Philip Schaub trainiert mit dem Bundeskader im BMX-Race in Stuttgart. Die sportliche Karriere des deutschen Meisters von 2019 sehen Sie in der Bildergalerie. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Der Stuttgarter BMX-Racer Philip Schaub geht bei der Weltmeisterschaft im Pumptrack in Lissabon an den Start. Beim Training hat er erzählt, worauf es bei der Sportart ankommt und warum Rennen im Kopf entschieden werden.

Stuttgart - Neben der Rennstrecke, im Fachjargon Racetrack genannt, stehen Philip Schaub und seine Kollegen vom Bundeskader neben ihren Autos, ziehen sich um und bereiten sich aufs Training vor. Schaub gibt einem Kollegen einen Kabelbinder ab und macht sich dann daran, seinen eigenen Transponder an seinem BMX-Rad festzumachen. „Den brauchen wir für die Zeitmessung auf der Strecke“, erklärt er. Beim Europacup im niederländischen Papendal hatte er ihn vor einigen Wochen noch abnehmen müssen.

 

In Stuttgart trainiert er auf der einzigen Weltcup-Strecke in Deutschland

Jetzt ist Schaub zurück auf seiner Stuttgarter Stammstrecke, auf der er fünf Tage die Woche trainiert. Es ist der einzige Racetrack in Deutschland, der den Weltcup-Vorgaben entspricht. Zwei Starthügel, rund 450 Meter Strecke, vier Geraden, drei Kurven. Die Profis vom Bundeskader nutzen normalerweise den acht Meter hohen Hügel, der ihre Räder in zwei Sekunden auf Tempo 60 beschleunigt. Heute starten sie das Training jedoch vom Fünf-Meter-Hügel aus.

Lautes Tuten zum Start

„Okay riders, random start. Riders ready? Watch the gate!“, ertönt es aus den Lautsprechern, dann viermal ein durchdringendes Tuten. Das Gitter senkt sich und entlässt die BMX-Racer auf die Strecke, auf der sie mehrere Sprünge und Kurven meistern müssen – und dabei als Erstes ins Ziel kommen wollen. „Beim Race muss man sich durchsetzen, beim Start explosiv sein, die Sprünge sauber treffen und Druck in der Landung haben“, erklärt der 24-jährige Schaub.

Anders ist das beim Pumptrack – einer sehr jungen Sportart, für deren WM Schaub sich kürzlich qualifiziert hat. Hier zählt vor allem das saubere Fahren. Schaub sagt, darin sei er besonders gut, weil er als Jugendlicher lange zu den kleineren Fahrern gehört hatte und damals gelernt hatte, das durch gute Technik auszugleichen. „Diese Qualität kommt beim Pumptrack voll zum Glänzen“, sagt er, ohne eitel zu wirken.

Mentaltraining: für Schaub der Schlüssel zum Erfolg

Schaub weiß, worin er gut ist und woran er noch arbeiten muss. Bei der WM im BMX-Race im August war er gar nicht zufrieden mit seiner Leistung. Er hatte eine Gehirnerschütterung von einem Sturz Anfang Juli zunächst nicht richtig auskuriert, so dass sich die anschließende Reha länger gezogen hatte als nötig. Deshalb sei er nervös gewesen: „Nervosität hat ja immer mit Selbstsicherheit zu tun, die bekommt jeder aus anderen Dingen“, erklärt er. „Ich persönliche sammle meine durch Routinen.“ Nach nur zwei Wochen Training habe die Routine einfach gefehlt, entsprechend habe er sein Niveau nicht abrufen können.

Gut möglich, dass Schaub diese reflektierte Art seinem regelmäßigen Mentaltraining verdankt. Von seiner Trainerin hat er seit 2018 Techniken gelernt, die zur Entspannung und zum Umgang mit Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen dienen – von der Meditation bis zur Hypnose. Der gebürtige Pleidelsheimer hält Mentaltraining für das A und O im Leistungssport: „Es ist der Schlüssel, der dir Coolness reinbringt in dein Race-Mindset.“ Er ist überzeugt: „Ein Rennen wird im Kopf gewonnen.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Sportpsychologe zur Nervenstärke von Malaika Mihambo: „Sie wusste, dass ihr Körper sieben Meter springen kann“

Daimler fördert Schaubs Sportlerkarriere

Heute geht es nicht ums Gewinnen, sondern um das gemeinsame Üben. Neben den Racern vom Bundeskader sind auch welche vom Landeskader und einige Junioren mit auf der Strecke. Was von außen unkoordiniert aussieht, hat System: Allein, zu zweit oder in der Gruppe üben Schaub und seine Kollegen das technisch saubere Fahren auf einzelnen Geraden. Zwei Stunden lang werden sie hier zugange sein, auf Schaub wartet dann noch eine halbe Stunde Krafttraining.

Schaub ist Teilzeit-Azubi bei Daimler in Sindelfingen

Noch liegen der „3-Nations-Cup“, die Pumptrack-WM in Lissabon am 17. Oktober und zwei Weltcups in der Türkei vor ihm – und schließlich die Vorbereitung für seine Abschlussprüfung im Januar. Schaub ist Auszubildender im Daimler-Werk in Sindelfingen. Der Konzern ermöglicht ihm eine duale Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, bei der er nur 25 Stunden die Woche arbeiten muss und für Wettkämpfe und Trainingslager freigestellt wird.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Deutsche Sportler nach Olympia – Helden zu formen kostet Geld

Der Sportler und Kfz-Mechatroniker spielt Klavier

Trotz dieser Doppelbelastung bleibt dem inzwischen in Stuttgart ansässigen Mittzwanziger noch etwas Freizeit: An den Wochenenden trifft er Freunde, alle zwei Wochen nimmt er Klavierunterricht. „Zeit zum Üben habe ich dazwischen aber nicht immer“, räumt er ein. Weder die zeitlichen Einschränkungen noch das Verletzungsrisiko haben ihn je daran zweifeln lassen, den Sport weiterzumachen, sagt er. „Das ist halt wie bei allem: Man muss Opfer bringen, wenn man gut sein will. Für mich ist es das wert.“

Noch bis mindestens 2028 will er dem BMX-Sport treu bleiben, erst dann an einen Einstieg in einen anderen Beruf denken. Irgendwann will er neben dem Sport noch ein Studium aufnehmen – was und wann, ist noch offen. Bis dahin möchte sich Schaub nach seiner Abschlussprüfung erst mal voll auf den Sport konzentrieren.

Sportarten mit dem BMX-Rad

BMX-Race
BMX steht für Bicycle Motocross. Der Sport lässt sich grob in zwei Richtungen einteilen: Race und Freestyle, das wiederum verschiedene Disziplinen beinhaltet. Beim Race fährt eine Gruppe von Fahrern über einen Racetrack ein Rennen gegeneinander. Entwickelt hat sich der Sport in den 1970er Jahren in den USA und wird seit 1982 in Deutschland wettkampfmäßig betrieben. Seit 2008 ist er olympisch.

Pumptrack
Ein Pumptrack ist eine Spiel- und Sportanlage, die aus einem Rundkurs mit Wellen, Steilkurven und Sprüngen besteht. Die Geschwindigkeit wird beim Fahren durch Gewichtsverlagerung, Zieh- und Drückbewegungen aufgebaut („Pumping“). Seit 2018 führt Red Bull eine Weltmeisterschaft im Pumptrack durch, an der in der Regel BMX- und Mountainbike-Fahrer teilnehmen. Dabei fahren immer zwei Fahrer gegeneinander – entweder gleichzeitig oder per Zeitmessung.