Der Pflegenotstand ist längst Realität im Schwarzwald-Baar-Kreis, betont Wolfgang Hauser vom Landratsamt. Doch die Lage ist bizarr: Obwohl es auf dem Papier ausreichend stationäre Pflegeplätze gibt, besteht eine Warteliste.
30 Pflegeheime, die 2330 Plätze bieten, zudem 28 Pflegedienste und Sozialstationen – so ist die Lage im Schwarzwald-Baar-Kreis. Hinzu kommt das Pflegeheim Haus Wartenberg in Geisingen, das die Landkreise Schwarzwald-Baar und Tuttlingen mit etwa 280 Plätzen gemeinsam betreiben.
Und eigentlich, macht Sozialdezernatsleiter Wolfgang Hauser deutlich, ist der Landkreis damit sogar „überversorgt“ in Sachen Pflegeplätze. Rein rechnerisch. Denn die Realität, das sagt der Mann vom Amt ebenfalls klipp und klar, sieht anders aus: Es herrscht ein großer Mangel. Es gibt Wartelisten bei den Einrichtungen und im Pflegestützpunkt.
Was sich scheinbar widerspricht und irgendwie nicht zusammenpasst, geht erst als Rechnung auf, wenn man die Unbekannte in dieser Gleichung benennt: den Fachkräftemangel.
Es fehlt an allen Ecken und Enden
Der Knackpunkt: Nicht die Plätze fehlen, sondern das Personal. Und: Es gibt weder einen Träger im Landkreis, der die fehlenden Plätze bauen kann, noch die dafür notwendigen Mitarbeiter. „Personal fehlt an allen Ecken und Enden“, resümierte Wolfgang Hauser. Eine Gruppe von Leitungsfachkräften professioneller Pflegedienstleister formulierte es im November in einem Positionspapier drastisch: „Pflegeeinrichtungen sehen rot.“
Dabei werden sowohl ausreichend Pflegeplätze als auch das Personal dafür auf lange Sicht gebraucht: 11 823 Personen im Landkreis – fünf Prozent der gesamten Bevölkerung – beziehen aktuell Leistungen aus der Pflegeversicherung, 2070 davon sind in stationärer Pflege, 18 Prozent der Pflegebedürftigen.
Ein Mehrbedarf an 250 Plätzen bis im Jahr 2030 wurde errechnet, die im Landkreis alleine für die vollstationäre Pflege gebaut werden müssten. Man geht dann von 12 710 pflegebedürftigen Menschen aus im Landkreis, 2322, die eine stationäre Pflege brauchen, 10 388, denen mit häuslicher Pflege zu helfen sein dürfte.
Viele Einrichtungen und Dienste kämpfen jedoch mit wirtschaftlichen Problemen und können nach eigenen Angaben die Versorgung der pflegebedürftigen Bewohner aufgrund von dauerhaften personellen Engpässen nicht sicherstellen.
Dunkelziffer: ausländische Betreuungskräfte
Immerhin: Es gibt auch über die stationären Pflegeeinrichtungen hinaus ein großes Hilfsangebot im Landkreis, das greift und unterstützt, wenn die stationäre Pflege noch nicht notwendig ist und diesen Schritt vielleicht noch weiter hinauszögern lässt. Niederschwellige, passgenaue und wohnortnahe Angebote sind es, auf die viele Menschen älterer Semester zählen.
Denn immerhin 9700 Personen im Landkreis erhielten zuletzt Hilfen in der häuslichen Pflege, die pflegende Angehörige oder ambulante Pflegedienste beispielsweise leisten. Eine riesige Dunkelziffer dürfte im Bereich jener Haushalte zu finden sein, die ausländische Betreuungskräfte beschäftigen – „Schätzungen gehen aber von rund 2000 Haushalten aus“, sagt Wolfgang Hauser.
Wohnortnahe Hilfe immer wichtiger
Zu den sonstigen Hilfen, auf deren Unterstützung man immer mehr zählt, gehören neun bürgerschaftliche Nachbarschaftshilfen, die es über die komplette Fläche des Schwarzwald-Baar-Kreises verteilt gibt. Sie helfen mit bei der Versorgung der älteren Bürger. Das ist ein Ansatz, der im Landratsamt willkommen ist – und weil wohnortnahe Angebote immer wichtiger werden, wolle man kreisweit abrücken von regional angesetzten Pflegekonferenzen, betonte unlängst Landrat Sven Hinterseh. Und Wolfgang Hauser berichtet von einem laufenden Förderantrag in Höhe von 25 000 Euro für 2024 für den Aufbau und die Kooperation mit weiteren Pflegebündnissen, die in Kommunen verankert werden sollen – Beispiele gibt es mit dem Pflegebündnis Blumberg und der Sozialraumkonferenz Pflege in Schönwald bereits.
Fest steht laut dem Sozialdezernten: Es braucht zunehmend mehr Selbsthilfe und Eigeninitiative der Menschen – auf den Sozialstaat verlassen könne man sich nicht, „es wird zunehmend enger werden“.