Neuerdings online buchbar: Pforzheims OB Peter Boch, 45 Foto: Uli Deck/dpa

Ist Peter Boch als OB von Pforzheim nicht ausgelastet? Das wird angesichts seiner neuen Consulting-Firma gefragt. Die Doppelrolle wirft viele Fragen auf. Kann das gut gehen?

Für einen Oberbürgermeister hat Peter Boch (45) einen ungewöhnlichen Lebensweg. In jungen Jahren war der Pforzheimer Rathauschef erst Ballett-Tänzer, ehe ihn eine Verletzung zum Aufhören zwang. Dann wurde er Polizist und Personenschützer von Ministerpräsidenten, auch bei Stefan Mappus. Nach einer Station als Bürgermeister von Epfendorf (Kreis Rottweil) wechselte er 2017 als Oberbürgermeister in die „Goldstadt“. In diesem Mai bestätigten ihn die Wähler mit 88 Prozent.

 

Ungewöhnlich war es auch, dass Boch als Politiker in der RTL-Sendung „Undercover Boss“ auftrat. Mit blondierten Haaren, falschen Zähnen und anderem Namen mischte er sich unter seine Beschäftigten, um deren Sicht auf ihren Arbeitsalltag zu erkunden. Teilweise erntete er dafür Respekt, teilweise Verwunderung oder leisen Spott über die „PR-Aktion“.

Dienste als Coach und Speaker offeriert

Nun macht Boch (CDU) erneut mit einem ungewöhnlichen Schritt von sich reden, der allerdings überwiegend auf Unverständnis stößt. Unlängst informierte er die verblüffte Stadtöffentlichkeit über eine frisch aufgenommene Nebentätigkeit: die Gründung des Beratungsunternehmens „Peter Boch Consulting“, mit dem er seine Dienste als Coach und Speaker anbietet. Er wolle sein Verständnis von Führung weitergeben, bekundet er auf der Webseite, damit Menschen in Verantwortung „die beste Version ihrer selbst“ entwickeln könnten.

Seine „Masterclass“ richtet sich an Führungskräfte in Verwaltung und Wirtschaft. In sechs Online-Modulen sollen sie lernen, Menschen zu überzeugen. Das Paket gibt es für 129 Euro, was bei einem Monatsgrundgehalt als OB von gut 15 000 Euro kaum ins Gewicht fällt. Ein 30-minütiges Erstgespräch ist kostenlos, Termine werden über die Homepage vergeben. Auch ein Buch ist angekündigt, Titel: „Führung macht einsam – warum echte Führung Mut braucht und wie sie gelingt.“ Für seine neue Rolle hat sich Boch als Coach zertifizieren lassen, unterstützt wird er von einer erfahrenen Trainerin.

Amtlicher Segen von der Regierungspräsidentin

Formal scheint die Sache klar. Das Regierungspräsidium Karlsruhe hat die Nebentätigkeit genehmigt, wie ein Sprecher bestätigt. Demnach sieht es weder einen Konflikt mit Dienstpflichten noch Folgen für die Unbefangenheit des Zeitbeamten Boch. Sollten dienstliche Interessen beeinträchtigt werden, heißt es, wäre das Plazet zu widerrufen. Doch die Rechtseinschätzung von Präsidentin Sylvia Felder (CDU) überzeugt in Pforzheim erkennbar wenig.

Von allen Seiten prasseln kritische bis konsternierte Fragen auf Boch ein. Tenor: Eigentlich habe er im Rathaus doch genug zu tun. Die Probleme der Stadt seien groß und forderten den ganzen Mann. Ob er sich etwa nicht ausgelastet fühle? Wie solle man künftig unterscheiden, wird gefragt, welchen Boch man vor sich habe – den OB oder den Berater? Schon erwägen Bürger, Termine beim Stadtchef künftig über dessen Firmenportal zu buchen: wenn er in der einen Rolle Zeit habe, dann hoffentlich auch in der anderen. Immer wieder erntet der OB ungläubiges Staunen, auch in Zuschriften an die „Pforzheimer Zeitung“. „Herr Boch, das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein“, hieß es dort.

Korruptionsanwalt mit „Bauchschmerzen“

Auch kundige Beobachter zeigen sich nahezu fassungslos. Nie im Leben wäre er auf die Idee eines solchen Nebenjobs gekommen, schrieb der Pforzheimer Jörg Schmidt, einst OB in Radolfzell, Regierungspräsident in Tübingen und Ministerialdirektor in Stuttgart. Geboten sei eine „klare Fokussierung“, auch ein „selbsterklärter workaholic“ könne die Doppelrolle kaum schultern. Deren Außenwirkung findet er sichtlich fatal. Noch kritischer äußerte sich der aus Pforzheim stammende Vertrauensanwalt des Landes für Korruptionsverhütung, Michael Rohlfing. In den „Badischen Neuesten Nachrichten“ bekundete er erhebliche „Bauchschmerzen“ angesichts der potenziell korruptionsträchtigen Konstellation.

Er kenne Boch als „geradlinigen und rechtstreuen Menschen“, so Rohlfing. Nun aber begebe dieser sich auf höchst heikles Terrain. Sein Rat: der OB solle entweder sein Amt zur Verfügung stellen – oder die Nebentätigkeit bis zum Amtsende ruhen lassen.

Doch daran scheint Peter Boch nicht zu denken. Die Hauptaufgabe im Rathaus habe für ihn „immer Vorrang“, versichert er. Kritik nehme er ernst, sie solle nur sachlich bleiben und auf Fakten basieren – „aber auch mit der nötigen Ruhe“. Vom Sturm, der ihn derzeit umtost, will er sich offenkundig nicht umwerfen lassen.