Im nächsten Frühjahr ist die 1956 von Herbert Richter in Wildbad gegründete Firma Geschichte. Foto: Firma Richter

100 Mitarbeitern gekündigt. Unternehmen kann auf Dauer im internationalen Wettbewerb nicht bestehen.

Pforzheim-Büchenbronn/Bad Wildbad - Am 30. September hat die Geschäftsführung der Firma Herbert Richter in Büchenbronn bekannt gegeben, den Betrieb bis zum 30. April 2020 stillzulegen. Den mehr als 100 Mitarbeitern wurde im Rahmen einer Informationsveranstaltung die Kündigung übergeben.

Dies sei unter Einhaltung der ordentlichen Kündigungsfristen beziehungsweise der gesetzlichen Bestimmungen geschehen, heißt es in einer Pressemitteilung der Geschäftsführung. Diese schmerzliche Entscheidung habe getroffen werden müssen, da das Unternehmen auf Dauer im internationalen Wettbewerb nicht bestehen könne.

Unternehmen 1956 in Bad Wildbad gegründet

Die Firma Herbert Richter wurde 1956 von Herbert Richter in Bad Wildbad gegründet. 1957 erfolgte der Umzug nach Büchenbronn in die damalige Schwarzwaldstraße (nun Waldschulstraße) und 1972 in das seinerzeit neu ausgewiesene Industriegebiet sowie den jetzigen Geschäftssitz in der Birkenfelder Straße. Das Unternehmen stellt Universal Autozubehör wie Befestigungssysteme für Smartphones, Tablets sowie Navigationssysteme her und vertreibt diese weltweit. Nach dem Boom im Bereich der mobilen Navigation in den Jahren 2004 bis 2007 sei der Umsatz massiv eingebrochen. 2011 hatte Harald Richter die Firma übernommen, nachdem dessen Vater Herbert Richter im Mai 2011 verstarb.

Das Unternehmen baute bereits mehr als 30 Arbeitsplätze ab, "da der Wettbewerb aus China massiv zunahm und dadurch Marktanteile verloren gingen", heißt es in der Mitteilung der Firmenleitung weiter. Und weiter: "Aufgrund der in China bezahlten Löhne, die teilweise 80 bis 90 Prozent unter dem deutschen Lohnniveau liegen, war es dem Handel möglich, vergleichbare Produkte weit unter den Herstellkosten der Firma Herbert Richter zu importieren".

Seit 2011 sei der Absatz an den deutschen und europäischen stationären Einzelhandel kontinuierlich zurückgegangen. Der Onlinehandel hingegen habe bis 2016 zugenommen. Seit 2017 seien bei Herbert Richter die Umsätze im Onlinebereich ebenso zusammengebrochen, "da es die Handelsmarktplätze den chinesischen Herstellern ermöglichten, ihre Produkte zu chinesischen Herstellerpreisen direkt an den deutschen Endverbraucher – direkt aus China heraus – anzubieten".

Löschung von Raubkopien beantragt

Auf den Handelsmarktplätzen würden Produkte, die teilweise nicht den europäischen Normen entsprächen, und zahlreiche Kopien von Produkten der Firma Herbert Richter zu Preisen angeboten, zu denen in Deutschland nicht einmal das Rohmaterial gekauft werden könne.

Die Versandkosten aus China nach Europa seien um ein Vielfaches günstiger wie innerhalb Deutschlands. Warensendungen unter einem Warenwert von 22 Euro seien zollfrei.

EU-Normen, Sicherheitsbestimmungen, gesetzliche Garantiebestimmungen und Verbraucherschutz sowie Kosten für den Verpackungsabfall beziehungsweise die Entsorgung defekter Produkte müssten zwar von europäischen Herstellern und Distributoren beachtetet werden, aber es gebe Direktversand-Anbieter aus China, "die die europäischen Güte- und Prüfsiegel nicht aufweisen".

In den vergangenen zwölf Monaten habe eine speziell eingerichtete Stabsstelle der Firma Herbert Richter mehrere tausend Raubkopien bei diversen Handelsplattformen, entweder direkt oder über ihren Patentanwalt zur Löschung beantragt. "Wenn Angebote gelöscht werden, sind diese allerdings nach spätestens zwei bis drei Wochen wieder anderweitig online. Schutzrechte anzumelden und diese zu verteidigen, ist somit ein in der Praxis aussichtsloser Kampf, da die meisten Anbieter außerhalb Europas ihren Sitz haben und die Zahl der Schutzrechtsverletzungen zu groß für ein mittelständisches Unternehmen ist", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens.

Verlust von Zöllen und Mehrwertsteuer

Die Bundesregierung kenne die Probleme in Bezug auf die genannte Handelspraxis bis ins Detail, "hat aber nach Auffassung von Herbert Richter kaum etwas unternommen, da China als wichtiger Absatzmarkt gilt. Deutschland verliert hierdurch unter Umständen nicht nur Zölle und Mehrwertsteuer, sondern auch Einkommens- und Lohnsteuern. Die Gewinne entstehen zukünftig in China und nicht mehr in Deutschland beziehungsweise Europa", so die Firmenleitung.

Neben den vielen Einzelhändlern in der Region sei jetzt auch die Firma Herbert Richter und deren Arbeitnehmer ein Opfer der Globalisierung und der "Geiz-ist-Geil-Mentalität" geworden.