Patienten sterben häufiger in Kliniken nahe der Schweiz, wie eine Studie zeigt. Grund sei die Abwanderung von Pflegepersonal.
Die Abwanderung von Pflegekräften in die Schweiz hat für deutsche Krankenhäuser tödliche Folgen: Dort soll die Sterblichkeit wegen des Pflegepersonalmangels um 4,4 Prozent gestiegen sein, wie eine neue Untersuchung zeigt.
Durchgeführt wurde die Untersuchung vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und dem Münchner Ifo-Institut, wie es am Montag hieß. Sie basiert auf einem „natürlichen Experiment“: der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) aus dem Jahr 2011, einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro festzulegen. Dadurch wurden die hohen und nun berechenbaren Lohnunterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland zementiert.
Krankenhäuser diesseits der Grenze verloren der Untersuchung zufolge dadurch rund zwölf Prozent ihres diplomierten Pflegepersonals. Die Zahl der Patienten pro Pflegekraft stieg um rund zehn Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient bei gleicher medizinischer Notwendigkeit operiert wurde, sank um zwölf Prozent. In der Folge stieg die Sterblichkeit durchschnittlich um 4,4 Prozent.
Negative Folgen
Die negativen gesundheitlichen Folgen waren dabei ungleich verteilt: Der Anstieg betrifft vor allem ältere und akut erkrankte Patienten. Besonders stark erhöht hat sich die Sterblichkeit bei Notfällen wie Herzinfarkten und Sepsis – dort betrug er 11,6 und 17,7 Prozent. In den betroffenen deutschen Regionen sank die Lebenserwartung um 0,28 Jahre, während sie im übrigen Deutschland weiter zunahm.
Die Studie untersuchte auch, ob die Abwanderung des Pflegepersonals zu positiven Gesundheitseffekten in der Schweiz führte. In den Schweizer Grenzregionen, die von dem Zuzug profitierten, konnte jedoch kein entsprechender Anstieg der Lebenserwartung nachgewiesen werden. Die Studie untersuchte alle stationären Krankenhausfälle über den Zeitraum von 2006 bis 2017, um die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Sterblichkeit und die Lebenserwartung herauszufinden. Die Untersuchung liegt derzeit als „Working Paper“ der beteiligten Forschungsinstitute vor und ist nicht in einem begutachteten Fachjournal veröffentlicht.
Unterdessen können die Kliniken des Landkreises Lörrach einen Zusammenhang von Sterblichkeitsrate und Abwanderung von Pflegekräften nicht bestätigen, wie der klinische Geschäftsführer Dr. Klaus Steinmeyer-Bauer auf Anfrage unserer Zeitung schreibt.
Pflegekräfte kehren zurück
„Derzeit ist die Entwicklung in den Kliniken des Landkreises Lörrach gegenläufig. Wir stellen sogar fest, dass Pflegekräfte aus der Schweiz zurückkehren und die Strahlkraft des Dreiland-Klinikums kontinuierlich zunimmt. Die Kliniken des Landkreises Lörrach haben mit einer umfassenden strategischen Initiative zur Stärkung des eigenen Pflegepersonals innerhalb von nur 18 Monaten die Zahl der berufsgruppenübergreifend eingesetzten Leiharbeitskräfte von 150 (Stand: Ende 2023) bereits Mitte letzten Jahres auf 25 gesenkt.“ Diese Entwicklung halte weiter an. „ Es gibt bei den Kliniken des Landkreises Lörrach trotz des Fachkräftemangels keine Verschiebung von dringlichen Operationen. Auch offene Stellen gibt es keine. Vakanzen werden durch den flexiblen Einsatz von Mitarbeitenden anderer Standorte und den Einsatz von Fremdkräften ausgeglichen“, so Steinmeyer-Bauer weiter.
Neues Arbeitszeitmodell
Von großer Bedeutung sei dabei die Arbeit der Berufsfachschule für Pflege. Im aktuellen Kurs der Gesundheits- und Krankenpflegehelferin liege die Übernahmequote bei 100 Prozent. Darüber hinaus verweist der klinische Geschäftsführer auf eine gelebte Willkommenskultur für internationale Fachkräfte und das Arbeitszeitmodell FlexPool, das den Pflegekräften maximale Flexibilität und Eigenverantwortung bieten soll.
„Die Mitarbeitenden können ihre Arbeitszeiten bis zu sechs Monate im Voraus selbst planen – ein Angebot, das besonders gut angenommen wird und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und individuellen Lebensumständen spürbar verbessert.“