Viele Angehörige sind im Kreis Rottweil verzweifelt auf der Suche nach einem Pflegeplatz, oft gibt es lange Wartelisten. Gleichzeitig gibt es auch unbelegte Pflegeplätze im Kreis. Wie das sein kann und wie die aktuellen Zahlen im Kreis aussehen, haben wir beim Landratsamt erfragt.
Allein eine Zahl ist schon erschreckend: Bis zu 80 Personen stehen bei den Pflegeeinrichtungen im Kreis zum Teil auf der Warteliste, wie wir auf Nachfrage erfahren.
Zu unseren vielfältigen Fragen zur Pflegesituation im Kreis kann Landratsamts-Sprecherin Andrea Schmider ganz aktuelle Fakten und Antworten liefern. Denn erst jüngst wurden in einer Umfrage bei den Pflegeheimen des Kreises die neusten Zahlen und Einschätzungen zur Lage erhoben.
Wie viele Pflegeheime mit wie vielen Pflegeplätzen gibt es?
Im Landkreis Rottweil gibt es derzeit 20 Pflegeeinrichtungen mit insgesamt 1283 vollstationären Pflegeplätzen inklusive Kurzzeitpflegeplätzen. Zwei neue Pflegeeinrichtungen wurden 2023 eröffnet, drei kleinere Einrichtungen wurden geschlossen.
6 Pflegeheime haben weniger als 45 Plätze, zehn Pflegeheime haben zwischen 45 und 90 Plätze, vier Pflegeheime haben mehr als 90 Plätze (bis maximal 153).
Wie viele Pflegedienste und Sozialstationen sind im Kreis tätig?
Wir haben 22 ambulante Pflegedienste, elf gewerbliche Anbieter von haushaltsnahen Dienstleistungen und 20 anerkannte Nachbarschaftshilfen.
Wie groß ist der Fachkräftemangel? Wie viele Plätze liegen dadurch brach, weil Stationen geschlossen bleiben müssen?
Zum Stichtag 1. März waren 89 Bewohnerplätze nicht belegt. Dies entspricht einem Leerstand von sieben Prozent. Dieser bezieht sich überwiegend auf fünf Einrichtungen, die aufgrund des Mangels an Pflegefachkräften und des Krankenstands bei den Mitarbeitern die Einrichtung nicht voll belegen können. Besonders betroffen sind Einrichtungen, die neu an den Start gegangen sind. Die weiteren Leerstände, in geringer Anzahl, beziehen sich auf die übliche Fluktuation beim Bewohnerwechsel.
Wie viele Personen gibt es auf Wartelisten?
Überwiegend führen die Einrichtungen Wartelisten für Interessierte – derzeit teils bis zu 80 Personen. Andere wiederum belegen ihre Plätze je nach Dringlichkeit nach. Wartelisten zu führen sei auch recht aufwendig. Und oft stehen interessierte Personen auf mehreren Listen.
Wie schlägt sich diese Situation beim Landkreis nieder?
Die Schwierigkeit, einen Pflegeplatz zu finden, kennen die Mitarbeiterinnen des Pflegestützpunkts aus ihrer täglichen Arbeit. Es rufen zunehmend verzweifelte Angehörige von Pflegebedürftigen beim Pflegestützpunkt an, die keinen Pflegeplatz finden.
Pflegestützpunkt hilft bei der Suche
Der Pflegestützpunkt unterstützt bei der Suche. Dennoch ist es nicht immer möglich, zeitnah einen Pflegeplatz zu finden, insbesondere Kurzzeitpflegeplätze sind während bestimmter Zeiten im Jahr (Urlaubszeit, Weihnachtszeit) nur schwer zu bekommen.
Die Beratungen insgesamt werden immer komplexer, in der Regel ist mehr als ein Beratungstermin notwendig, um die Klienten adäquat zu unterstützen. Die Pflegeberatungen haben von Anfang 2022 bis Ende 2023 um ein Drittel zugenommen.
Inwieweit kann Suchenden geholfen werden?
Bei Fragen zum Thema Pflege ist der Pflegestützpunkt im Landkreis Rottweil die zentrale Beratungsstelle, die neutrale, kostenlose und umfassende Beratung zu allen Fragen im Zusammenhang mit Pflegebedürftigkeit sowie individuelle Informationen zu allen wohnortnahen Hilfs-, Unterstützungs- und Pflegeangeboten anbietet.
