Die Lebenssituation der Betroffenen hat sich verschlechtert. (Symbolfoto) Foto: (dpa)

Personen, die dauerhaft auf Pflege in Einrichtungen der Alten- oder Behindertenhilfe angewiesen sind, laufen in besonderem Maße Gefahr, durch Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in soziale Isolation zu geraten.

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Schopfloch - Darüber hinaus vermissen die Bewohner auch größere Veranstaltungen, Events, Feste, Feiern, aber auch das gemeinsame Singe, wie Jean-Marc Maier, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Maier und seine Stellvertreterin Barbara Pews betonen. "Das Interesse einerseits die Bewohner bestmöglich vor einer Infektion zu schützen und andererseits soziale Teilhabe und persönliche Kontakt zu gewähren ist und bleibt ein Bestreben, das trotz widerstreitender Interessen angemessen sein und immer wieder miteinander abgewogen werden muss", finden Maier und Pews. Und die Pandemie habe neben den vielen negativen Seiten auch etwas Positives hervorgebracht: "Der Zusammenhalt untereinander sowohl im Team als auch mit den Angehörigen wurde dadurch gestärkt".

"So berechtigt solche Maßnahmen zur Eindämmung des aktuellen Infektionsgeschehens auch sind, so verschlechtert sich die Lebenssituation der Betroffenen ganz erheblich", meint Wolfgang Kronenbitter. Er ist der erste Vorsitzende des Verein zur Förderung ambulanter Ethikberatung im Landkreis Freudenstadt, dem ersten Verein dieser Art - zumindest in Baden-Württemberg.

Über Auswahl der Kontaktpersonen selbst entscheiden

Der Deutsche Ethikrat hat für die in Einrichtungen der Langzeitpflege lebenden Menschen Maßnahmen vorgeschlagen, die trotz der aktuell gebotenen Infektionsschutzmaßnahmen ein Mindestmaß an sozialen Kontakten sichern. So fordert der Deutsche Ethikrat etwa, dass bei der Bestimmung des Mindestmaßes sozialer Kontakte weniger die Anzahl und Häufigkeit als vielmehr deren Qualität in den Blick genommen werden sollte. Dabei könne nur individuell die Frage beantwortet werden, welche Beschränkungen hinsichtlich Art und Häufigkeit sozialer Kontakte sich in welcher Weise auf die Lebensqualität der einzelnen Personen mit Pflegebedarf auswirken.

Kronmüllers Forderung: "Wo immer es vertretbar ist, sollen die in Alters- oder Pflegeheimen Lebenden über die Auswahl ihrer Kontaktpersonen selbst entscheiden. So nehmen viele ältere Menschen ein gewisses Restrisiko in Kauf, um regelmäßig Kontakt mit Angehörigen pflegen zu können." Aus Untersuchungen sei bekannt, dass soziale Isolation nicht nur die psychische und geistige Gesundheit älterer Menschen beeinträchtige, sondern auch mit einem deutlich erhöhten Sterberisiko verbunden sei. "Dies wohl deshalb, weil die soziale Isolation das Immunsystem älterer Menschen derart schwächt, dass sie hinsichtlich des Infektionsschutz eine geradezu paradoxe Wirkung entfaltet", gibt Kronenbitter zu bedenken.

Beschränkung auf zwei Besuche pro Tag aufgehoben

Auch deshalb sollten, so Kronenbitter, "insbesondere für vollständig geimpfte Pflegeheimbewohner, Erleichterungen möglich sein". Seit letzter Woche wurde die Beschränkung auf zwei Besuche pro Tag aufgehoben, sobald 90 Prozent der Bewohner einer Einrichtung geimpft sind.

In den Einrichtungen sollten aus Kronenbitters Sicht möglichst auch weiterhin Angebote bereitgestellt werden, "die zur Integration, Teilhabe und Lebensqualität der Bewohner beitragen. Dies bedeutet wohl auch, dass die Einrichtungen vielfach auf zusätzliche personelle Ressourcen angewiesen sind, um ein Mindestmaß an sozialen Kontakten sowie Aktivierungsangebote vorzuhalten." Deshalb plädiert Kronenbitter für eine Stärkung der Pflege, die "auch und gerade in Zeiten der Pandemie notwendig" sei.

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