Ein Traum in Grün und Gold: Nagolds Weihnachtsbaum Foto: Heiko Hofmann

Nagolds Weihnachtsbaum ist immer für eine Glosse gut: Mal ist er zu krüppelig, ein andermal bricht er schon beim Fällen auseinander. Diesmal aber scheint alles perfekt zu sein. Oder?

Ich bin kein Weihnachtsmensch. Glühwein und Glockenklang, Lebkuchen und Geschenkewahn – all dem kann ich nicht viel abgewinnen. Außer bei den Geschenken vielleicht, sie müssen halt für mich sein.

 

Der zuckersüßen Vorweihnachtszeit versuche ich Jahr für Jahr mit stoischer Gelassenheit zu begegnen. Oder sagen wir‘s mal so, dass ich von meiner Tochter schon als „Grinch“ betitelt wurde, das hat seine Gründe. Sie wissen schon, der Grinch, das ist diese grünfellige amerikanische Kinderbuchfigur, die Weihnachten abgrundtief hasst und das Fest der Liebe sabotiert, wo es nur geht.

Die Weihnachtszeit ist eine beglückende Zeit – journalistisch gesehen

Sabotage? Soweit gehe ich natürlich nicht. Denn auch ich empfinde in der Vorweihnachtszeit eine große Vorfreude. Die Weihnachtszeit ist eine beglückende Zeit – journalistisch gesehen. Alle Jahre wieder gibt es da neue Themen für Glossen und Kolumnen zu entdecken.

Was heißt da entdecken. In Nagold werden sie einem förmlich auf dem Tablett serviert: Zum Beispiel mit dem Nagolder Weihnachtsbaum. Was habe ich mich wieder auf den Tag gefreut, an dem auf dem Vorstadtplatz der Weihnachtsbaum aufgestellt wird. Das ist Jahr für Jahr eigentlich ein Garant für ein paar grinchig-frotzelnde Weihnachtsworte.

Nagold, das ist eigentlich die Stadt der Ersatzbäume

Mal ist der Baum schief wie der Turm von Pisa, dann wieder geht das Nagolder Bäumchen wegen seiner Krüppelhaftigkeit viral, und letztes Jahr sorgte der Baum schon beim Fällen für Schlagzeilen - weil er noch vor dem Aufstellen brach. Sagen wir es mal so: Nagold, das ist die Stadt, in der Ersatzbäume gute Chancen auf eine Einwechslung haben.

Die Vorfreude war also wieder groß bei mir. Und die Enttäuschung über den diesjährigen Baum noch größer. Denn: Ich finde einfach keinen berichtenswerten Makel an dem Baum. Mit 18 Metern ist er weder zu hoch noch zu mickrig. Das Tannenkleid ist üppig, der Stamm gut gewachsen. Es ist zum Verzweifeln, aber: Der Baum ist eine Pracht!

Als politisches Sinnbild taugt so ein Weihnachtsbaum nicht

Nun gut, überkritisch betrachtet, fällt da schon ein wenig ein ganz leichter Rechtsdrall auf. Aber das erübrigt sich ja wieder, wenn man den Baum von der anderen Seite betrachtet. Da ist dann eher eine Linkstendenz zu erkennen.

Rechts oder links – daraus könnte ich jetzt schon auch eine Glosse konstruieren. Aber ganz ehrlich: Als politisches Sinnbild taugt so ein Weihnachtsbaum nicht. Zumal der Nagolder Baum ja auch völlig unpolitisch geschmückt ist – mit goldenen Kugeln und Schleifen – also in den Farben NaGOLDs.

Etwas diverser hätte der Baum schon geschmückt werden können

Ist das vielleicht ein habhafter Kritikpunkt? Diese Einfarbigkeit? Etwas diverser hätte der Baum ja schon geschmückt werden können - bunt, wie das Leben eben. Doch – ich gebe zu – schöner ist der Lichterglanz in Gold halt schon als so ein kunterbunter Kitsch-Mix.

Ich tue das jetzt nicht gerne: Aber, alles in allem bleibt mir in diesem Jahr nichts anderes übrig als der Stadt zu diesem Weihnachtswunder zu gratulieren. Nagolds Weihnachtsbaum ist perfekt!

Da wird es sogar dem Grinch in mir ganz warm ums Herz

Also fast: Ein klitzekleiner Makel ist mir dann doch noch aufgefallen: Der Baum ist kein Nagolder Gewächs, er ist doch tatsächlich made in Herrenberg. Ein Skandal?

Von wegen! Da wird es sogar dem Grinch in mir ganz warm ums Herz: Wenn aus Konkurrenzstädten Freunde werden, wenn Grenzen von Kommunen, Kreisen und sogar Regierungspräsidien überwunden werden – dann gab es entweder wieder eine Kreisreform, oder sie ist da: diese wundersame Weihnachtszeit.