Zum ersten Mal ist mit Marie-Louise Eta eine Frau Cheftrainerin eines Männer-Bundesliga-Teams. Für Petra Linder ist das ein wichtiges Signal für den gesamten Fußball.
Seit 1963 gibt es die Fußball-Bundesliga der Männer, doch erstmals in der Geschichte steht dort nun eine Frau an der Seitenlinie. Nach der Entlassung von Steffen Baumgart übernimmt Marie-Louise Eta interimsweise das Traineramt beim 1. FC Union Berlin und schreibt damit Fußballgeschichte.
Auch im Zollernalbkreis wird dieser Schritt aufmerksam verfolgt. Petra Linder, seit vielen Jahren erfolgreiche Trainerin des Frauen-Verbandsligisten TSV Frommern, hat den Weg für sich und ihren Verein längst selbst geprägt.
Unter ihrer Leitung feierten die Schwarz-Gelben zahlreiche Erfolge und Titel. Ein Höhepunkt: die Qualifikation zur Deutschen Futsal-Meisterschaft in Duisburg im vergangenen Jahr, bei der Frommern einen starken sechsten Platz erreichte – ein historischer Erfolg für den Verein.
Ausgezeichnete Trainerin
Für ihre Leistungen wurde Linder zudem 2022 zur „Amateurin des Jahres“ auf dem Portal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gewählt. Wir haben mit der ehrgeizigen Trainerin und Frommern-Urgestein gesprochen.
Wie haben Sie die Ernennung der ersten Trainerin, Marie-Louise Eta (Union Berlin), in der Fußball-Bundesliga wahrgenommen?
Petra Linder: Ich habe das sehr positiv wahrgenommen und mich wirklich sehr für sie gefreut, dass sie nun die Möglichkeit bekommt, diese Aufgabe zu übernehmen. Natürlich bleibt dabei auch ein etwas weinendes Auge, da Steffen Baumgart in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entlassen wurde. Insgesamt ist das aber ein wichtiges und starkes Signal. Ich finde es sehr gut, dass der 1. FC Union Berlin ihr diese Chance gibt, diesen Posten zu übernehmen.
Welche Signalwirkung hat dieser Schritt aus Ihrer Sicht, gerade für den Frauen- und Amateurfußball?
Ich hoffe sehr, dass dieser Schritt eine starke Signalwirkung entfaltet, vor allem dahingehend, dass sich künftig mehr Frauen zutrauen, den Trainerberuf zu ergreifen und sich in solchen Positionen sehen. Entscheidend sollten aus meiner Sicht immer die Qualifikation, das Know-how und die Durchsetzungsfähigkeit sein und nicht das Geschlecht. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann eine Frau dieses Amt genauso gut ausüben wie ein Mann. Gerade Union Berlin setzt hier ein wichtiges Zeichen, indem der Verein Marie-Louise Eta diese Chance gibt. Sie bringt mit der Fußballlehrer-Lizenz die gleiche fachliche Qualifikation mit wie viele ihrer Bundesliga-Kollegen und arbeitet zudem erfolgreich im Team. Insgesamt bin ich daher sehr positiv gestimmt und überzeugt, dass dieser Schritt viele Frauen ermutigen kann, sich solche Aufgaben künftig stärker zuzutrauen.
Offener denken – mehr wagen
Glauben Sie, dass sich dadurch langfristig mehr Frauen für Trainerpositionen im Männerbereich öffnen?
Ich glaube schon, dass dieser Schritt dazu beitragen kann, dass sowohl Vereine als auch Verantwortliche stärker darüber nachdenken, Frauen in solche Positionen zu holen und Trainerstellen im Männerbereich grundsätzlich offener zu denken. Letztlich liegt es aber auch an den Frauen selbst, die sich diese Aufgaben zutrauen und solche Positionen aktiv übernehmen müssen. Wenn man sich nicht traut, kann man auch nichts bewegen und keine Veränderungen anstoßen. Deshalb braucht es vor allem viele engagierte Frauen, die den Schritt wagen und bereit sind, Verantwortung in diesen Rollen zu übernehmen.
Haben Sie selbst in Ihrer Laufbahn Unterschiede in der Wahrnehmung als Trainerin erlebt?
Ja, vielleicht war es anfangs teilweise schon so, dass man eher skeptisch oder auch ein Stück weit belächelt wurde. Trotzdem habe ich immer viele männliche Trainerkollegen gehabt, auch jetzt in der Verbandsliga und komme mit allen sehr gut klar. Ich werde dort wertgeschätzt, und wir begegnen uns auf Augenhöhe. Auch bei Lizenzverlängerungen oder Trainerfortbildungen werde ich ernst genommen und gleichberechtigt behandelt, nicht belächelt. Insgesamt hat sich da in den vergangenen Jahren schon sehr viel positiv entwickelt.
Vorurteile und unpassende Kommentare
Wird Kompetenz im Fußball noch zu oft mit Geschlecht verknüpft?
Ja, ich glaube schon, dass Kompetenz im Fußball teilweise noch immer mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht wird. Sicher gibt es auch weiterhin einzelne Vorurteile oder unpassende Kommentare, das wird man vermutlich nie ganz vermeiden können. Trotzdem muss man irgendwann anfangen, diese Denkweise zu durchbrechen. Kompetenz hat aus meiner Sicht überhaupt nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es gibt genauso Frauen, die über enorm viel Fußballfachwissen und große Trainerkompetenz verfügen, teilweise sogar mehr als mancher männliche Kollege. Ich glaube, genau da liegt der wichtige Punkt: Man sollte Menschen nach ihrer Qualifikation und ihrem Können beurteilen, nicht nach ihrem Geschlecht.
Trauen Sie einer Frau dauerhaft den Cheftrainerposten im Profifußball der Männer zu – und warum?
Ja, ich traue einer Frau diesen Posten absolut zu. Ich sehe keinen Grund, warum eine Frau diese Aufgabe nicht genauso ausüben sollte wie ein Mann. Für den Trainerberuf braucht es bestimmte Qualitäten: Fachwissen, Führungskompetenz, kommunikative Stärke und ein gutes Gespür für Menschen. All das sind Fähigkeiten, die unabhängig vom Geschlecht vorhanden sein können. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann eine Frau den Cheftrainerposten im Profifußball der Männer genauso erfolgreich ausfüllen wie jeder männliche Kollege.
Motto: Mehr Mut!
Was braucht es, damit noch mehr Frauen in der Region den Weg auf die Trainerbank finden?
Ich denke, es braucht vor allem mehr Frauen, die sich den Schritt auf die Trainerbank zutrauen, gerade im unteren Amateurfußball. Oft scheitert es nicht am Können, sondern daran, dass der Mut fehlt, vor einer Mannschaft Verantwortung zu übernehmen oder sich diese Rolle zuzutrauen. Deshalb ist es mir auch ein Anliegen, gezielt junge Mädchen und Frauen zu ermutigen, früh Verantwortung im Verein und im Trainerbereich zu übernehmen. Natürlich braucht es dafür fachliches Wissen, das man sich aneignen muss, aber dieser Weg ist absolut machbar. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Eine Trainerposition gibt einem auch sehr viel zurück. Man nimmt unglaublich viele positive Erfahrungen mit, die einem auch im Leben außerhalb des Fußballs weiterhelfen können.