Jan Lisiecki Foto: Christoph Koestlin

Der Pianist Jan Lisiecki hat mit den Göteborger Symphoniker beim Meisterkonzert in der Liederhalle gespielt.

Chopin, so lautet ein häufig geäußerter Vorwurf, habe nicht gut für Orchester komponieren können. Tatsächlich sind die beiden Klavierkonzerte, seine mit Abstand bedeutendsten Werke mit Orchester, nicht mit den Pendants von Beethoven oder gar Brahms vergleichbar, in denen Orchester und Soloinstrument quasi gleichwertige Rollen einnehmen.

 

Der Vorwurf geht gleichwohl ins Leere, denn Chopins Konzerte streben einen sinfonischen Dialog zwischen Klavier und Orchester gar nicht an. Nicht Beethovens formale Experimente haben sie zum Vorbild, stattdessen führen sie das romantische Virtuosenkonzert, wie es Komponisten wie Friedrich Kalkbrenner entworfen hatten, zu letzten Höhepunkten. Das heißt: der Pianist ist der Chef. Das Orchester hat zu dienen. Wie diese Konstellation ideal funktionieren kann, konnte man am Mittwochabend beim Meisterkonzert der Russ Klassik im gut besetzten Beethovensaal erleben, als der Pianist Jan Lisiecki zusammen mit den Göteborger Symphonikern das erste der beiden chopinschen Klavierkonzerte gespielt hat.

Pianistisch kann er alles

Lisiecki galt als Wunderkind. Die beiden Chopinkonzerte hatte der Kanadier schon als 13-Jähriger mit der Sinfonia Varsovia eingespielt, mit 15 hatte er bereits einen Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon in der Tasche. Warum er heute zu den weltweit führenden Pianisten zählt, machte der 30-Jährige an diesem Abend nun auf imponierende Weise deutlich.

Interessant ist, dass Lisiecki pianistisch alles kann, sich diese Virtuosität aber nicht in den Vordergrund drängt. Den drängenden Impetus, den das Orchester im ersten Satz des e-Moll Konzerts vorgibt, nimmt er auf und führt ihn stringent weiter, aber man hat niemals den Eindruck, dass sich hier ein Pianistenego inszeniert. Alles ist aus der Musik entwickelt, folgt ihrer inhärenten Logik. Gefühlvoll, aber weit entfernt von Kitschverdacht, zelebriert er das wundervolle Larghetto – vielleicht eines der schönsten Musikstücke überhaupt –, und im Rondofinale lässt er die pianistischen Raketen derart fulminant zünden, dass das Publikum nach dem Schlussakkord in Ovationen ausbricht. Bei der Zugabe bleibt er in der Tonart: das e-Moll Prélude aus Chopins Zyklus spielt er als grüblerische Miniatur.

Hatte der Dirigent des Göteborger Orchesters Santtu-Matias Ruvali sich bis dahin den Direktiven des Solisten ohne Reibungsverluste angepasst, so musste er in Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll das Ruder selbst in die Hand nehmen.

Nun ist Tschaikowskys letztes Werk Bekenntnismusik von existenzieller Dringlichkeit. Die Tragik ist ihm tief eingeschrieben, selbst dem äußerlich optimistisch wirkenden Scherzo, das Ruvali als prachtvoll auftrumpfenden Marsch inszeniert. Mit wenig Gespür für innere Kohärenz hatte Ruvali schon im ersten Satz die Formteile quasi aneinandergereiht, das Finale mit dem allmählichen Verlöschen des Lebenslichts immerhin gelang überzeugend. Zwei bereitwillig gewährte Zugaben: Wilhelm Stenhammars „Interlude“ aus der Kantate „Sangen“ Op. 44 und „Alla Marcia“ aus Sibelius’ „Karelia Suite“ op. 11.