Der Druck auf die Pflegekräfte ist groß. (Symbolfoto) Foto: Syda Productions – stock.adobe.com

Während die einen diskutieren, ob die Belegungszahl der Intensivbetten mit Corona-Patienten in der Helios-Klinik nun wirklich Anlass zur Sorge geben muss, geht es für die Menschen, die dort arbeiten, vor allem darum: Die Schicht unter größten Belastungen mit wenig Personal überstehen. Der Helios-Konzern verzeichnet derweil satte Gewinne.

Kreis Rottweil - Wie in Rottweil, so ist es in vielen Häusern: Der Personaleinsatz wird an den Minimalvorgaben ausgelegt. Das, was der Gesetzgeber – nach unten hin – zulässt, wird ausgeschöpft. Und die Mitarbeiter? "Die reißen sich hier alle den Hintern auf", heißt es von einem Beschäftigten des Rottweiler Hauses unverblümt. Harte Schichten in Mindestbesetzung zu leisten und dann nach Feierabend angerufen zu werden, ob man noch für einen Kollegen einspringen könnte, das ist Alltag für das Pflegepersonal in der Helios-Klinik – und wohl für viele in dieser Berufsgruppe.

 

"Die Selbstfürsorge bleibt da oft auf der Strecke", sagt ein Beschäftigter, der berichtet, wie er kürzlich eine Kollegin ansprach, die sichtlich unter Rückenschmerzen litt und im Dienst kaum laufen konnte. Sie solle zu Hause bleiben, habe er ihr geraten. Ja, das habe ihre Familie auch gesagt, so die Antwort – "aber das geht halt grad nicht".

Kündigungen wegen fehlender Wertschätzung

Inzwischen, so ist zu hören, schlage sich die Belastung in der Rottweiler Klinik – insbesondere auf der Intensivstation – auch in Kündigungen nieder. "Die Leute verleihen damit ihrer Unzufriedenheit Ausdruck", heißt es. Und dies hänge vor allem mit fehlender Wertschätzung zusammen. Bei manchem wohl auch mit der Erkenntnis, dass unter diesen Rahmenbedingungen der Beruf nicht so geleistet werden kann, wie man ihn leisten will – zum Wohle des Patienten. So habe es jüngst wieder den Fall gegeben, dass ein Patient auf der Intensivstation aus Gründen des Personalmangels nicht so regelmäßig habe umgelagert werden können, wie es nötig und vorgeschrieben ist. Die Folge: Druckgeschwüre.

Diese Schilderungen decken sich mit dem Hilferuf einer jungen Krankenschwester aus Rottweil, über den wir im Februar berichtet hatten und der hohe Wellen schlug. "Endlich schildert mal jemand, wie es wirklich ist" – so und ähnlich lauteten die Reaktionen, die uns erreichten.

Thomas Weisz, Gewerkschaftssektretär bei Verdi in Konstanz und zuständig für den Fachbereich Gesundheit, kann die Berichte von Mitarbeitern der Helios-Klinik "sehr gut nachvollziehen". Dass der Helios-Konzern dabei auch 2020 hohe Gewinne einfuhr und Anlegern höhere Dividenden in Aussicht stellte, wundert ihn nicht. Helios sei eben ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das nach Gewinnen strebt und dazu die Möglichkeiten ausschöpft, die gegeben sind.

Und darin, so Weisz, liege das Problem. Es sei völlig unvereinbar, dass die Gesundheit der Menschen mit einem privatwirtschaftlichen Konzern verknüpft ist – der letztlich Geld aus dem Gesundheitswesen ziehe.

"Man muss schon in Frage stellen, ob ein Krankenhaus wie eine ›Fabrik‹ betrieben werden kann", sagt Weisz. Bei der Autoproduktion funktioniere das, doch der Mensch sei nun einmal kein Werkstück. Genau davon aber gehe das Fallpauschalenmodell aus, das der Krankenhausfinanzierung zugrunde liegt.

Es gebe durchaus noch Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft oder, wie im Fall der SRH-Klinik in Oberndorf, auf Basis eines gemeinützigen Stiftungsunternehmens. Einnahmen würden reinvestiert oder angespart und blieben dem Gesundheitswesen zumindest weitgehend erhalten. Die Dividende, die der Helios-Konzern seinen Anlegern auszahlt, so Weisz, werde letztlich aus den Krankenkassenbeiträgen aller gespeist.

Derzeit nur Einzelzimmer

Sorgt dieses Ungleichgewicht auch direkt bei den Mitarbeitern in Rottweil für Frust? Ein Beschäftigter sagt, viele hätten schlicht gar keine Zeit, sich um so etwas auch noch zu kümmern. Jeder sei höchst engagiert – sowohl für die Patienten, als auch für die Kollegen. Man wolle die anderen nicht hängen lassen und reibe sich dafür auf.

Immerhin seien durch die corona-bedingten Einzelzimmer-Regelungen aktuell weniger Betten belegt als sonst. Die Belastung, gerade auch auf der Intensivstation, sei dennoch hoch.

An der Personalsituation, da ist er sich sicher, wird sich nichts ändern. Stellen würden aktuell nicht mehr nachbesetzt. Er kenne viele in der Pflege, die ihren Kindern sagen, sie sollen bloß die Finger von diesem Beruf lassen. Doch manche lassen sich nicht schrecken und steigen trotzdem ein. "Die soziale Ader ist da dann doch stärker." Und für viele ist der Beruf, wie im Fall der jungen Rottweiler Krankenschwester, eben Berufung.

Zum Abschluss ein Blick nach Nordrhein-Westfalen: Dort hat jüngst ein zum Helios-Konzern gehörendes Medizinisches Versorgungszentrum dem Personal für seinen Einsatz in der Corona-Pandemie mit einem Gutschein gedankt. Die Mitarbeiter sollen sich damit einen kleinen "Herzenswunsch" erfüllen. Der Wert: fünf Euro. Manche glaubten an einen schlechten Scherz, wie der "Stern" berichtete. Die satte Dividende – die bekommen andere.