausstellung im Museum Barberini hängt. Pissarro scheint dagegen in einer Sackgasse stecken geblieben zu sein. Wie die anderen Impressionisten reiste auch er nach Rouen und Le Havre, wo er auf Anraten Monets auch Motive zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten malte. Die Qualität seiner frühen Malerei erreichte er nicht mehr. Gesellschaftspolitisch aber bewahrte er sich seinen offenen, toleranten Blick bis zuletzt, seine Sympathien galten der arbeitenden Bevölkerung – ob er seine Julie bei der Gartenarbeit oder Paris malte. So tauchen auch dort im Gewimmel auf den Straßen nicht nur die feinen Leute auf, sondern alle Bevölkerungsgruppen –Lastenträger, Arbeiter, Bedienstete.
Vom armen Schlucker zur Weltstar
Verkäufe
Als Pissarro nach Frankreich zog, wurde Camille Corot sein Lehrer. Er war mit Monet und Renoir befreundet. Obwohl er regelmäßig ausstellte, verkauften sich seine Bilder nicht, sodass die Familie meist von den Erträgen ihres Gartens leben musste. Erst im Alter gelang Pissarro auch ökonomisch der Durchbruch. In den vergangenen Jahren haben seine Werke bei Auktionen mitunter sechs Millionen Euro erzielt.
Ausstellung
„Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro“ im Museum Barberini in Potsdam ist bis 28. September zu sehen und täglich außer Dienstag von 10 bis 19 Uhr geöffnet.