Giftig oder essbar? Das ist oft die erste Frage, die sich einem angesichts eines Pilzes im Wald stellt. Dabei ist der viel mehr als nur ein Lebensmittel. Pilz-Coach und Biologin Verena Maria Becker weiß, dass Pilze echte Superkräfte haben – und will, dass das die ganze Welt erfährt.
Dottergelb, haselnussbraun, rot mit weißen Punkten, gewölbt oder zipfelmützenförmig – Pilze ziehen einen allein schon durch ihr faszinierendes Aussehen in ihren Bann. So ging es auch Verena Maria Becker aus Malsch (Landkreis Karlsruhe) vor vielen Jahren, als sie mit der Kamera in der Natur unterwegs war. Von der Schönheit der Farben und Strukturen angezogen, beschäftigte die Naturliebhaberin sich näher mit den Lebewesen. Heute lässt die freiberufliche Biologin andere Menschen in die Welt des Waldes eintauchen und zeigt, was sich mit geschultem Auge alles entdecken lässt.
Auf Erkundungstour im Wald ist die 32-Jährige fast täglich. Und entdeckt dabei trotzdem immer wieder Neues. Kein Wunder, schließlich gibt es allein in Deutschland laut Deutscher Gesellschaft für Mykologie (Pilzkunde) um die 10.000 Großpilzarten. Um die zu finden, muss man aber wissen, wo man suchen muss. „Daran scheitert es meist. Und viele, die gezielt Pilze sammeln wollen, sind frustriert, weil sie einfach keine finden“, weiß Becker. „Dabei sind sie überall. Man muss lediglich das Auge schulen.“
In Exkursionen und Workshops erklärt die Naturliebhaberin, worauf man bei der Suche achten muss, aber auch, welche spannenden Dinge es über Pilze zu erfahren gibt. Diese gelten nämlich ihrer Ansicht nach völlig zu Unrecht als eher uncool. Auch die Annahme, man wisse schon alles, was es über den Wald und die Pilze zu wissen gibt, sei ein Trugschluss. „Es gibt noch so viele unerforschte Dinge, etwa zum Vorkommen der Pilze, dazu neue genetische Verfahren als Forschungsmethoden und dadurch immer wieder neue Erkenntnisse“, erzählt Becker begeistert. Sie selbst habe erst im Studium gemerkt, wie wenig sie eigentlich wirklich über Pilze gewusst hatte.
Ihr Bachelor-Studium zur Biologin mit den Schwerpunkten Botanik und Waldökologie hat die 32-Jährige 2021 abgeschlossen. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Biologin und Pilz-Coach der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Parallel macht sie ihren Master-Abschluss im Bereich Biodiversität und Umweltbildung als Basis für Exkursionen und die Erstellung von Lehrmaterialien.
Als Pilz-Coach macht Verena Maria Becker dabei nicht die bekannten Körbchen-Kontrollen – „das ist eher das Gebiet des Pilzberaters“ – sondern bringt den Menschen die wundervolle Welt der Pilze auf ganz verschiedene Art näher: wissenschaftlich und kreativ.
Die Wahrnehmung schulen
Ein erster Einblick in die Welt der Pilze kann sich beispielsweise über das „Natur Journaling“ eröffnen, zu dem Becker einen Workshop anbietet. Das Prinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Man begibt sich in den Wald und hält mit Stift und Papier das fest, was man sieht. Damit soll das bewusste Wahrnehmen und Beobachten geschult werden. „Besonders bei Jugendgruppen kann das wirkungsvoll sein, weil es kein so wissenschaftlicher Ansatz ist, sondern ein kreativer.“
Es gehe dabei aber nicht darum, ein möglichst schönes Bild des Pilzes zu zeichnen. Man soll sich einfach mit der einen umgebenden Natur auseinandersetzen. Später kann diese Wahrnehmung dann mit den Informationen eines Pilze-Führers abgeglichen werden.
