Die Protestanten in Calw erleben spannende Zeiten. Veränderungen bestimmen das Gemeindeleben. Dazu gehört die Fusion zu einer Calwer Kirchengemeinde, aber auch personelle Wechsel.
Erich Hartmann ist Dekan im evangelischen Kirchenbezirk und geschäftsführender Pfarrer der Kirchengemeinde Calw. Die gibt es in der neuen Form erst seit Januar. Sinkende Mitgliederzahlen, weniger Pfarrstellen, große Herausforderungen: Bei den Protestanten in der Hesse-Stadt ist viel in Bewegung. Im Interview berichtet Hartmann, welche Herausforderungen es gibt, und wie die Gemeinde ihnen begegnet.
Das sind gerade spannende Zeiten für die Kirchengemeinde Calw, oder Herr Hartmann?
Ganz klar, wir sind in Umbruchzeiten. In diesem Januar war die Fusion der Kirchengemeinden Stadt, Heumaden, Wimberg und Hirsau zur Kirchengemeinde Calw. Da sind wir mitten in der Umsetzung. Dann gibt es einige Stellenwechsel. Wir sind in der Pfarrplan-2030-Umsetzung: Die Pfarrstelle in Hirsau ist nun ganz weggefallen, und perspektivisch wird die Stelle auf dem Wimberg eine 50-Prozent-Stelle und zusätzlich die Krankenhausseelsorge beinhalten. Aufgrund dieser Veränderungen haben sich die Parochien – also die Zuständigkeitsbereiche der Pfarrer – verschoben.
Und klar, wir haben Kirchenwahl am ersten Advent. Die wird noch einmal erhebliche Veränderungen mit sich bringen. Statt der bisherigen vier Kirchengemeinderatsgremien gibt es vier Parochieausschüsse und einen zwölfköpfigen Kirchengemeinderat für die Gesamtgemeinde.
Eine weitere Veränderung ist, dass sowohl die Gemeindediakonin, als auch die Jugendreferentin mit jeweils 75 Prozent angestellt sind. Beide Stellen sind nun anders finanziert, und die Kirchengemeinde muss einen wesentlichen Teil der Kosten selber aufbringen – etwa 80 000 Euro pro Jahr. Wir hoffen, dass das klappt.
Wie haben sich die vier Kirchengemeinden denn zusammengefunden?
Eigentlich gut. Wir haben bei der Fusion aber auch Vorlauf gehabt. Es gab gemeinsame Treffen vorab und Klausurtagungen. Da ist tatsächlich Bewegung reingekommen: Man hat sich auf den Weg in die Nachbargemeinden gemacht. Aber es wird ja weiterhin an jedem Ort Gemeindearbeit geben. Bei den Gottesdiensten merkt man es sicher am stärksten, und bei der Konfirmandenarbeit eventuell auch. Es kann sein, dass es nur zwei, drei Konfigruppen gibt anstatt vier. Und bei weniger als fünf Konfirmanden an einem Ort auch gemeinsame Konfirmationsgottesdienste.
Es gibt nicht mehr an jedem Sonntag in jedem Ort einen Gottesdienst
Was ist die größte Veränderung?
Wir werden eine ganz andere Gottesdienststruktur einführen. Ab dem 1. November werden wir immer am ersten Sonntag im Monat gemeinsam feiern statt in den einzelnen Gemeinden. Am zweiten und vierten Sonntag des Monats gibt es Doppelgottesdienste: Ab 10 Uhr in der Stadtkirche und ab 11 Uhr in Hirsau. Außerdem um 10 oder 11 Uhr in Wimberg oder Heumaden. Da ist noch nicht endgültig geklärt, in welcher Reihenfolge. Das ist gesetzt, alles andere muss sich noch finden. Etwa, dass es am dritten Sonntag Schwerpunkte geben soll wie Taufen oder Abendmahlsfeiern oder einen musikalischen Schwerpunkt zum Beispiel.
Auch bei den Pfarrern tut sich viel: Sebastian Steinbach hat im August Hirsau verlassen, Georg Schwarz ist im März in Calw dazugekommen. Weitere Veränderungen stehen an.
