Das gab’s noch nie beim Pfetzergericht in Zollhaus: Den angeklagten früheren Blumberger Realschullehrer Gerhard Scherer, vorne in Sträflingskleidung, eskortieren vier Blumberger Burgpfeifer mit Lanzen. An der Tür wacht Zunftmeister Blank. Foto: Bernhard Lutz

Das Pfetzergericht verurteilt einen früheren Schullehrer. Dabei gilt Gerhard Scherer allgemein als unbescholten. Hier wird der Angeklagte sogar mit einer Eskorte vorgeführt.

Das gab’s noch nie in mehr als 30 Jahren Pfetzergericht: Der angeklagte Gerhard Scherer wurde am Dienstag von vier strammen Burgpfeifern von der Narrengesellschaft Blumberg mit Lanzen in das Gemeinschaftshaus Zollhaus eskortiert. Aus Sicherheitsgründen, so der vorsitzende Richter Simon Blank.

 

Doch das hochlöbliche Pfetzergericht schrammt immer mehr seinem ersten Freispruch entgegen. Oder doch nicht?

Wirklich so unbescholten?

Konnte die junge Gerichtsgarde voriges Jahr den Blumberger Franz Vogt nur noch mit einem Winkel-Advokaten-Trick verurteilen, hatte sie in ihrem zweiten gemeinsamen Amtsjahr eher noch mehr Mühe. Mit dem früheren Blumberger Realschullehrer Gerhard Scherer hatte sich die Pfetzerzunft Zollhaus-Randen einen Bürger als Angeklagten ausgeguckt, der allgemein als unbescholten, integer und durch sein großes soziales Engagement für Jung und Alt sogar als ehrbar gilt. Das zeigten auch die vielen Lacher und Beifallskundgebungen der fröhlichen Narrenschar.

Ausschlaggebend für die Verurteilung war letztlich, dass das Pfetzgericht „noch nie einen Angeklagten freigesprochen“ hatte und es wegen eines mehr als 70-Jährigen „nichts Neues“ einführen wollte.

Den närrischen Frühschoppen der Pfetzerzunft Zollhaus-Randen im vollen Gemeinschaftshaus Zollhaus eröffnet traditionell der Pfetzer-Fanfarenzug mit schmetternden Weisen. Foto: Bernhard Lutz

Ankläger Silvio Waimer nannte den Angeklagten nach dem schmetternden Einzug des Pfetzerfanfarenzugs etwas herablassend einen Ex-Schulmeister, Zirkusmusiker und Senioren-Dompteur und gar einen „Loschore von allergrößtem Kaliber“. Doch war er sich seiner Sache nicht so sicher, appellierte er doch an ehemalige Schüler und Eltern, Beifall oder Zwischenrufe tunlichst zu unterlassen. Als der Ankläger dem Angeklagten vorwarf, er sei nur Sportlehrer geworden, „weil er sich das Geld für das Fitness-Studio sparen wollte“, und die jüngsten Handballer trainiere er seit seinem Ruhestand nur, „damit er einmal pro Woche umsonst duschen kann“, lachte fast der ganze Saal.

Deshalb dürfe er in der Band sein

Auch der Vorwurf, bei der Band Alsaba (Alte Sack Band) ließen ihn die Kollegen nur mitspielen, damit er nicht als Straßenmusiker in der Stadt herumlungere und der Stadtjugendpfleger sich auch noch um ihn kümmern müsse, bewirkte heftiges Gelächter. Bei den aktiven Senioren (Aktivis) verursache er Termin-Chaos, das seine Gattin Cilly dann korrigieren müsse. Ein hoffnungsloser Fall sei der Angeklagte für das Schachspiel, deshalb probiere es Hannes Jettkandt bei ihm jetzt mit Skat – mit mäßigem Erfolg. Für das Rote Kreuz bringt er den Blumberger Senioren das Essen auf Rädern. Der Ankläger: „Also wie die armen alten Menschen auf Rädern das Essen zu sich nehmen sollen, ist mir nach wie vor ein Rätsel.“

Silvio Waimer und Oliver Blank (hinten von links) ehren verdiente Mitglieder (vorne von links): Jamira Reisinger, Bärbel Renner, Regina Reisinger, Jutta Waimer und Dirk Prager. Foto: Bernhard Lutz

Als Strafe solle der Angeklagte alle Aufgaben, von denen er keine Ahnung habe, gleich seiner Frau überlassen, absolviere den Staubsauger-Führerschein (Zwischenruf von Frau und Tochter: „Den hat er schon!“), verschone seine Freunde mit Skat und spiele mit seinen Enkelkindern nur noch Schwarzer Peter. Die Narrenseelen im Saal bebten.