Berührungen sind ungefährlich
„Es gibt vieles, was mich an Pilzen fasziniert“, sagt Verena Maria Becker lächelnd. „Es ist die Art, wie sie sich als Lebewesen mit Bäumen und Pflanzen vernetzen, ihnen bei der Wasseraufnahme helfen und gleichzeitig totes Material zersetzen und damit Nährstoffe für die Pflanzen frei werden lassen.“ Spannend sei aber auch der Gedanke, dass das vom Pilz Sichtbare eigentlich nur der kleinste Teil des Lebewesens sei. „Unter der Oberfläche passiert noch viel mehr.“
Und das soll auch weiterhin durch wissbegierige Menschen erforscht werden, wünscht sich die 32-Jährige. „Mir ist wichtig, dass dieses Wissen um Pilze nicht verloren geht. Ich möchte die Artenkenntnis weitergeben“, erklärt sie ihre Beweggründe für Exkursionen, Info-Veranstaltungen und Workshops.
Insbesondere Kindern sollen aber auch Berührungsängste genommen werden. „Ich habe in der Schule nicht sonderlich viel über Pilze gelernt, außer, dass sie giftig sein können. Deshalb hatte ich als Kind eher Angst vor ihnen“, erzählt Verena Maria Becker. Dabei ist eine bloße Berührung bei allen in Deutschland vorkommenden Pilzarten absolut ungefährlich, stellt sie klar.
Plastiktüten sind ein No-Go
Zur Einordnung: Von den mehr als 10.000 Großpilzen in Mitteleuropa sind rund 200 Arten essbar und 150 giftig, wie die Deutsche Gesellschaft für Mykologie informiert. Lediglich etwa zehn Arten sind potenziell tödlich, ergänzt Becker. Die meisten Vergiftungen, die sich dann oft in Bauchschmerzen und Übelkeit äußerten, kämen aber nicht davon, dass man giftige Arten gesammelt habe, sondern, dass die Pilze alt waren, zu wenig erhitzt oder falsch gelagert wurden, sagt die Biologin. Plastiktüten seien ein No-Go. „Am besten ist ein luftdurchlässiger Behälter wie das klassische Pilzkörbchen.“
Was nun die Identifizierung der Pilzart angeht, so hat Verena Maria Becker eine Grundregel: keine Bestimmung nur aufgrund der Optik. „Anhand eines Fotos kann man die Art nicht zweifelsfrei bestimmen. Dazu braucht man Informationen zum Fundort, zum Geruch und der Beschaffenheit des Pilzes.“ Manche Arten seien sich auch so ähnlich, dass man sie nur durch Mikroskopieren richtig auseinanderhalten könne. Auch wenn der Pilz als Lebensmittel nicht im Fokus ihrer Kurse steht, gibt Becker den Teilnehmern ihrer Kurse Informationen zu 20 „Einsteiger-Pilzarten“ weiter.
Taschen aus Pilzleder
Und welche Arten kann man nun im Nordschwarzwald entdecken? Dazu müsse man sich zuerst den Boden und den Baumbestand anschauen, rät Becker. In saurem Boden (mit niedrigem pH-Wert) mit Nadelwald, wie es in ihrer Heimat der Fall ist, fühlen sich beispielsweise Hexenröhrling, Krause Glucke und die Schmetterlingstramete wohl.
Unglaublich gerne finden würde der Pilz-Coach einmal einen Gitterling. Zu ihren Lieblingspilzen gehört der Schopf-Tintling, den man ab April oder Mai beobachten kann. Er sei nicht nur ein schmackhafter Speisepilz und optisch ansprechend durch seinen weißen, eierförmigen Hut; früher habe man aus ihm auch Tinte hergestellt. „Und das kann man immer noch“, sagt Becker begeistert.
