Hans D. Christ leitet gemeinsam mit Iris Dressler den Württembergischen Kunstverein Stuttgart Foto: wkv/wkv

Die international gefeierte Künstlerin Adina Pintilie zeigt am 11. Januar im Württembergischen Kunstverein Stuttgart eine neue Performance. Wie weit darf Begehren gehen? Kunstvereinsdirektor Hans D. Christ antwortet.

„You Are Another Me. Eine Kathedrale des Körpers“ ist die aktuelle Einzelausstellung der rumänischen Biennale-Künstlerin Adina Pintilie im Württembergischen Kunstverein Stuttgart betitelt. An diesem Donnerstag, 11. Januar (18.30 bis 21 Uhr, Altersempfehlung: ab 18), kommt Pintilie zur Premiere ihrer Performance „Waffenstillstand“ mit Dirk Lange und Hermann Müller nach Stuttgart. Bewusst fragt Pintilie auch dabei nach Grenzen von Nähe und Distanz, von Sexualität und Wahrnehmung jedweder Körperlichkeit. Welche Bedeutung hat dieses Projekt für den Kunstverein? Direktor Hans D. Christ gibt Antworten.

 

Herr Christ, mit „You Are Another Me” zeigt der Kunstverein eine national und international beachtete Schau. Grundthema von Adina Pintilie ist die Frage nach dem Recht auf Begehren. Das Begleitprogramm bis hin zur Performance „Waffenstillstand“ lässt durchblicken, dass die Ausstellung auch einen politischen Anspruch hat. Ist das richtig?

Wenn wir über Normierung von Körper sprechen, wenn wir über Geschlecht reden, dann beschreiben wir gesellschaftliche, soziale Konstruktionen, die sich politisch manifestieren. Körper werden institutionalisiert, mit binären Regelwerken belegt, die bis zur Rechtssprechung politisch festgeschrieben werden. Dies ist oftmals eine Politik der Repression gegenüber den Körpern, die in dem Regelwerk der Normierung nicht aufgehen. Der Kampf um die Anerkennung des Rechts auf Intimität und Sexualität hat das Paradox, dass hier gesellschaftliche Kodierungen und Konventionen die „normalste Sache der Welt“ für einen Anteil der Gesellschaft als illegitimen Ausdruck eigenen Begehrens definieren. Dies einzufordern, ist in diesem Sinne zutiefst politisch.

Die Schau ist aber zugleich auch künstlerisch höchst anspruchsvoll. Pintilie arbeitet mit Verweisen, mit unterschiedlichen Präsentationsebenen – und wird an diesem Donnerstag auch die Ausgangsperformance erneut aufführen. Was macht für Sie den Reiz dieser konkret diversen Ebenen aus?

Wir kennen das Storyboard der Performance nicht im Detail, aber es ist jetzt schon klar, dass es nicht um eine Verdoppelung der Videoinstallation geht. Der weiße Raum mit seinen halbtransparenten Wänden und der verschachtelten, sich gegenseitig überlagernden flächigen Architektur, war immer auch als Filmset gedacht. Darüber hinaus werden neue Film- und Textsequenzen auf den vorhandenen Projektionsflächen in diesem Raumsegment gezeigt.

Adina Pintilie präsentiert „Waffenstillstand“ in ihrem eigenen Ausstellungsraum Foto: AP/wkv

Es geht also um eine neuerliche Erweiterung der Thematik?

Ja, wir werden eine mehrfache Verschiebung zwischen dem Ausstellungsset, einem Filmset und dem Live Act erleben. Alle drei Elemente wirken wiederum auf die Handlungsebene zurück. Ich bin selber sehr gespannt, wie dies zueinander kommen wird.

Und wie begleiten Sie diese Performance? Ein Video schafft gegebenenfalls Distanz zum gefilmten Geschehen, eine Live-Performance bringt eigene Nähe. Bereiten Sie das Publikum darauf in besonderer Weise vor? Oder sehen Sie diese Frage bereits als Teil der Debatte?

Beides. Die Frage ist Teil des Problems, wenn sich Körper exponieren und andere diese rezipieren. Es gibt immer die Grenze zwischen Voyeurismus, der Lust sich zu zeigen und im Moment des Live Acts auch immer die Option, dass die Grenze aufgehoben, überschritten oder bewusst verletzt wird. Das Publikum wird darauf hingewiesen und wir haben zum Schutz der Akteure geschultes Personal vor Ort.

