Petra Gerster und Christian Nürnberger im Gespräch mit Wolfgang Niess... Foto: Kappe

Um Gendern und Identitätspolitik ging es am Dienstagabend im Lautlinger Schloss. Die Journalistin Petra Gerster und ihr Mann, der Publizist Christian Nürnberger, lasen aus ihrem neuen Buch "Vermintes Gelände".

Albstadt-Lautlingen - "Zu(m) Wort kommen" – das war das Motto von 19 Albstädter Literaturtagen gewesen, die mit Gersters und Nürnbergers Gastspiel im Stauffenberg-Schloss zu Ende gingen. Auch dieses Finale handelte davon, wie Worte verwendet werden, genauer: vom Gendern. Wie sehr "Vermintes Gelände" den Nerv der Zeit trifft, zeigte sich schon am Publikumsinteresse: Die Veranstaltung, die von Wolfgang Niess, Historiker und selbst Autor, moderiert wurde, war ausverkauft.

"Ich habe stets versucht, auch die weibliche Form in meinen Moderationen zu berücksichtigen", berichtete die ehemalige "Heute"-Moderatorin Gerster – doch als sie bewusst das sogenannte Gender-Sternchen verwendete, sei ein wahrer Shitstorm über sie hereingebrochen. "Ich wurde zur Gender-Terroristin ernannt – wegen einer Zehntelsekunde Sprechpause", und ihr wurde vorgeworfen, sich moralisch über andere erheben zu wollen. Dabei gehe es doch lediglich um ein harmloses typographisches Zeichen. "Wenn das Thema die Leute so aufregt, müssen wir dazu ein Buch schreiben", kommentierte Christian Nürnberger die Flut der zum Teil wüsten Beschimpfungen – und so entstand "vermintes Gelände".

Eine Frage des Respekts

Christian Nürnberger und Petra Gerster sehen es als eine Frage der Höflichkeit und des Respekts an, zu gendern. Auch non-binäre Menschen fühlten sich auf diese Weise angesprochen und hätten das Gefühl, ihre Existenz werde wahrgenommen – das generische Maskulinum hingegen ignoriere die Frauen. Allein bei dem bekannten Satz "Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!" stelle man sich doch automatisch zwei Männer im weißen Kittel vor. Viele, die heute gegen das Gendern wüteten, seien noch vor Kurzem gegen Rechtschreibreform oder Anglizismen gewesen.

Es gibt ja auch noch das Partizip

Auch Moderator Niess stört das Gender-Sternchen beim Lesen nicht weiter – kompliziert werde es aber, sobald die Artikel hinzukämen. Worauf die beiden Autoren beteuerten, sie wollten die Sprache keineswegs verhunzen. Eine Ausweichmöglichkeit eröffne beispielsweise die Partizipialform, in der Teilnehmer zu Teilnehmenden werden. "Man muss sich einfach ein bisschen Mühe geben", fordern Gerster und Nürnberger.

Eine fast schon aggressive Abwehr

Bereits beim Schreiben des Buchs im Jahr 2021 hatten die beiden festgestellt, dass Identitätspolitik in der Sprache stecke: Neben dem Geschlechterthema gebe es auch noch Hautfarbe, Ethnie, Sprache – und der heftigste Widerstand, ja beinahe eine aggressive Abwehr, komme vor allem von den sogenannten "alten weißen Männern". Doch die, so Gerster und Nürnberger, seien nun mal nicht mehr das Maß aller Dinge – das Deutschland von heute habe nicht mehr viel mit dem von früher zu tun: "Wir bestehen mittlerweile aus einer kunterbunten Menschenschar."

"Einfach mal den Leuten zuhören"

Aber könne das wirklich alles sprachlich umgesetzt werden, fragte Moderator Niess nach. Er selbst fühle sich häufig sehr verwirrt von all dem und wisse manchmal überhaupt nicht mehr, was nun politisch korrekt sei. "Einfach mal den Leuten zuhören", empfahl Christian Nürnberger, und: "Wir müssen uns mit all dem auseinandersetzen", bekräftigte Petra Gerster und empfahl, die eigene Brille abzusetzen, Dinge neu zu betrachten und rücksichtsvoller mit Minderheiten umgehen. Denn was und wie jeder einzelne denke und spreche, beeinflusse letztlich das Schicksal aller: "Wir können Weltverbesserungs-Anbahner sein und darum ist es nicht egal, welche Worte wir sprechen."

Es folgte ein reger Austausch zwischen den beiden Autoren und dem Publikum im Stauffenberg-Schloss – Christian Nürnberger hat fraglos Recht, das Thema treibt die Menschen um. Tanja Wachter, Leiterin der Albstädter Stadtbücherei, zog abschließend das Fazit: "Wir müssen im Gespräch bleiben und uns austauschen."