Etwa 2,5 Hektar Fläche werden auf der Donau aufgeforstet. Was dieses außergewöhnliche Projekt mit dem Windpark auf der Länge zu tun hat.
Zwei beherzte Schritte das Donau-Ufer hinab, es folgt ein kleiner Satz auf ein im Wasser treibendes Holzbrett. Dann zieht sich Marcus Ewald an einem Spanngurt zur gegenüberliegenden Flussseite. Nein, was Ewald und seine Mitarbeiter auf der Donau bei Neudingen machen, ist keine Form des Survival-Trainings. Der Forstdienstleister und Unternehmer ist hier unterwegs auf der derzeit wohl ungewöhnlichsten Pendelstrecke des Schwarzwald-Baar-Kreises.
Ziel der Floßfahrt ist eine Aueninsel. Insel deswegen, weil das Landstück auf der einen Seite von der Donau umflossen und auf der anderen Seite durch Bahngleise von jeglichem Zugang abgetrennt wird. Dort arbeitet Ewald mit dem Forstamt des Landratsamtes und dem Forstrevier Donaueschingen.
Das etwa 2,5 Hektar große Stück wird aufgeforstet. Der Grund für die Maßnahme thront am Horizont. Auf dem Höhenzug Länge entsteht derzeit ein neuer Windpark, und der Bauherr der Firma Solarcomplex muss für die dafür nötige Rodung des Waldstücks Ausgleich schaffen – die Bepflanzung der Aueninsel bei Neudingen ist Teil davon.
„Die Idee für das Projekt gab es schon vor ein paar Jahren“, sagt Manfred Fünfgeld, Revierleiter des Donaueschinger Stadtwalds. Nachdem der Bau des Windparks nun läuft, wird die Idee in die Realität umgesetzt. Etwa 40 000 Euro zahlt Solarcomplex laut Marcus Ewald für Material und Arbeitskosten. Dabei ist dieser kleine Fleck in vielerlei Hinsicht ein besonderer Ort. Aufgrund der Lage zwischen Bahngleisen und Donau sei das Landstück auch von der Landwirtschaft unberührt geblieben, so Revierleiter Fünfgeld.
Wer holt hier wen ins Boot?
Das ermöglicht eine solche Aufforstung hier erst. Allerdings macht die Lage die Logistik für die Aktion auch zu einer Herausforderung. Einen Landweg gibt es nicht, um die Materialien an Ort und Stelle zu bringen – der Bahnverkehr dürfe auch nicht gestört werden, sagt Fünfgeld. Entsprechend holten er und das Landratsamt Forstdienstleister und Unternehmer Marcus Ewald ins Boot, oder anders: Ewald nahm das Forstamt mit aufs Floß.
Jenes Floß hatte der Bräunlinger über seine zweite Firma für Outdoor-Events zur Verfügung und funktionierte es nun zum Transportmittel für Pflanzen, Zäune und Pfähle um. Und das funktioniert auch weitestgehend reibungslos, sagt Ewald, als er nach dem Übersetzen wieder festen Boden unter den Füßen hat. Nach knapp einer Woche sei bereits 50 Prozent der Arbeit getan.
2500 Bäume, Büsche, Sträucher
Zuletzt hatten auf der Aueninsel Brennnesseln gewuchert, jetzt werden 2500 Bäume, Büsche und Sträucher gepflanzt. „Wir machen hier etwas, das es sonst in der Region nicht oft gibt“, sagt Manfred Fünfgeld. Auenwälder gehören im Schwarzwald und auf der Baar zu den selteneren Waldtypen. Zum Beispiel einige seltene Weidenarten kommen hier nun ganz neu an das Donaustück. Durch die Aufforstung soll die Natur aufgewertet werden, in Zukunft für viele Tiere Lebensraum und Nahrungsquelle bieten, sagt Marvin Gauss, Auszubildender beim Forstamt, der die Planung der Aktion übernommen hat.
„Drahthosen“ sollen Bäume vor Biber schützen
Eines dieser Tiere wird auch der Biber sein. Auf diesen musste Gauss in seiner Planung ganz besonderes Augenmerk legen. „Wenn der Biber hier direkt hereinkäme, dann wären viele Bäume innerhalb von einem halben Jahr schon wieder weg“, sagt Revierleiter Manfred Fünfgeld. Um den fleißigen Nager von den neu gepflanzten Bäumen fernzuhalten, setzen Marcus Ewald und sein Team daher um jede der 2500 Pflanzen einen Zaun, eine so genannte Drahthose. Diese Biber-Sicherung muss zwischen fünf und sieben Jahre lang stehen. „Sobald die Bäume Armdicke haben, darf sich dann auch der Biber den ein oder anderen davon holen“, erklärt Revierleiter Fünfgeld.
Aber auch der Biber kann langfristig zum Aufblühen des neuen Waldstücks beitragen, erklärt der Experte. „Bäume, die er nicht mag, wie etwa Nadelbäume, würde der Biber einfach nur töten.“ Weiden hingegen baut der Biber laut Fünfgeld so ab, dass diese wieder nachwachsen können.
„Gerade jetzt ist die perfekte Zeit“
Warum ausgerechnet in der Kälte des Spätherbstes gepflanzt wird? „Gerade jetzt ist eigentlich die perfekte Zeit“, sagt Manfred Fünfgeld. „Wir haben aktuell keinen Frost und auch Boden ist gut feucht.“ Wenn der Frühling kommt, können die Pflanzen direkt los sprießen.
Zu Weihnachten soll die Bepflanzung abgeschlossen sein. Wer auf der Bahnstrecke an der Donau vorbei durch Neudingen fährt, könnte dann in zwei bis drei Jahren die ersten Ergebnisse der ungewöhnlichen Pflanzaktion in Form jungen Weiden sehen.
Sechs Windräder
Auf dem Höhenzug Länge
laufen derzeit die Arbeiten zur Errichtung von sechs Windrädern. Die Arbeiten sollen bis Juli 2026 abgeschlossen sein. Als Ausgleich für die Rodung im Zuge der Bauarbeiten muss die Firma Solarcomplex in Umweltprojekte in der Umgebung investieren. So auch etwa 40 000 Euro in die Aufforstung der Aueninsel bei Neudingen. Weitere, ausführlichere Informationen zum Windpark Länge gibt es im Internet unter der Adresse www.windpark-laenge.de.