Ein besonderes Ärgernis, das wenig Vertrauen in die Linie 759 schafft: Sobald der letzte Fahrgast so wie hier in Gültlingen ausgestiegen ist, wendet der Bus mitten auf der Straße und fährt die restlichen Haltestellen bis zu Endstation in Wildberg nicht mehr an. Foto: Geideck

Während der Fahrt rauchende Busfahrer, die zum Zigaretten holen anhalten – was in den Linien in und um Wildberg passiert, ist mitunter völlig absurd. Nun ergreifen weitere gefrustete Eltern das Wort. Und auch beim Landratsamt reißt der Geduldsfaden immer mehr.

„Wo bleibt der Aufschrei?“, fragte der frühere Wildberger Kämmerer Eberhard Fiedler in einem Leserbrief zu den Zuständen, die in den Buslinien in und um Wildberg herrschen. „Hier kommt der Aufschrei“, schreiben nun die beiden Wildberger Mütter Nadine Liedemann und Andrea Aye in einem Brief an unsere Redaktion.

 

Darin heißt es: „Wir können zu 100 Prozent bestätigen, was Herr Fiedler geschrieben hat.“ Und beide Mütter nennen gleich noch weitere erschreckende Beispiele.

Als Müttern brennt Nadine Liedemann und Andrea Aye vor allem unter den Nägeln, was ihre Kinder vor und nach der Schule in den Bussen erleben. Sie schildern in ihrem Brief an unsere Redaktion: „Es wurde dokumentiert, telefoniert, aufgezeigt und geschrieben, dass die Buslinien (775, 759, 540) regelmäßig zu spät oder teilweise gar nicht kommen, Kinder einfach stehen gelassen werden sowie Busfahrer, die unterwegs rauchen (und dann teilweise mit offenen Türen fahren) und unterwegs anhalten, um Zigaretten zu kaufen.

Das alles wurde von den Schulkindern berichtet und teilweise von Eltern erlebt, die mitgefahren sind. Es wurde weitergeleitet an Schule, Stadt und Landratsamt – passiert ist so gut wie nichts! Man wurde vertröstet, abgewimmelt oder weitergeleitet.“ Ein Beispiel: Das Landratsamt behaupte laut der beiden Mütter, dass die Busse laut GPS-Verfolgung und den Aussagen des Betreibers RAB pünktlich in Wildberg angekommen seien, obwohl Eltern am Bahnhof standen.

Lebensgefährlicher Fahrstil

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt Nadine Liedemann: „Schon vor der Einschulung meines Kindes hieß es: Was? Dein Kind fährt mit dem Bus? Mach Dich auf etwas gefasst.“ Nadine Liedemann lässt ihr Kind dennoch mit dem Bus vom Wächtersberg zur Grundschule nach Wildberg fahren – und schlägt beinahe täglich die Hände über dem Kopf zusammen.

Doch über den Elternbeirat, dem sie angehörte, schlossen sich die Eltern zusammen und trugen ihre negativen Erfahrungen zusammen. Neben der Unpünktlichkeit immer wieder in der Kritik: unfreundliche Fahrer mit „teilweise lebensgefährlichem Fahrstil“, wie Nadine Liedemann sagt.

Immer wieder nahmen die Wildberger Eltern Kontakt zum Landratsamt auf, das für den Busverkehr im Kreis Calw verantwortlich ist. „Wir haben fast täglich beim Landratsamt angerufen. Es wurde alles geleugnet. Manchmal wurde einfach aufgelegt“, ärgert sich Nadine Liedemann.

Da die Kinder sonst regelmäßig zur spät zur Schule kommen, was gerade für Erstklässler eine besondere Scham sei, bringen immer mehr Eltern ihre Kinder zur Schule und holen sie dort auch wieder ab. „Als Elterntaxis werden wir da regelrecht gesteinigt“, sagt Nadine Liedemann, gerade mit Blick auf die momentanen Bauarbeiten rund um den Wildberger Bahnhofsplatz und damit auch vor der Grundschule.

Kein Deutsch, kein Englisch

Doch nicht nur bei Busfahrten vor und nach der Schule geht es drunter und drüber. Und Recherchen unserer Redaktion in den vergangenen Wochen haben ergeben: Es scheint sich nichts zu ändern. Busfahrer verfahren sich weiterhin, werden patzig gegenüber Fahrgästen, sprechen mitunter weder Deutsch noch Englisch – oder wollen es nicht. Mal kommt der Bus zehn Minuten zu spät, mal fünf Minuten zu früh. Nachts in Rufbussen fährt die Familie des Fahrers mit – inklusive Kleinkind.

RAB zahlt Vertragsstrafen

Beim Landratsamt in Calw leitet Michael Stierle die zuständig Abteilung Mobilität und ÖPNV. Im Gespräch mit ihm wird schnell klar: Ein funktionierender Busverkehr im Kreis Calw liegt ihm sehr am Herzen – und er kennt die Zustände ganz genau.

„Ich kann nur wiederholen: Wir sehen die Probleme. Das sind Probleme, die dringend abgestellt werden müssen“, sagt Stierle und betont, dass die Drähte zur Bahn-Tochter RAB, die die Linie 759 betreibt, regelrecht glühen.

Gerade auf dieser Linie sei das Verhalten von Busfahrern, die die vom RAB beauftragten Subunternehmer einsetzen, ein Dauerthema: „Es gibt immer solche und solche Fahrer. Aber ich habe den Eindruck, dass es auf der 759 eher solche sind. Wir ziehen jede Vertragsstrafe, die wir ziehen können. Raucht ein Fahrer im Bus, gibt es eine Vertragsstrafe. Daddelt er während der Fahrt am Handy, gibt es die nächste Vertragsstrafe. Das ist unser schärfstes Schwert. Wir können nur hoffen, dass steter Tropfen den Stein höhlt.“

Auch hätten RAB und Subunternehmer eine Schulungspflicht gegenüber ihren Fahrern, damit diese vernünftig mit den Fahrgästen umgehen. Stierle weiß aber auch: „Es gibt einen massiven Fahrermangel. Das ist auf allen Linien ein Problem. Es ist natürlich gut, wenn der Fahrer Deutsch spricht. Aber wichtiger ist, dass er überhaupt Bus fahren kann.“ Sonst fahre der Bus schließlich gar nicht.

Angebot wird immer besser

Eines unterstreicht Stierle ganz besonders: Mit dem Nahverkehrsplan 2016 habe der Busverkehr im Kreis Calw erheblich an Qualität gewonnen. „Jeder Ort über 50 Einwohner hat jetzt zumindest einen stündlichen Anschluss“, zeigt der Abteilungsleiter auf.

Und so steigen auch die Fahrgastzahlen –2023 im Vergleich zum Vorjahr um eine Million auf 11,7 Millionen. Dass sich das Angebot verbessere, „muss aber mehr in die Köpfe rein“, macht Stierle deutlich. Dafür müsse im Gegenzug das Angebot jedoch verlässlich sein, damit es die Leute annehmen.

Die Linie 759 als Negativbeispiel sei da ein besonderes Ärgernis. Stierle gibt sich daher kämpferisch: „Wir müssen den Auftragnehmer stärker in die Pflicht nehmen.“ Im Klartext: Das Landratsamt will der Bahn-Tochter RAB und ihren Subunternehmern noch mehr auf die Finger schauen – und bei Verfehlungen zur Kasse bitten.