Schauspiel, Voguing, Tanz und Talks – „House of Crinoline“ thematisiert patriarchale Strukturen, alte Rollenbilder und vergessene Frauen in einem Feld von Aktivismus bis Zwischengeschlechtlichkeit. Ein wilder Ritt in eine bunte Zukunft.
Und sie ruft: „We are not the problem, we are the solution“ – Wir sind nicht das Problem, wir sind die Lösung. Menschen in barocken Kostümen tanzen um die Darstellerin (großartig: Vittoria Mensah) herum und durch den ganzen Raum, Partystimmung. Es wird noch viel getanzt werden an diesem Abend. Doch so konstruktiv-positiv geht es nicht die ganze Zeit zu. Es geht um ernste Themen: Stimmen erzählen von Kämpfen, Ausgrenzung, Ungleichbehandlung, Unterdrückung, Bodyshaming, Schuld und Traurigkeit, von Vernachlässigung, Vergessen und Verblendung.
Aber von vorne: Am Eingang begrüßt Daria am Freitagabend die Gäste im Projektraum der Wagenhallen – „Herzlich willkommen im Post-Patriarchat!“. Was denn das sei, beantwortet sie prompt: „Das ist die Zukunft“, eine Welt ohne Geschlechterzuschreibungen, eine offene und freie Welt ohne Unterdrückung, dafür mit Gleichberechtigung, sagt sie und entlässt die Gäste in den Raum, mit dem Hinweis, man dürfe sich während des Abends frei bewegen oder sich an das Awareness-Team wenden, wenn die Performance zu viel werde. Dafür stehe ein Ruheraum zur Verfügung. Im Performance-Raum hingegen ist es voll: Es gibt eine Installation über die Autorin und Schauspielerin Sophie Albrecht (1756-1840), in der Mitte des Raums eine Drehbühne, ein großes Sofa, am hinteren Ende eine Bar und die Musizierenden-Bühne samt DJ-Pult, ein Puppentheater, zwei Frisierstühle mit Trockenhauben, Leinwände. Das Publikum kann sich schminken lassen und darf die Stühle dort platzieren, wo es ihm gefällt.
Kleidungsstücke wie Gefängnisse
Über all dem hängen von der Decke weiße Crinolinen herab – verstärkte, kuppelförmige Reifröcke, wie sie in der Damenmode im 18. und 19. Jahrhundert unter den ausladenden Kleidern getragen wurden. So von der Decke hängend wirken sie wie Käfige, Netze und Fallen. Sie sind das titelgebende Sinnbild für die Unterdrückung und Ungleichbehandlung von Frauen in der Geschichte. Stellvertretend für sie ist die Performance der Autorin und Schauspielerin Sophie Albrecht gewidmet. In fünf Akten spielen ihr Leben und Wirken, ihre Unbekanntheit, ihre Freundschaft zu Friedrich Schiller und ihr Vergessenwerden in der Literaturgeschichte eine zentrale Rolle.
Mal gibt es einen Rückblick in ihre Kindheit (gespielt von Vittoria Mensah), wo das Wort Mädchen als Schimpfwort benutzt wird und sie sich durch einen Sprung von der Galerie zu befreien versucht. „Ich springe in die Freiheit, dann bin ich genauso frei wie die Jungs, die sowieso mehr dürfen.“ Mal tragen die Schauspielerin Ida Liliom, die Tänzerin und Choreografin Carina S. Clay oder die Figurenspielerin Esther Falk Hintergründe aus Sophie Albrechts Leben vor. Eines ihrer Stücke kommt dann zur Aufführung: „Theresgen“: In einer One-Woman-Show führt Esther Falk ihr ganzes Können als Figurenspielerin vor – mit einem fiesen Kasperle und einem zarten Fräulein, das widerwillig verheiratet werden soll. „Triggerwarnung: Gewalt und Suizid“ steht unter der Bühne. Am Ende erschreckt sich noch Kasperle, als es bemerkt: „In mir steckt ja eine Frau!“ Großartig!
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Wir sind schließlich in der Zukunft. Wie es damals im Patriarchat gewesen sei, werden die Aktivistinnen vom Oben-ohne-Kollektiv in einer Talkrunde auf dem Sofa gefragt. Im Hintergrund laufen Fotos über die Leinwand von Körpern in Freibädern, Frauen und Männer oberkörperfrei. Irgendwann sei es gar nicht mehr um die Körper gegangen, sondern um den Kampf gegen Unterdrückung, antwortet eine der Aktivistinnen. „Und wie war der Kampf?“, fragt Esther Falk , die wie so viele Protagonisten und Protagonistinnen des Abends häufig die Rollen und Outfits wechselt – nun als Moderatorin. Die Antwort: „Am schönsten war der Moment, als wir uns alle gemeinsam gegen die Unterdrückung gewehrt haben“, so die Aktivistin.
Hier steht alles nebeneinander, Utopie und Realität, Geschichte und Zukunft. Das freie, offene Inhaltliche findet seine Entsprechung auf der formalen Ebene und wirkt etwas zusammenhanglos. Getragen wird der Abend dennoch durch die große Vielfalt und die Einblicke in verschiedene Lebensrealitäten, die etwa queere und transgender Persönlichkeiten im Gespräch geben – oder durch den berührenden Monolog von Malin Lamparter, die aus ihrem Leben mit einem als nicht der vermeintlichen Norm entsprechenden Frauenkörper berichtet. Bodyshaming als Ergebnis des Patriarchats.
Der Salon entfaltet eine warmherzige, umarmende, freundliche und freudvolle Atmosphäre. Das ist sein großer Gewinn. Und das Verdienst der Tänzerinnen und Tänzer, die zwischen Hip-Hop, Voguing, akrobatischen Moves und ihrer unbestechlichen Bühnenpräsenz (herausragend: Carina S. Clay, La Quéfa, JJ Sun Milan, Purple Suggar) überschwappende Feierlaune generieren. Mehrmals wird gejubelt, applaudiert, angefeuert, wenn sie ihre Einlagen abliefern.
Dieser dreieinhalbstündige Abend ist voll gepackt, doch ist er eine sympathische Kampfansage, die zeigt, wie vielfältig und freudvoll das Leben ohne das Patriarchat sein kann. Und dann stimmt der ganze Raum in den Chor ein: „We are not the problem, we are the solution!“
Projekt
Team
Die Performance hat viele Mitwirkende, federführend entworfen haben sie Esther Falk, Ida Liliom, Carina S. Clay und Christian Müller, co-produziert wurde sie von Citizen.Kane.Collectiv und Fitz.
Zukunft
Die vier Spielabende in Stuttgart waren schnell ausverkauft. Das Team sucht nun nach weiteren Finanzierungs- und Aufführungsmöglichkeiten. https://www.houseofcrinoline.com/