Ja, Pfarrerin Charlotte Hahn-Mildenberger wird eine Krankenhausseelsorgestelle in Stuttgart antreten. Sie wird am 15. November in Heumaden verabschiedet. Und Pfarrer Roland Bühler (Wimberg und Alzenberg) wird im Herbst nächstes Jahr in Ruhestand gehen. Der genaue Termin ist noch unklar. Auch bei mir selbst naht der Ruhestandseintritt – vermutlich gegen Ende des nächsten Jahres.
Pfarrer Steinbachs „Vermächtnis“ in Hirsau ist ja „AmenAtmen“. Wie geht es damit weiter?
Es war von vornherein klar, dass die Stelle eine Projektstelle war, die von der Landeskirche fünf Jahre lang finanziert wird. In dem Zusammenhang gibt es aber auch viel ehrenamtliches Engagement. Darüber hinaus hat ein Dekan ja einen Pfarrer zur Dienstaushilfe. Die derzeitige Stelleninhaberin, Christiane Lehmann, geht jetzt in Mutterschutz und Elternzeit. Wenn der Oberkirchenrat mir im neuen Jahr wieder jemand zuweisen sollte, wäre es gut möglich, „AmenAtmen“ in den Dienstauftrag mit aufzunehmen. Das muss aber jemand sein, der oder die ein Gefühl und Gespür für die „Klosterarbeit“ hat.
Viele junge Pfarrer zieht es in den Kirchenbezirk
Und was passiert mit dem Hirsauer Pfarrhaus, wo bisher die Steinbachs wohnten?
Der Plan ist, dass das Klosterpfarrhaus renoviert wird. Das ist aber ein staatliches Pfarrhaus, zuständig ist also das Amt für Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Jetzt wird ermittelt, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Das Haus ist alt und eine energetische Herausforderung. Wenn es gut saniert ist, wird mittelfristig der Pfarrer, der für Hirsau und die Kernstadt zuständig ist, dort einziehen.
Mit Pfarrer Georg Schwarz ist die Stadtkirchenpfarrstelle wieder besetzt. Wie viel leichter macht das Ihre Arbeit?
Mir hilft das sehr. Die Stelle war sehr lange vakant, im Grunde drei Jahre lang. Frau Lehmann hat viel gemacht, es hing aber auch einiges an mir. Mein Schwerpunkt als Dekan ist natürlich die Arbeit im Kirchenbezirk. Insofern ist das schon eine Entlastung, dass Herr Schwarz die Gemeindearbeit im Wesentlichen übernommen hat.
Eigentlich fehlt es doch allerorten an Pfarrernachwuchs. Im Kirchenbezirk Calw allerdings haben zuletzt zahlreiche junge Theologen die Arbeit aufgenommen. Wie ist Ihnen und Co-Dekan Tobias Geiger dies gelungen?
Manche Dinge haben sich mehr oder weniger durch Zufall ergeben. Aber es ist doch so, dass junge Leute junge Leute anziehen. Es sind einige in Ruhestand gegangen, es vollzieht sich also ein Stück weit ein Generationswechsel. Drei junge Pfarrer sind zusammen in den Kirchenbezirk gekommen, weil sie nach dem Vikariat weiter eng zusammenarbeiten wollten. Andere hatten entweder eine Beziehung zum Ort, oder es hat für die Ehepartner gut gepasst. Wir sind schon noch im Speckgürtel von Stuttgart, und die Berufstätigkeit des Ehepartners spielt auch eine Rolle. Insofern sind wir gut unterwegs. Im gesamten Kirchenbezirk gibt es gerade nur eine Vakatur in Altensteig und ab Mitte November dann in Heumaden.
Wie blicken Sie als Calwer Pfarrer in die Zukunft?
Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Umstrukturierung gut hinbekommen. Einfach auch, weil die Kirchengemeinderatsmitglieder die Herausforderung angenommen und wir einen guten Start hingelegt haben. Wir merken zudem, dass sich die Gemeinden auf den Weg machen. Wir sind personell gut aufgestellt, auch mit Diakonin und Jugendreferentin. Und wir haben ein gutes Angebot mit Leuchtturmprojekten wie der Vesperkirche, Weihnachten mit Herz, Gemeindemittagstischen, Stadtranderholung und Kirchenmusik. Ich bin guten Mutes. Wir haben eine wichtige Aufgabe in der Kommune, wollen uns einbringen, auch im gesellschaftlichen Bereich klar Farbe bekennen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Wir wollen einfach eine Anlaufstelle sein für die Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten.