Seit 31 Jahren fährt Pfleger Tobias Winkler seine Touren. Pünktlich zum 50. Jubiläum der Diakonie Nagold gibt er Einblicke in seinen Alltag als Held für die Pflegebedürftigen.
Um Punkt 6 Uhr morgens betritt Pfleger Tobias Winkler sein Büro in der DiakoniestationNagold. Ein letztes Mal schaut er, ob sich an seinem heutigen Ablaufplan etwas verändert hat. Dann geht es auch schon los; über 20 Pflegebedürftige besucht der 55-Jährige jeden Vormittag, meist bei ihnen zuhause.
Seit mittlerweile 31 Jahren ist Winkler Pfleger bei der Nagolder Diakonie. Im Erzgebirge in der Nähe von Aue aufgewachsen, machte er sich 1990 kurz nach der Wende auf den Weg in den Schwarzwald.
Anfangs nur als Mutterschutz-Vertretung
Seine Tätigkeit bei der Diakonie sei ursprünglich nur eine Übergangsidee gewesen, erinnert sich der Pfleger. Damals sei er lediglich als Vertretung für eine Kollegin im Mutterschutz eingesprungen.
Als diese nach ihrer Auszeit nicht wiederkam, besetzte der damals Mitte 20-Jährige die Stelle fest – Bis heute.
Nach dem Checken seines heutigen Dienstplans setzt sich Winkler in seinen Dienstwagen. Mit diesem hat ein paar kleine Sonderrechte, wie beispielsweise Parken im Halteverbot.
Fünf Minuten pro Besuch
Das ist für den Pfleger äußerst praktisch, denn bei seinen Touren muss es zügig gehen. Circa fünf Minuten hat Winkler für die meisten Besuche, in denen er den Patienten beim Anziehen oder der Einnahme von Medikamenten, wie beispielsweise Insulinspritzen, hilft. Danach muss er schon weiter zum nächsten Haus.
Bei Aufgaben wie dem Duschen der Patienten hat der Pfleger mehr Zeit zur Verfügung. Dennoch ist im Zeitplan wenig Platz für Fehler oder unvorhersehbare Notfälle.
Manchmal lassen sich längere Zwischenstopps allerdings nicht vermeiden, beispielsweise wenn ein Patient stürzt und ein Krankenwagen gerufen werden muss. Dadurch verschiebt sich Winklers Plan und die nächsten Patienten müssen warten.
Das baue für einen Pfleger natürlich einen enormen Druck auf, berichtet Winkler. Eine Kollegin habe die Tätigkeit bereits wechseln müssen, da sie mit der Belastung nicht klar kam.
Ein Mensch mit Zeit hilft mehr als Medikamente
Bei all dem Druck ist es Winkler aber wichtig, den Stress niemals auf den Patienten zu übertragen. „Das ist eine große Kunst, den Zeitdruck nicht weiterzugeben“, findet er. Jeder Patient habe das Recht, genug Zeit und eine gute Pflege geschenkt zu bekommen.
Heute ist Winkler unter anderem bei Maria Stenzel zu Besuch. Die 77-Jährige war selbst jahrelang als Gemeindereferentin in der Nagolder St. Petrus-und-Paulus-Kirche aktiv gewesen und kümmerte sich einst selbst um Hilfsbedürftige.
Infolge eines Schlaganfalls ist ihre linke Körperhälfte gelähmt und sie auf tägliche Pflegebesuche angewiesen. „Ich bin immer sehr dankbar, dass morgens jemand kommt“, erklärt Stenzel. „Ein Mensch mit Zeit hilft mehr als Medikamente!“
Seit rund fünf Jahren kümmert sich Winkler fast täglich um Stenzel. Über die Jahre ist eine gute Bekanntschaft entstanden, berichten die beiden. „Ich könnte nicht allein leben, wenn er nicht käme“, zeigt sich Stenzel dankbar.
Oftmals wenig Wertschätzung
Nette Worte wie die von Patientin Stenzel seien eher selten, gibt Winkler zu. Zwar seien die Patienten selbst oftmals dankbar für die Hilfe, allerdings bleibe die Wertschätzung von Familienangehörigen und der Gesellschaft eher aus.
Viele Leute hätten keinerlei Vorstellung davon, wie viel die Pflegekräfte jeden Tag leisten, stellt Winkler fest. Einige hielten den Dienst für selbstverständlich.
Für die Zukunft wünscht sich Winkler, dass die Gesellschaft mehr Verständnis für den Arbeitsaufwand zeigen, den Pflegerinnen und Pfleger jeden Tag leisten.
Nach der Pflegeberatung endet die Schicht
Nach seinem Rundgang gibt Tobias Winkler noch Pflegeberatung für Angehörige, die ihre Familienmitglieder selbst zuhause pflegen.
Dabei berät er sie über Sicherheitsvorkehrungen im Haus, Hilfsmittel wie Rollatoren oder Info-Angebote. Danach ist die Schicht für den 55-Pfleger schließlich vorbei.