Skirennläuferin Andrea Rothfuss ist zurück. Nun erzählt die Loßburgerin, warum sie so lange ausgefallen ist und warum sich für sie mit den Paralympics im März ein Kreis schließen würde.
In der vergangenen Saison war Andrea Rothfuss plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Nun macht die Skirennläuferin aus Loßburg und mehrfache Paralympics Teilnehmerin im Ski alpin öffentlich, dass sie an einer Depression erkrankt ist.
„Im Rückblick muss ich sagen, dass es etwa vor drei Jahren angefangen hat“, erzählt die 36-Jährige, die vor 20 Jahren bei ihren ersten paralympischen Spielen dabei war, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Damals hatte ich immer wieder Probleme mit Infekten. Vor zwei Jahren habe ich gemerkt, dass Kopf und Körper irgendwie voneinander getrennt waren. Ich konnte im Training nicht mehr alles so umsetzen wie ich es gewohnt war, habe aber versucht weiterzumachen. Es hat gedauert bis ich es wahrhaben konnte, dass das nicht nur eine Durststrecke ist.“
Nach der Saison 2023/24 suchte sie sich Hilfe. Auch weil die Leidenschaft für das Skifahren weg war. „Es machte keinen Spaß mehr, aber es war auch nicht schlecht. Es fühlte sich einfach nach nichts an.“
Training abgebrochen
Die Athletin begab sich in Therapie. Dass es aber ein langer Prozess sein würde, wurde ihr schnell bewusst. Nach einem halben Jahr in Behandlung trainierte sie für die Saison 24/25 wieder langsam mit. „In der Zeit war es aber ein Auf und Ab. Ich wusste morgens selbst nicht, was es für ein Tag werden würde.“ Es zeigte sich: So war ein Training im Leistungssport nicht möglich. „Ich wurde meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht und für die Trainer war die Zusammenarbeit so auch nicht möglich. Wir haben uns dann entschieden, es bleiben zu lassen.“
Dass sie die Weltmeisterschaft im Februar vor einem Jahr nur aus der Ferne verfolgen konnte, brachte einen großen Rückschlag. „Zu sehen, was Teamkolleginnen und -kollegen machten, hat mir noch mal den Stecker gezogen. Einerseits wäre ich sehr gerne dabei gewesen, aber gleichzeitig war ich meilenweit weg.“ In dieser Phase haderte sie stark mit sich. „Ich habe mich gefragt, ob ich die Leidenschaft fürs Skifahren überhaupt wieder finden kann.“
„Leistungssport ist kein normaler Job“
Auch Familie und Freunde drückten Zweifel aus. Denn der Leistungssport hatte in Teilen auch dazu geführt, dass Rothfuss eine Depression entwickelt hat. „Leistungssport ist kein normaler Job. Er lässt einen nicht los.“ Neben dem Training muss beispielsweise auch auf Ernährung und Schlafgewohnheiten geachtet werden. „Auch die Freizeitgestaltung ist daran gebunden. Selbst wenn ich im Urlaub bin und andere noch gemütlich am Strand liegen, muss ich noch eine Runde laufen gehen. Es gibt keinen Feierabend.“
Eigene Ansprüche
Mehr als 20 Jahre führt die Loßburgerin diesen Lebensstil. „Wenn ich zurückdenke, habe ich eigentlich alles erreicht“, sagt die Goldmedaillengewinnerin von Sotschi. „Streng genommen kann es also nur schlechter werden“, beschreibt sie, dass auch eigene Ansprüche den Druck erhöhen.
Heute kann sie offen über ihre psychische Erkrankung sprechen. Geholfen hat ihr dabei auch, dass ihr die Diagnose schwarz auf weiß vorliegt. „Als klar war, dass ich mir das nicht alles nur einbilde.“ Deshalb ist eine ihrer Lehren aus dieser Zeit auch: „Auf mein Bauchgefühl zu hören. Schritt für Schritt zu gehen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als würde es wieder rückwärts gehen.“
Mit riesigem Rückstand
Als es ihr im Sommer wieder besser ging, startete sie in enger Zusammenarbeit mit den Trainern langsam wieder rein. Mit riesigem Rückstand – vor allem auf den Skiern – tastete sie sich ran. Vor Weihnachten beim Weltcup in St. Moritz war klar: ganz oder gar nicht. „Wir haben uns irgendwann nicht mehr die Frage gestellt, ob es geht, sondern das Ziel war die Qualifikation für die Paralympics in Cortina.“
Mittlerweile hat Rothfuss die Norm geknackt. „Ich gehe davon aus, dass ich im März dabei bin. Es war immer in meinem Kopf, das noch mal zu schaffen. Auch aus nostalgischen Gründen. Vor 20 Jahren habe ich in Turin meine ersten Spiele erlebt. In Italien dann den Kreis zu schließen, wäre schön.“
Mammutaufgaben
Dabei kann die 36-Jährige es selbst kaum fassen, was sie da erreicht hat. „Wenn ich bedenke, dass ich vor kurzer Zeit noch kaum geschafft habe, meinen Alltag zu bewältigen. Frühstück machen, einkaufen, den Haushalt erledigen. Das waren Mammutaufgaben. Ich bin stolz auf mich. Und der Gedanke an Cortina hat mir Kraft gegeben.“