Die Coronaregeln in den Reiseländern verändern sich in diesem Sommer immer wieder. Foto: dpa/Clara Margais

Reisebüros sind wieder im Trend und vermitteln vor allem Pauschalurlaub. Doch seitdem Spanien als Hochinzidenzgebiet eingestuft wurde, stornieren vor allem Familien Reisen.

Stuttgart - Die vergangenen Wochen waren für Thomas Straube und sein Reisebüro im Stuttgarter Stadtteil Möhringen ein Auf und Ab. Im Juni stieg mit Lockerungen und der Ferien- und Urlaubsvorfreude im Land die Nachfrage stark an – vor allem nach Spanien und Griechenland, acht von zehn Kunden zog es in den Süden. „Fast wie früher“ seien die Anfragen gekommen, sagt Straube. Der 55-Jährige, der seit mehr als 30 Jahren in der Branche arbeitet und sein Geschäft auch in den Hochphasen der Pandemie nie geschlossen hatte, holte seine Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurück.

 

Doch seitdem Spanien als Hochinzidenzgebiet eingestuft wurde und die Urlauber, sofern sie nicht doppelt geimpft oder genesen sind, für mindestens fünf Tage in Quarantäne müssen, ist die Nachfrage eingebrochen. „Es gibt noch viele ungeimpfte Menschen, vor allem Kinder, die dann in der Quarantäne weiterhin betreut werden müssen. Für viele Familien war das ein Knackpunkt, nicht zu fliegen“, sagt Straube.

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Rund ein Drittel, schätzt er, hätten bisher bei ihm ihre Spanienreise storniert. Andere Kunden würden dennoch fliegen, Geimpfte etwa oder Paare. Wieder andere warteten noch ab. Für ihn steht viel Geld auf dem Spiel. Mit seinem Reisebüro lebt Straube von den Provisionen – die nur fließen, wenn ein Kunde vermittelt wird. Storniert dieser die Reise wieder, muss sich Straube auch darum kümmern und hat dann sogar doppelt für nichts gearbeitet.

Ist der Inzidenzwert noch zeitgemäß?

Die Reisebranche in Deutschland hat sich auch im Sommer noch nicht so recht berappelt. Wegen der sich häufig ändernden Lage in den Reiseländern sei die Unsicherheit der Kunden groß, heißt es beim Deutschen Reiseverband (DRV). Er fordert eine Abkehr von den reinen Inzidenzwerten, wenn es um die Einstufung der Reiseländer als Risikogebiete geht. Andere Faktoren wie die Belastung des Gesundheitssystems müssten hinzugezogen werden, heißt es.

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Die Situation der Reisebüros in der Branche sei „noch immer dramatisch“, sagt Sprecherin Kerstin Heinen. Diesen Sommer stünden im Vergleich zu 2019 bislang nur ein Drittel der Reisen in den Büchern. Etwa 11 000 Reisebüros und 2300 Reiseveranstalter zählt der DRV bundesweit. Der Markt mit Fern- und Gruppenreisen sei zusammengebrochen, die populären Deutschlandreisen spielten den Reisebüros nur wenig Umsatz ein, betont sie. Zumindest würden die Überbrückungshilfen greifen, die oft auch coronabedingte Stornierungen ersetzten – allerdings vorerst nur bis Ende September dieses Jahres.

Individualtouristen buchen jetzt Pauschalreisen

Mut mache, dass mehr Kunden das persönliche Gespräch für die Pauschalreise vor Ort suchten, ist von den großen Reiseanbietern im Land wie DER Touristik, Tui und FTI zu hören. Oft geht es dabei um Quarantäneregeln, Ein- und Ausreisebedingungen und Registrierungsportale. Auch einstige Individualtouristen würden verstärkt eine Pauschalreise buchen oder zumindest einzelne Pauschalpakete wie etwa Hotel und Ausflüge, heißt es. Bei Tui ist der Anteil von Pauschalreisen am Reiseprogramm aktuell auf 70 Prozent gewachsen.

Dabei habe der Aufwand für persönliche Gespräche stark zugenommen, heißt es bei den Vermittlern und Veranstaltern unisono – sei es vor Ort, telefonisch, per Mail oder im Chat. Laut einer Branchenumfrage hat sich seit Corona die Beratungszeit im Schnitt um 30 Minuten verlängert. Corona habe auch die Art des Reisens verändert, meint Reisebüro-Leiter Straube: „Der Trend geht zur Sicherheit.“ Etliche Menschen seien wohl auch deshalb zum ersten Mal überhaupt in ein Reisebüro gekommen, über die Generationen hinweg. „Auch junge Menschen nehmen jetzt das Wort Pauschalreise in den Mund.“

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Auch weil Pauschalreisende rechtlich viel besser abgesichert sind, wenn es um die Rückerstattung geht, falls eine Reise nicht zustande gekommen ist, wie Straube betont. Um die Kunden trotz unsicherer Pandemielage zu Buchungen zu ermuntern, haben die Branchenriesen ihre Tarife angepasst, die Nachfrage sei sehr groß. Die Unternehmen bieten Tarife an, die eine gebührenfreie Umbuchung oder Stornierung bis zwei Wochen vor Anreise ermöglichen. Bei FTI und DER Touristik sind diese Flextarife ab knapp 60 Euro zu haben.

Der Umsatz liegt weit hinter den Erwartungen zurück

Das erhöht die Unsicherheit bei den Reiseunternehmen. Denn ob eine Reise zustande kommt, erfahren sie stets später. Auch darum halten sich die Unternehmen mit Ausblicken auf das Reisejahr zurück. Vielleicht werde die Branche zwischen 50 und 60 Prozent des Umsatzes von 2019 erzielen, mutmaßt man beim DRV – der Wert könne aber „wohl eher bei 50 Prozent“ liegen. Auch 2022 werde nicht das normale Niveau erreicht.

Straube hat es sich in der Pandemie abgewöhnt zu mutmaßen, was die Zukunft bringt. Zum Glück sei das Bedürfnis zu reisen konstant. „Die Wünsche der Kunden haben sich kaum geändert“, meint er, „aber die Welt ist sehr klein geworden.“

Zahl der Stornierungen steigt

Spanien
Nachdem Spanien zum Hochinzidenzgebiet erklärt wurde, steigt offenbar die Zahl der Stornierungen. „Die Hochstufung von Spanien als Hochinzidenzgebiet verunsichert viele Urlauber und wir haben daher viele Anfragen in unserem Service-Center, darunter auch Stornoanfragen“, teilt etwa DER Touristik mit. Bei FTI heißt es, es habe zwar bisher „keinen markanten Anstieg an Stornierungen“ gegeben. Allerdings würden Kunden, die noch nicht als voll geimpft oder genesen gelten, ihre Reise eher umbuchen als antreten.

Hochinzidenzen
Seit dem 27. Juli gelten neben Spanien auch die Niederlande als Hochinzidenzgebiet. Wer aus einem Hochinzidenzgebiet nach Deutschland zurückkehrt und nicht vollständig geimpft oder genesen ist, muss für zehn Tage in Quarantäne, kann diese aber durch einen negativen Test nach fünf Tagen verkürzen.