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Pfullendorf Minderjähriger bringt Skandal in Kaserne ins Rollen

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Pfullendorf - Erst dank der Initiative eines minderjährigen Soldaten sollen die Ermittlungen zu den entwürdigenden Aufnahmeritualen am Pfullendorfer Ausbildungszen­trum Spezielle Operationen in Gang gekommen sein. Dies geht aus dem ersten zusammenfassenden Bericht des Verteidigungsministeriums über die Vorgänge in der Staufer-Kaserne hervor, der unserer Zeitung vorliegt.

Der betroffene Soldat hatte demnach dem Zugführer am 12. Januar dieses Jahres gegen 20 Uhr seine Angst geschildert, dass an ihm ein solches Ritual vollzogen werden solle. Der Vorgesetzte brachte den jungen Soldaten daraufhin auf seine Stube und bat den Wachhabenden, auf ihn zu achten.

Während dem jungen Mann die peinliche Aufnahmeprozedur durch das Handeln des Zugführers erspart blieb, hatten andere Kameraden an diesem Tag weniger Glück: Laut dem vertraulichen Bericht kam es am 12. Januar im "Bereich Unterstützung" der Pfullendorfer Kaserne genau zu solchen Ritualen – ebenso wie bereits am 16. Dezember und an einem nicht mehr genau rekonstruierbaren Datum im Oktober vorigen Jahres. "Dabei seien Soldaten aus ihren Stuben geholt, zumindest in einem Fall mit Klebeband fixiert worden, hätten einen Stiefelbeutel über den Kopf gestülpt bekommen und seien im Waschraum auf Stühlen sitzend mit kaltem Wasser aus einem Schlauch abgespritzt worden."

Über die Verstöße gegen Gesetze und den Verhaltenskodex der Inneren Führung in Pfullendorf, die Ende Januar bekannt geworden sind, berät der Verteidigungsausschuss des Bundestags am heutigen Mittwoch. Dem Vernehmen nach stehen nicht nur Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), sondern auch Generalinspekteur Volker Wieker, der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels und der Kommandeur des Ausbildungskommandos des Heeres in Leipzig, Generalmajor Walter Spindler, für Fragen zur Verfügung.

Zusammenfassend stellt der Bericht "gravierende Defizite in Führung, Ausbildung, Erziehung sowie Dienstaufsicht" fest. Untersucht wurden drei Komplexe: entwürdigende Aufnahmespielchen, herabwürdigende Praktiken bei der Sanitäterausbildung und Mobbing. Das Mobbing "stellt einen schweren Verstoß gegen die Grundsätze der inneren Führung dar", heißt es in dem Bericht. Ausdrücklich wird bemängelt, dass die "offensichtlich schweren Verstöße" nicht umgehend auf dem Dienstweg gemeldet wurden.

Die Verfehlungen in Pfullendorf haben bereits Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hechingen (Zollernalbkreis) und Disziplinarverfahren nach sich gezogen. Fünf beschuldigte Ausbilder, einer davon der sogenannte Inspektionschef im Rang eines Majors, wurden lediglich innerhalb der Kaserne oder an andere Standorte versetzt. Zwei von ihnen wechseln ausgerechnet zum Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw. Auch der Kommandeur der Kaserne wurde nur versetzt.

Ob weitere Minderjährige von den Aufnahmeritualen betroffen waren, geht aus dem Bericht nicht hervor. Dass Minderjährige betroffen sein könnten, verleiht dem Fall zusätzliche Brisanz. Denn mit 1576 noch nicht volljährigen Soldaten hat die Bundeswehr einen neuen Höchststand erreicht. Ihnen gegenüber hat sie eine besondere Fürsorgepflicht.

Festgehalten ist, dass sich die Mutter eines betroffenen Soldaten nach den ersten Medienberichten über die Missstände an Ministerin, Generalinspekteur, Wehrbeauftragten und Kommandeur des Ausbildungszentrums in Pfullendorf gewandt hat. Sie habe angedeutet, dass ein Hauptmann der Reserve auf ihren Sohn emotionalen Druck ausgeübt habe.

Zu den besonders herabwürdigenden Praktiken bei der Sanitäterausbildung gehörte das Abtasten der nackten Brust, des unbekleideten Genitals "mit nicht behandschuhter Hand und anschließender Geruchsprobe", Öffnen der Gesäßbacken, Tamponierung des Afters und entwürdigende Bilddarstellun-gen. Zudem wurden den Lehrgangsteilnehmern fragwürdige Einverständniserklärungen abverlangt, sich als Übungs- und Anschauungsobjekt zur Verfügung zu stellen.

Die Frau Leutnant, die dies als frauenfeindlich gemeldet hatte und deswegen von anderen Ausbildern gemobbt wurde, sei aufgefordert worden, zur Aufnahme ins Ausbilderteam an einer Poledance-Stange zu tanzen. Auf ihre Meldung hin wurde die Stange am Tag danach – dem 29. Juli 2016 – aus dem Aufenthaltsraum entfernt. Das Verteidigungsministerium erhielt Ende Oktober durch ein Schreiben der Mutter der Betroffenen davon Kenntnis, woraufhin der Generalinspekteur tätig wurde.

Mittlerweile gab es laut dem Bericht 300 Anhörungen und Vernehmungen. Bei einer Inspektion wurde unter anderem eine ganze Batterie offener Schnapsflaschen in einem Aufenthaltsraum entdeckt. Die disziplinarischen Ermittlungen sind laut Verteidigungsministerium noch nicht abgeschlossen.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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