Mit einem Heimspiel beginnt Philipp Poisel die Tour zu seinem aktuellen Album. Im Gespräch erzählt er unter anderem über die Auswirkungen der Pandemie auf sein Leben als Musiker.
Der aus Ludwigsburg stammende Singer-Songwriter Philipp Poisel geht im November das erste Mal seit Pandemiebeginn wieder auf Tour, um sein aktuelles Album „Neon“ vorzustellen. Im Interview erzählt er, warum er sich darauf freut, wieder mit den Fans in Kontakt zu treten, warum und für was er sich im Lockdown an der Uni eingeschrieben hat und was die Zukunft noch so bringt.
Herr Poisel, Sie gehen am 22. November wieder auf Tour. Wie gut ist dieser Zeitpunkt gewählt? Viele Musikerinnen und Musiker müssen ihre Touren absagen, weil das Publikum immer noch fernbleibt.
Ich habe eine große Sehnsucht danach, wieder aufzutreten und meine Fans zu sehen. Es kommt mir ganz absurd vor, dass ich so lange nicht auf der Bühne war. Wenn man nur virtuell Musik macht, fehlt einem einfach das Feedback. Ich weiß ja gar nicht, was die Leute da draußen von meiner Musik halten. Und irgendwann ist die CD dann auch so lange her, dass man schon wieder die nächste machen möchte. Solange es den Hauch einer Chance gibt, dass es klappt, würde ich es jederzeit versuchen.
Wie erging es Ihnen denn seit Pandemiebeginn?
Neben der Musik habe ich versucht, nicht stehenzubleiben, sondern etwas für meine Weiterentwicklung zu tun. Schließlich bin ich an die Uni gegangen.
Und was haben Sie dort gemacht?
Ich bin immer noch an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung eingeschrieben. Dadurch war ich ziemlich beschäftigt. Das hat sich auch auf mein Album ausgewirkt, weil ich einen guten Ausgleich hatte.
Wird es da ein konkretes Projekt von Ihnen geben?
Mal schauen. Das ist noch so frisch und neu, dass ich damit an die Öffentlichkeit gehe. Ich möchte jedenfalls kein Künstler sein, der nur davon erzählen kann, wie es auf Tour ist. Mein ganzes Leben als Musiker war auch immer von der Zeit davor geprägt. In meinen Alben ist das dann schließlich kumuliert. Während des Lockdowns habe ich gemerkt, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich wieder ausbrechen sollte, weil einem sonst irgendwann die Ideen ausgehen und man nur noch in seiner Blase feststeckt.
Eine Krise folgt der nächsten. Der Winter steht vor der Tür. Wie viele Pullover tragen Sie zuhause?
Ich mache mir schon meine Gedanken und bin jetzt bedachter. Wenn ich nicht da bin, drehe ich die Heizung runter und schaue, dass keine unnötigen Lichter an sind. Aber ich schränke mich auch nicht extrem ein. Bei mir sind es auf jeden Fall ein paar Grad weniger als sonst. Ich habe auch das Gefühl, dass der Körper sich ein bisschen darauf einstellt und damit komme ich zurecht.
Wie erging es Ihnen als der Krieg in der Ukraine begann?
Ich versuche da immer eine Dosis zu finden, die mich nicht so runterzieht, dass ich nicht mehr richtig in meinen Alltag finde.
Konnten Sie das Thema musikalisch verarbeiten?
Dazu sind die Ereignisse noch zu frisch. Es dauert bei mir, bis man da etwas zu hören bekommt. Ich arbeite viel mit Klavier und Gitarre und mittlerweile auch am Computer. Da kann man gut mit einer digitalen Band arbeiten, was mir Spaß macht. Doch es dauert dann ein paar Jahre, bis sich solche Sachen in meiner Musik widerspiegeln.
Weshalb ist denn immer noch die Liebe so zentral in Ihren Songs?
Ich habe das eigentlich nie so wahrgenommen, dass ich da in einer bestimmten Kategorie unterwegs bin. Erst durch das Feedback von außen habe ich das reflektiert. Das passiert eher unterbewusst bei mir. Und ich würde sagen, dass ich mit der Musik vieles verarbeiten kann. Ich schaffe es so, Konflikte besser aufzulösen und Gefühle wahrzunehmen. Das hat für mich einen starken Aspekt der Auseinandersetzung. Ich überlege auch nicht direkt, ob mich das interessiert, sondern erst am Ende ist dann zu sehen, was dabei herausgekommen ist.
Was wird es auf der Tour zu sehen geben?
Natürlich geht keiner nach Hause, ohne dass sein Lieblingslied gespielt wurde. Das kommt nicht in Frage. Für mich als Künstler ist es spannend, endlich die Lieder live auszuprobieren. Live entwickeln Songs noch mal eine ganz andere Eigenständigkeit. Ich weiß ja gar nicht, ob die Songs vom neuen Album die Leute auch ansprechen. Und dann freue ich mich darauf, wieder als eingeschworene Gemeinschaft zusammenzukommen. Ich bin freudig aufgeregt!
Das kann man glauben. Wie sieht denn Ihre Besetzung aus?
Also so groß wie auf der letzten Tour wird es nicht. Ich habe auch aus Fehlern aus der Vergangenheit gelernt. Da habe ich mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Diesmal wird es nicht so viel Licht und Konfetti geben, sondern die Musik wird im Vordergrund stehen.
Was bringt die Zukunft noch?
Es gab ja schon vor zwei Jahren das Jubiläum vom Projekt Seerosenteich, meinem ersten Album, und wir konnten das nie richtig feiern. Das will ich nachholen. Ich habe vor, möglichst viele kleine Konzerte zu geben und den Fans nahe zu sein. Da will ich jede Zeit nutzen, die möglich ist. Mal gucken, was der Sommer so bringt. Ich bin mit planen vorsichtig geworden, aber gehe in jedem Fall optimistisch an die Sache heran.
Liedermacher aus Ludwigsburg
Zur Person
2008 trat der in Ludwigsburg lebende Philipp Poisel (39) mit seinem Debütalbum „Wo fängt dein Himmel an?“ musikalisch in Erscheinung.
Musik
Poisel steht beim Grönemeyer-Label Grönland Records unter Vertrag. Seine Tour zum aktuellen Album „Neon“ startet am 22. November in der Porsche-Arena in Stuttgart. Bis Dezember stehen weitere Termine etwa in München, Leipzig und Köln an.