Alle Unikliniken und 200 Krankenhäuser im Land machen mit. Es geht um die Gesundheitscloud „Medicus“. Die Plattform weckt hohe Erwartungen. Worum es im Kern geht.
Schon die Vorstellung, dass Patienten mit einer ernsteren Erkrankung den seitenlangen Anamnesebogen nicht mehr beim Onkologen, beim Radiologen, beim Chirurgen, beim Anästhesisten und vielleicht weiteren Abteilungen im Krankenhaus immer wieder aufs Neue ausfüllen müssen, klingt aktuell nach Utopie und ferner Zukunft. Aber genau so will Frederic Wenz, der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik in Freiburg und der Universitätsmedizin in Baden-Württemberg, nicht verstanden werden. „Es geht um die nahe Zukunft“, betont der Mediziner bei der Pressekonferenz über die baden-württembergische Gesundheitscloud „Medicus“, die er gemeinsam mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und dem Innen- und Digitalminister Thomas Strobl (CDU) bestreitet.
Startschuss fällt 2025
Die digitale Plattform für Gesundheitsdaten, die die Landesregierung an diesem Dienstag beschlossen hat, soll nächstes Jahr starten, den Austausch wichtiger Patientendaten beschleunigen und die medizinische Versorgung revolutionieren. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Notaufnahme eines Krankenhauses, weil Sie sich beim Mountainbiken das Bein gebrochen haben“, sagt der Mediziner. Obwohl die Hausarztpraxis längst geschlossen sei, könnten die Ärzte den Patienten „ohne Zeitverlust richtig behandeln“, weil der ihnen Zugriff auf seine in der Cloud gespeicherten persönlichen Gesundheitsdaten samt Medikation und Vorerkrankungen gewähre. Dass Menschen wegen Wechselwirkungen von Medikamenten sterben, müsse in Zeiten von Gesundheitscloud und KI-gestützten Auswertungen auch nicht mehr sein.
Alle baden-württembergischen Universitätskliniken und 200 weitere Krankenhäuser beteiligen sich laut Wenz an dem Pilotprojekt. Schon allein die Zahl belege, dass dieses Pilotprojekt für die digitale Transformation im Gesundheitswesen einen Durchbruch darstelle.
Auch Kretschmann und Strobl sparten nicht mit Lob. Sie sind überzeugt, dass das Landesprojekt, das im Rahmen des „Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“ entwickelt wurde, bundes- und europaweit Signalwirkung entfalten und Nachahmer finden kann. „Medizinischer Fortschritt ist untrennbar mit der Nutzung von Daten verbunden“, betonte Ministerpräsident Kretschmann. Die vorhandenen Daten seien bisher nur eingeschränkt nutzbar. Mit der landeseigenen „Medicus“-Cloud seien Hoffnungen auf bessere Diagnosen, mehr personalisierte Therapien für Patienten und eine bessere Gesundheitsversorgung verknüpft.
Erst Kliniken, dann Ärzte einbeziehen
„Die Daten müssen dort zur Verfügung stehen, wo sie für die Behandlung gebraucht werden“, sagte Strobl. Mit einer Cloud, in der Gesundheitsdaten gespeichert seien, wären lästige und teure Doppeluntersuchungen vermeidbar. Außerdem könnten über die Plattform Laborergebnisse, Bilder oder medizinische Befundberichte ausgetauscht werden.
Die Plattform soll laut Strobl bereits 2025 mit ersten Diensten an den Start gehen und schrittweise ausgebaut werden. Für die Startphase der Plattform hat das Land zunächst 17,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Der weitere Ausbau soll nochmals acht Millionen Euro kosten, die im nächsten Doppelhaushalt noch abgesichert werden müssen, erklärte Kretschmann. Zunächst soll die Plattform von Krankenhäusern genutzt werden, später sollen auch Arztpraxen eingebunden werden.