Tina Witmann erlebt bei ihrer Arbeit als Medizinische Fachangestellte in der Hausarztpraxis Tobias Allgaier in Friesenheim fast täglich verbale Gewalt im Umgang mit Patienten. Foto: Merz

Der Ärzteverband Medi warnt: „Gewalt gehört zum Alltag in den Arztpraxen.“ Wie Praxen in der Ortenau damit umgehen, erklärt der Vorsitzende der Kreisärzteschaft.

Ärzte und ihre Teams sind dafür da, Menschen zu helfen – besonders dann, wenn es ihnen schlecht geht. Doch nicht selten sehen sich Mediziner in ihren Praxen selbst mit Gewalt konfrontiert.

 

Laut einer aktuellen Umfrage des Ärzteverbands Medi Baden-Württemberg unter seinen Mitgliedern wurde in jeder sechsten Praxis sowohl verbale als auch körperliche Gewalt erlebt. „Gewalt gehört zum Alltag in den Arztpraxen“, erklärt Medi und fordert mehr strafrechtlichen Schutz.

Welches Klima herrscht in den Arztpraxen in der Ortenau? Unsere Redaktion hat bei Ulrich Geiger, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Kreisärzteschaft, nachgefragt.

Keine körperliche, aber verbale Gewalt

„Das Thema Gewalterfahrung und -erleben ist sehr unterschiedlich in den Praxen“, erklärt Geiger. Überwiegend werde im Ärztlichen Kreisverein Ortenau, dessen Vorsitzender er ist, rückgemeldet, dass es keine Gewalterfahrungen im Sinne von körperlicher Gewalt gebe. „Es gibt aber zunehmend ansprüchliche und aufbrausende Patienten, die sich so gebärden, dass die Medizinischen Fachangestellten Unterstützung von Kollegen oder Ärzten anfordern“, berichtet der Mediziner. Es gebe deutliche Unterschiede, je nach Art der Praxis und Klientel: „In der Notaufnahme der Kliniken ist meist Security vor Ort und regelmäßig die Polizei. Und in Brennpunktstadtteilen ist die Stimmung anders als auf dem Dorf“, so Geiger. Fälle, in denen Kollegen ihre Praxen aus Sicherheitsgründen schließen mussten, sind dem Mediziner nicht bekannt. „Aber Unsicherheitserleben kann dazu führen, dass in sozialen Brennpunkten das Versorgungsnetzwerk dünner wird oder Praxen erst gar nicht dort hingehen“, gibt er zu bedenken.

„Verbale Gewalt erleben wir sehr oft, fast täglich“, berichtet Tina Witmann, die in der Hausarztpraxis Tobias Allgaier in Friesenheim als Medizinische Fachangestellte arbeitet, im Gespräch. Unfreundlichkeiten, Beschimpfungen, aggressives Verhalten bis hin zu Drohungen seien an der Tagesordnung. Zu körperlicher Gewalt sei es noch nicht gekommen. „Es werden oft Grenzen überschritten und das wird immer mehr“, so Witmann. „Wenn es ganz extrem wird, holen wir den Chef dazu, da gibt es dann mehr Respekt.“ In der Praxis gibt es ein internes Chatsystem in jedem Raum zur Sicherheit, außerdem liegt am Empfangstresen Pfefferspray parat. „Das mussten wie bisher noch nicht benutzen“, sagt Tina Witmann. „Die Patienten werden immer aufbrausender“, bestätigt Carolina Caruso, Medizinische Fachangestellte in der Praxis von Stefan Schneider in Lahr. Körperliche Gewalt habe auch sie noch nicht erlebt.

Das Thema Sicherheit ist also durchaus auch in den Ortenauer Praxen präsent. Der Vorsitzende der Kreisärzteschaft berichtet von einer Veranstaltung von der Kassenärztlichen Vereinigung und der Polizei dazu im Frühjahr. Für das kommende Jahr sei eine weitere Fortbildung geplant. „Die Erfahrungen mit dem Mord an einem Offenburger Arzt 2018 oder der Psychotherapeutin im Winter sind noch sehr präsent“, sagt Geiger. „Auch wir haben in der Praxis das Thema immer wieder mit unseren Medizinischen Fachangestellten besprochen. Aber beide Ereignisse waren, ebenso wie die Morde in Magdeburg und Aschaffenburg, Taten von psychisch kranken Menschen. Da muss die Versorgung besser werden“, stellt er klar.

Laut Medi bereiten sich immer mehr Praxen auf Eskalationen vor. Auch Geiger berichtet von unterschiedlichen Maßnahmen vor Ort – je nach Bedrohungserleben. Schulungen zum Thema mit allen Praxismitarbeitern, Absprachen im Team, wann Unterstützung geholt wird, aber auch Maßnahmen wie Panikalarme für alle Mitarbeiter seien wichtige Bausteine. Immer wieder sind in Empfangsbereichen von Praxen auch Schilder mit Botschaften wie „Seien Sie nett zu unseren Mitarbeitern“ zu entdecken. „Diese sind meist eher zur Stressreduktion für die Mitarbeitenden als zur Gewaltprävention gedacht“, erklärt Geiger.

Die Gründe für die steigende Gewaltbereitschaft sehen laut Medi-Umfrage ein Drittel der Befragten in der zunehmenden Respektlosigkeit der Patienten. Auch der steigende Versorgungsdruck und die Anspruchshaltung der Patienten werden genannt.

Arzt wünscht sich mehr Gelassenheit

„Ich sehe das Thema ‚ansprüchliche Menschen‘ als gesamtgesellschaftliches Thema“, erklärt Ulrich Geiger dazu. „Oft herrscht die Idee vor, es muss alles zu jeder Zeit und sofort geben. Alle Leistungen müssen wie im Internet immer verfügbar sein. Dazu kommt: Dr. Google vermittelt einem auch bei harmlosen Beschwerden oft nach dem dritten Klick das Gefühl, lebensbedrohlich erkrankt zu sein.“ Dieser Umstand treffe auf ein Gesundheitssystem, das sowieso schon sehr auf Kante genäht sei und in dem überall Menschen fehlen würden.

Und wie kann sich die Situation ändern? „Ich würde mir insgesamt mehr Gelassenheit wünschen – mehr Hören auf den eigenen Körper, Gelassenheit im Umgang mit harmlosen Körperreaktionen – und das Anerkennen, dass medizinische Versorgung am besten funktioniert, wenn Patient und Arzt eine gute Vertrauensbasis haben und sich alle in Ruhe zu den normalen Praxis-Öffnungszeiten um die gesundheitlichen Themen kümmern können. Alles andere sollte wirklich nur den echten Notfällen vorbehalten sein“, erklärt der Vorsitzende der Kreisärzteschaft.

Der Medi-Ärzteverband

Der Verein Medi Baden-Württemberg ist ein Zusammenschluss von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten aller Fachrichtungen. Das zentrale Anliegen sind fachübergreifendes Denken und Handeln sowie der Erhalt der wohnortnahen ambulanten Versorgung.