Auch 100 Jahre nach dem Tod von Paul Lechler fasziniert das denkmalgeschützte Kurhaus Palmenwald. Das geschichtsträchtige Jugendstil-Kleinod, das an die Anfänge des Kurwesens in Freudenstadt erinnert, erstrahlt seit 2010 wieder in neuem Glanz.
Vor 100 Jahren, am 24. April 1925, verstarb Paul Lechler in Stuttgart. Am 28. November 1849 hatte er in Böblingen das Licht der Welt erblickt. Nicht nur mit dem 1895 eingeweihten, von ihm mitbegründeten Kurhaus Palmenwald in Freudenstadt ist er für alle Zeiten verbunden.
Lechler lernte den Beruf des Kaufmanns unter anderem in Rotterdam, London und in Antwerpen. 1871 kehrte er nach Stuttgart zurück – in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs, es war die sogenannte Gründerzeit.
Und Paul Lechler war im wahrsten Sinne des Wortes ein Gründer. Zusammen mit seinem Vater gründete er 1871 eine Lack- und Firnisfabrik und entwickelte neue Produkte, welche guten Absatz fanden. Diese überließ er einem Mitarbeiter und gründete bald darauf eine neue Firma, die sich dank seines Organisations- und Verkaufstalents zu einem internationalen Handelshaus entwickelte.
Krankenhaus in Tübingen
Im pietistischen Württemberg scheint seine christliche Vita nicht zu verwundern, spendete er doch für christliche und soziale Zwecke stets zehn Prozent seiner Gewinne. Er war freiwilliger Armenpfleger in der Stuttgarter Vorstadt Prag, gründete den Verein zur Hilfe in außerordentlichen Notstandsfällen auf dem Lande und sorgte für Finanzmittel und langfristige Hilfeleistungen. Besonders hervorzuheben ist die „Tropenklinik – Paul- Lechler-Krankenhaus“ in Tübingen.
Und sein Gespür für außergewöhnlich heilsame Orte verlies Paul Lechler auch nicht in Freudenstadt. Erstmals mietete er in den Schulferien im Jahr 1890 eine möblierte Wohnung in der Straßburger Straße in Freudenstadt für seine Familie. Die exponierte Lage des Kienbergs mit den ausgedehnten Waldungen und Blick bis zur Schwäbischen Alb begeisterte den aktiven Fabrikanten bei Spaziergängen.
Tatkräftig hatte er bald dem damaligen weltoffenen Stadtschultheiß Alfred Hartranft ein riesiges Gelände an der Straße nach Lauterbad abgekauft. Umgehend lud er führende evangelische Geistliche und Unternehmer aus ganz Deutschland zur Beteiligung an einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft betreffs „Errichtung eines Erholungshaus mit christlicher Hausordnung am Palmenwald in Freudenstadt“ ein. Bereits 1895 konnte das Kurhaus Palmenwald mit einer modernen zeitgemäßen Ausstattung eingeweiht werden.
Bau des Diakonissen-Heims
Einen Teil des großen Geländes spendete Lechler für den Bau des Diakonissen-Erholungsheims. Der Höhenluftkurort Freudenstadt wurde wegen seiner überaus reinen, leicht bewegten Luft und den sprudelnd frischen Quellen und wohlgepflegten Spazierwegen mit angrenzenden heilsamen Waldungen für die Sommer- und Winterfrische beworben.
Die Resonanz von namhaften Gästen war so groß, dass schnell ein Anbau an das Hotel geplant werden musste. Um die ursprünglich wenig rentable Wintersaison im Kurhaus mit Gästen zu aktivieren, hatte der Hoteldirektor und vormalige Missionar David Huppenbauer die Idee, Haushalts- und Kochkurse für gebildete junge Töchter in einem besonderen Werbeprospekt anzubieten. Allmählich kamen auch im Winter immer mehr Gäste und die Kochkurse liefen nebenher als gute Auslastung des Kurhauses.
Weltkriege überstanden
Legendär ist das Palmenwald-Kochbuch, welches 1909 von Kochlehrerin Anna Diewald und der einheimischen Dekanstochter und Wirtschaftsleiterin Helene Zeller herausgebracht und mehrfach neu aufgelegt wurde.
Das Kurhaus Palmenwald wurde so maßgeblich eine Pionierin des Kurwesens in Freudenstadt. Es hat zwei Weltkriege überstanden, jeweils als Lazarett benutzt. Nach dem Bombardement von Freudenstadt am 16. und 17. April 1945 fanden zahlreiche Freudenstädter Familien im „Palmenwald“ Obdach.
Unzählige Angestellte lernten hier das Rüstzeug für ihr Leben und zahlreiche Gäste Erholung an Leib und Seele. Dass dieses denkmalgeschützte Jugendstil-Kleinod 2010 nach der Renovierung mit allen zeitgemäßen Annehmlichkeiten wieder als Hotel Palmenwald eröffnet werden konnte, ist bestimmt im Sinne des Gründers Paul Lechler.