Auch die kostenlose Wohnraumberatung und die Beratung zu Hilfsmitteln aller Art durch die Beratungsstelle Alter & Technik beim Landratsamt Rottweil trägt dazu bei, dass Senioren und Pflegebedürftige länger in der häuslichen Umgebung wohnen bleiben können.
Wie sieht der Bedarf in den nächsten Jahren aus? Was kann aus Sicht des Kreises getan werden, um das Angebot weiter auszubauen?
In den meisten Fällen wollen Pflegebedürftige solange wie möglich zu Hause in ihren eigenen vier Wänden bleiben. Dafür ist ein umfassendes ambulantes Pflegesetting und Unterstützungsangebot in häuslicher Umgebung notwendig. Zur Entlastung pflegender Angehöriger kommt es dabei nicht nur auf die Unterstützung durch einen Pflegedienst an, sondern auch auf weitere Unterstützungsmöglichkeiten zum Beispiel durch Nachbarschaftshilfen, Haushaltshilfen, Angebote der Tagespflege oder der Kurzzeit- und Verhinderungspflege.
Wie wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen entwickeln?
Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg geht nach seiner Vorausberechnung für das Jahr 2040 für den Landkreis Rottweil davon aus, dass die Anzahl der Pflegebedürftigen um 26 Prozent auf über 9500 Personen gegenüber dem Jahr 2021 (über 7500 Personen) steigen wird.
Mehr Menschen werden in der eigenen Wohnung bleiben
Die Anzahl der stationären Pflegeplätze von insgesamt derzeit 1415 Plätzen ist im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung nach den Berechnungen des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) bis 2035 im Landkreis Rottweil ausreichend – wenn man davon ausgeht, dass mehr Menschen als heute länger in der eigenen Wohnung bleiben werden und die ambulante Versorgung stärker nachgefragt wird.
Es hängt am ambulanten Pflegeangebot
Dies hängt allerdings entscheidend davon ab, ob das ambulante Pflegeangebot ausreichend vorhanden ist. Sollte die Nachfrage nach einem stationären Pflegeangebot allerdings gleichbleiben wie bisher, wäre aufgrund der demografischen Entwicklung bei steigenden Pflegezahlen davon auszugehen, dass mehr stationäre Pflegeplätze benötigt werden.
Die Rahmenbedingungen in der Pflege können auf Landkreisebene nur unzureichend beeinflusst werden. Dennoch wurde mit den Akteuren in der Pflege im Landkreis Rottweil der Fokus nun auf das Thema „Fachkräftegewinnung in der Pflege“ gelegt. Geplant ist im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit, mehr Menschen für den Pflegeberuf durch Ausbildung, Umschulung oder als Wiedereinsteiger zu gewinnen.
Wie ist die Ausbildungssituation in der Pflege aktuell?
Etwa die Hälfte der Pflegeheime bilden derzeit Pflegefachkräfte in der generalistischen Pflegeausbildung aus – aktuell sind es rund 25. Mehrere Einrichtungen streben für den Herbst die Einstellung von neuen Auszubildenden an.
Doch es werden von verschiedenen Einrichtungen auch konkrete Gründe genannt, weshalb aktuell nicht ausgebildet wird. Die Koordinierung in der neuen Ausbildungsform wird als schwierig genannt, das Verfahren der Generalistik sei zu kompliziert. Der Fortbildungsauswand für die Praxisanleiter sei sehr hoch, zudem sei der Auszubildende mehr in externen Einrichtungen als in der eigenen Einrichtung eingesetzt: Auch die Koordination dieser Einsätze mit zum Teil langen Fahrtstrecken für die Auszubildenden – binde viel Kapazität.
Keine Bewerbungen
Und ein Grund dafür, dass nicht ausgebildet wird, ist natürlich auch dies: Es liegen schlichtweg keine Bewerbungen von Azubis vor.
Die Pflege – ein Thema also, das auch im Kreis Rottweil noch für viele weitere Herausforderungen sorgen wird und schon jetzt viele Angehörige auf der Suche nach einem Pflegeplatz verzweifeln lässt.