Wie ist denn vorab die Resonanz auf dieses Vier-Tages-Finale der Pintilie-Schau – im Kunstbetrieb darf man ja durchaus von einem Ereignis sprechen?

Man muss das vergangene Wochenende und den Dienstag noch hinzunehmen. Der Auftakt am Sonntag war fulminant. Es war voll, es waren gute Performances und eine schöne sich gegenseitig tragende Atmosphäre.

Zu dieser gehört, dass Iris Dressler und Sie als Direktorenduo des Kunstvereins in den vergangenen Tagen immer wieder den Kontakt in Netzwerke in der Region gesucht haben. Gibt es aus Ihrer Sicht bereits Bewegung? Gerade in der Region Stuttgart ist ja die Zahl der Lebenshilfe-Einrichtungen sehr hoch. Gibt es auch zu diesen Kontakte?

Wenn wir dies nur in den vergangenen Tagen gemacht hätten, wäre dies etwas unseriös. Es gibt inzwischen ein sich gegenseitig Wahrnehmen, in dem der Kunstverein von den unterschiedlichsten, gesellschaftlichen Gruppen als Möglichkeitsraum für eigene Anliegen wahrgenommen wird. Aus der „Eigenregie“ kommt die Performance von Adina und das Programm am Samstag mit Paul Preciado. Alle anderen Programmpunkte wurden autonom von Gruppen vor Ort entwickelt oder sind durch Anfragen an uns herangetragen worden.

Bei der Berlinale 2018 mit dem Goldenen Bären geehrt: Adina Pintilie Foto: dpa/dpa

„You Are Another Me“ ist eine komplexe, faszinierende, vielleicht auch irritierende Ausstellung. Wie ist denn das Interesse vor Ort? Und wie wichtig ist diese Schau für Ihre immer angestrebte nationale und internationale Positionierung?

Zum letzteren kann man nur sagen, dass die Qualität, die politische Haltung und der Anspruch auf Komplexität national wie international schon seit Jahren anerkannt wird. Hierfür ist es auch wichtig, dass wir in Relation zu den kritischen Fragestellung der Zeit und deren thematischen Feldern eine nachhaltige Kontinuität aufweisen. Wenn wir jetzt zugleich in dieser letzten Woche der Ausstellung die Katalogpräsentation zu Lorenza Böttner im Programm haben, dann verbinden sich hier Programme von 2019 bis heute. Das Interesse vor Ort ist weit gefächert und kommt nicht nur aus dem klassischen Kunstbetrieb.

Performance als Auftakt des Pintilie-Finales

Die Ausstellung
„You Are Another Me. Eine Kathedrale des Körpers“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz) ist bis zum 14. Januar zu sehen (Di bis So 11 bis 18 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr). Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro). Die Ausstellung hat eine Altersempfehlung – mindestens 16 Jahre sollten Besucherinnen und Besucher sein.

Die Performance
Zum Ende der Ausstellung am 14. Januar wird Adina Pintilies neue Installation „Waffenstillstand“ durch die Premiere einer zweieinhalbstündigen Performance aktiviert (11. Januar 2024, 18.30 bis 21 Uhr). Gemeinsam mit Pintilie und ihrem Team laden Dirk Lange und Hermann Müller das Publikum dazu ein, an einem Prozess teilzuhaben, der untersucht, wie Zeitlichkeit, Erinnerung und Geschichte in den Körper eingeschrieben sind und Erfahrungen von Intimität beeinflussen.

Die Beteiligten
Seit mehreren Jahren arbeitet Adina Pintilie mit einem festen Stamm zusammen. Es sind die Aktivistinnen und Aktivisten für Behindertenrecht Christian Bayerlein und Grit Uhlemann, die Schauspielerin und Pädagogin Laura Benson, die Transgenderaktivistin und Sexarbeiterin Hanna Hofmann sowie die Schauspieler Hermann Müller und Dirk Lange.

Die Verantwortlichen
Seit 2005 lenken Iris Dressler und Hans D. Christ als Direktorenduo den Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Ihre Ausstellungsarbeit ist bestimmt von der Idee künstlerischer Forschungsarbeit zu gesellschaftlichen Fragestellungen.