Am liebsten wird die leidenschaftliche Naturfotografin nämlich mit den Pilzen kreativ und experimentiert. So könne man beispielsweise Sporenabdrücke nehmen, Stoffe mit Pilzen einfärben, Tinte herstellen oder Pilzleder aus dem Zunderschwamm beispielsweise. Könnte das eine vegane, nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Leder sein? „Man kann aus dem Pilzleder Taschen herstellen“, weiß Becker. Die Haptik sei dabei toll, wie bei Wildleder. Hüte und Taschen aus Pilzleder würden beispielsweise oft in Rumänien hergestellt. „Das Manko ist allerdings, dass das unbehandelte Material nicht nass werden darf, sonst wird es matschig“, sagt sie lachend.
Pilze wie Champignons können auch selbst gezüchtet werden, etwa mittels Kaffeesatzes als Nährboden. „So eine Züchtung ist allerdings sehr betreuungsintensiv“, sagt Becker aus Erfahrung.
Um Pilzfreunde und solche, die es noch werden wollen, auf dem Laufenden zu halten und regelmäßig über Arten oder Anwendungsmöglichkeiten zu informieren, plant Verena Maria Becker die „Pilzpost“. Darin enthalten sollen monatliche Lerneinheiten rund um Pilze sein. Auch eine Online-Lerngruppe kann sich die 32-Jährige vorstellen. Der Start ist im Herbst geplant. „Vielleicht entdeckt man da, abseits von den klassischen Themenbereichen, ein ganz neues Hobby für sich.“ Und damit eine verborgene Welt, die direkt vor der Haustür darauf wartet, entdeckt und bewundert zu werden.
Mehr Infos unter: www.in-die-waldwildnis.de und über Instagram
Folgende Tipps hat die Biologin für die Pilzsuche/Pilzbehandlung
1.Für den Anfang sollte man sich bei der Suche auf einzelne, eindeutig bestimmbare Arten beschränken, wie zum Beispiel Steinpilze, die zu den Röhrlingen gehören. Denn unter diesen gibt es keine tödlich giftigen Arten.
2.Im Körbchen sollte nur landen, was man vor Ort zweifelsfrei bestimmt hat. Wer das erst im Nachhinein tut, dem können im Zweifel wichtige Informationen zur Einordnung fehlen.
3.Gesammelt werden sollte achtsam, das bedeutet: nur für den eigenen Bedarf. Zwar pflückt man nur die „Frucht“, sodass die Pilze im nächsten Jahr wiederkommen, aber der Pilz will sich ja auch vermehren. Was als Eigenbedarfsmenge gilt, regelt jedes Bundesland anders. Im Naturschutzgebiet oder Nationalpark darf nicht gesammelt werden. Städte und Gemeinden stellen auch Karten zur Verfügung, in denen festgehalten ist, wo das Sammeln erlaubt beziehungsweise verboten ist.
4.Die gesammelten Pilze sollten so schnell wie möglich zubereitet oder getrocknet werden, am besten am selben Tag. „Sie sind wie Fleisch zu behandeln.“
5.Um für die Bestimmung alle Merkmale zu haben, sollten die Pilze am Anfang nicht abgeschnitten, sondern mit Stiel aus dem Boden genommen werden. Zur Zubereitung empfiehlt Verena Maria Becker, die Pilze abzubürsten und dann für 15 bis 20 Minuten zu erhitzen.
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Kurioses
Größer geht nicht
Ein Pilz in Oregon, ein Hallimasch, gilt als der größte Organismus der Welt. Das schreibt die Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. Das Netzwerk dieses Pilzes erstrecke sich über eine Fläche von neun Quadratkilometern – was rund 1200 Fußballfeldern entspricht. „Forscher schätzen, dass der Riesenpilz bis zu 8.500 Jahre alt und 400.000 Kilogramm schwersein könnte.“ Sein Netzwerk besteht aus dünnen Pilzfäden („Myzel“). Das Myzel verbindet Pilze mit anderen Lebewesen und Bodenbereichen. Das ermögliche es ihnen, lebensnotwendige Stoffe auszutauschen.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien erstmals am 23. Oktober 2023 und wurde aufgrund der aktuellen Relevanz aktualisiert.
