Die Pflege der Alten darf nicht länger als Privatangelegenheit von Familien betrachtet werden, sondern muss in die öffentliche Hand, sagt unsere Autorin Lisa Welzhofer.
Stuttgart - Dass Deutschland bald vom Pflegenotstand in die Pflegekatastrophe schlittern könnte, belegt eine einfache Rechnung: Derzeit werden etwa drei Viertel der rund 3,4 Millionen pflegebedürftigen Männer und Frauen daheim versorgt. Meist helfen Angehörige und professionelle Pflegende zusammen. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf bis zu 4,5 Millionen anwachsen, gleichzeitig wird die Zahl der Kinder und Enkel, die sich um sie kümmern können (geburtenschwache Jahrgänge!), um rund ein Drittel zurückgehen. Anders formuliert: Wer sich einmal um die Babyboomer kümmern wird, wenn sie alt sind, ist mehr als ungewiss.
Vor diesem Hintergrund werden stationäre Einrichtungen wie Pflegeheime noch wichtiger werden. Doch auch der Blick dorthin lässt nicht gerade auf ein gutversorgtes Alter für die Senioren von morgen hoffen. Schon jetzt gibt es zu wenige Heimplätze. Zwar tut das Personal sein Möglichstes, aber weil es in vielen Heimen an Geld und Kräften mangelt, können die Senioren nicht immer so versorgt werden, wie sie es eigentlich bräuchten und verdient hätten.
Durchschnittlich 2125 Euro für einen Heimplatz Eigenanteil
Dazu kommt, dass ein Heimplatz teuer ist und – das zeigen die jüngst veröffentlichen Zahlen des Verbands der Ersatzkassen – immer teurer wird. Um satte 110 Euro hat sich der Eigenanteil von Mitte 2020 bis heute erhöht auf durchschnittlich 2125 Euro. Setzt sich diese Preisentwicklung fort, ist die Frage, wie sich zukünftige Generationen, die zwar länger arbeiten müssen, aber kaum noch Möglichkeiten haben, viel fürs Alter zurück zu legen, ein solches überhaupt noch leisten können sollen.
Die Politik hat das Problem zwar erkannt, doktert aber eher an den Symptomen herum, anstatt Grundsätzliches zu ändern. So hat der Bund zwar einen Zuschuss für Heimbewohner ab 2022 beschlossen, der den Eigenanteil für die reine Pflege senken wird, aber nicht an die steigenden Kosten für Unterkunft und Essen gedacht. So bemüht man sich, Pflegepersonal aus dem Ausland anzuwerben, verbessert aber nicht deren Arbeitsbedingungen (Personalschlüssel, Arbeitszeiten, unzureichende Kinderbetreuung für Arbeitskräfte).
In Skandinavien wird Pflege über Steuern finanziert
Wie es besser gehen kann, zeigen die skandinavischen Länder, an die Deutschland viele Pflegekräfte verliert. Die Betreuung der Alten wird in Nordeuropa nicht wie in Deutschland als Privatangelegenheit der Familien – und damit meist der Frauen – betrachtet, die aus der Pflegeversicherung einen mehr oder weniger großen Zuschuss bekommen (wobei dessen Höhe perfiderweise an den Hinfälligkeitsgrad des Alten gekoppelt ist). Länder wie Schweden sehen die Pflege als staatliche Aufgabe und finanzieren eine breite Altenpflegelandschaft über Steuern. 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen hinein, während es hier nur ein Prozent ist.
Außerdem wird in Deutschland die Hälfte aller Altenpflegeeinrichtungen von privaten Unternehmen betrieben, die gewinnorientiert wirtschaften müssen und im Wettbewerb stehen. Pflegeheime in Skandinavien liegen in kommunaler Hand. Das alles hat Folgen: Während eine Pflegeperson hierzulande für gut fünf Betreute zuständig ist, sind es in Schweden nur zwei. Während Gepflegte hier die Hälfte der Kosten selbst tragen, sind es im Norden wenige Prozent.
Leistung aller für alle
Was könnte helfen, die Pflegekatastrophe zu verhindern? Neben kurzfristiger Dinge wie mehr Geld für Pflegekräfte und einem gedeckelten Eigenanteil für Pflegebedürftige, bräuchte es einen Grundkonsens in der Gesellschaft über den unveräußerlichen Wert der Pflege. Darüber, dass sie als öffentliche Leistung aller für alle finanziert und organisiert werden muss.
lisa.welzhofer@stuttgarter-nachrichten.de