Fürsprech Tim Wölfle hielt dagegen, die ganze Narrenschar hinter sich. Jedermann wisse, dass der hier zu Unrecht vorgeführte Spitzensportler eine absolute Sportskanone sei! Das Einzige, was er nicht könne, sei Fußball: Würde der mit seinen kurzen Beinen am Freitag auf dem neuen Kunstrasenplatz trainieren, müsste er am Samstag auf dem Wochenmarkt Eier aus Bodenhaltung verkaufen.

Dagegen sei er als knallharter Handballtrainer in ganz Südbaden bekannt. Nur einmal habe ihn seine Frau vertreten und ihm den Rang abgelaufen. Nach ihrem Training habe die Handballer drei Wochen lang der Muskelkater geplagt. Und was das Essen auf Rädern anging: Zugegeben, manchmal fahre er etwas zu schnell. Werde dann halt geblitzt. Macht aber nichts: „Er sammelt so Punkte für die erste Tennismannschaft, die würde ja sonst absteigen!“

„Soweit kommt’s noch!“

Zur Musikband: Wenn der Angeklagte mit seinen Uralt-Säcken bei Ü80-Partys auftrete, werde er stets als Florian Silbereisen der Senioren-Freunde gefeiert. Und das Strafmaß sei eine Frechheit. „Alle Macht den Frauen, soweit kommt’s noch! Musste doch das hohe Gericht am Schmotzige mit Schrecken feststellen, dass sich unter Maske und Häs der einst ehrwürdigen Eichberggeister jetzt sogar Frauen verstecken.“ Das Urteil, so der Fürsprech, könne nur auf Freispruch lauten, der Angeklagte würde dafür eine Kostprobe seines überragenden Könnens als Gitarrist und Sänger vortragen.

Die Einwände zeigten Wirkung. Schließlich verkündete Richter Simon Blank ein vergleichsweise mildes Urteil: Der Angeklagte dürfe bei einer Veranstaltung der Pfetzer mit der Alsaba das närrische Volk unterhalten. Und er werde mit sofortiger Wirkung seinem Bewährungshelfer Hannes Jettkandt unterstellt. Nach dem Urteil antwortete der Verurteilte mit seinen Musikerkollegen Wolfgang Tscholl und Helmut Eck mit einem Blues, quittiert von Beifallsstürmen im vollen Zollhauser Narrennest: Die Verurteilung sei ein fieser Plan, „ich bin mir keiner Schuld bewusst, ich bin ein unschuldiger Kerl.“

Selbst die Ehrung verläuft anders

Etwas anders als sonst verlief auch die anschließende Ehrung. Landvogt Raily Mink habe sich entschuldigt, sagte Zunftmeister Oliver Blank, die Orden der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee würden nächstes Jahr verliehen. Blank ehrte Gerichtsdiener Dirk Prager mit dem Mini-Pfetzer-Orden und sagte unter Beifall, „irgendwann werden wir Dich zum Zunftmeister befördern“.

Den Pfetzer-Orden erhielten Regina Reisinger und ihre Tochter Jamira Reisinger, beide seit 2015 dabei. Den Wiebli-Orden erhielt Bärbel Renner, seit 1986 in der Pfetzerzunft. Den Großen Verdienstorden, die Kachel, höchste Ehrung der Pfetzerzunft, erhielt Jutta Waimer, seit 45 Jahren aktives Pfetzerwiebli und eine Stütze der Pfetzer.

Nach den Ehrungen heizte die Alsaba zum fröhlichen Ausklang mit bekannten Oldies ein.

Das Pfetzergericht

Die Historie
der Narrenzunft Zollhaus-Randen rief vor mehr als 30 Jahren der langjährige Zunftmeister Werner Waimer ins Leben. Zum Einen, um den Fastnachts-Dienstagmorgen im Raum Blumberg zu beleben, zum Zweiten, um damit auch Einnahmen für die Zunft zu generieren. Werner Waimer schreibt auch nach wie vor die Texte für die Verhandlung. In Narrenkreisen ist der närrische Frühschoppen fast schon legendär, stets sind Mitglieder befreundeter Zünfte anwesend. Ins Joch schlossen die Pfetzer so manchen Zeitgenossen, der später auch Karriere machte, so die beiden Amtsleiter Wolfgang Faißt und Hubert Schiele, die beide Bürgermeister wurden.