Während US-Präsident Donald Trump seinen Geburtstag mit einer bizarren Panzer-Show feiert, gehen im ganzen Land die Menschen auf die Straße.
Auf das Militär seines Landes ist Georg Turnbull wie viele Amerikaner ehrlich stolz. „Ich würde sehr gern die Parade sehen“, sagt der Mann mit dem weißen Schnurrbart. Immerhin ist sein Vater auf dem Soldatenfriedhof in Arlington beerdigt, und er selbst hat bis vor ein paar Jahren für einen Rüstungsbetrieb gearbeitet. „Aber wir alle wissen, dass die heute nicht den Geburtstag der Armee feiern, sondern den des Präsidenten“, empört sich Turnbull: „Das pervertiert alles!“
Also steht der Rentner an diesem drückend-schwülen Junitag nicht an der Washingtoner Mall, wo Donald Trump später 6000 Soldaten und 150 Panzer vorbeiziehen lassen wird, sondern sieben Kilometer entfernt im Örtchen Hyattsville, das zum Bundesstaat Maryland gehört. Dort haben sich am späten Vormittag ein paar hundert Einwohner im Riverdale Park eingefunden. Viele Familien mit Kindern sind gekommen, Studenten mit Fahrrädern aus dem benachbarten College Park und selbst ältere Damen mit Gehhilfen. Es herrscht eine gelöste Atmosphäre wie bei einer großen Gartenparty.
Turnbull trägt eine rote Kappe, die auf den ersten Blick wie die typische Kopfbedeckung der Trump-Anhänger aussieht. Doch vorne drauf steht: „Make Orwell Fiction Again“ (Macht Orwell wieder zur Fiktion!) – ein Seitenhieb auf die Verdrehung der Realität durch den Präsidenten. Viele andere Demonstranten haben selbstgemalte Plakate mitgebracht. Auf denen steht: „Hände weg!“, „Wehrt Euch!“ oder „Kim Jong Un möchte seine Parade zurück“. Und immer wieder: „No Kings!“
„No Kings!“ – das ist an diesem Samstag das Motto der Proteste in 2000 Städten der USA, die sich gegen die autokratischen Auswüchse, den planlosen Kahlschlag und die Anti-Migrationspolitik der Trump-Regierung richten. Ein breites Graswurzelbündnis hat sie organisiert. Von Philadelphia bis Los Angeles, von Chicago bis Houston strömen weit mehr Menschen auf die Straßen und Plätze, als es die Veranstalter erwartet haben. Und überall bleibt es friedlich. Offizielle Teilnehmerzahlen gibt es zunächst nicht. Aber es dürften einige Hunderttausend sein – und damit mehr, als sich am Abend bei Trumps Truppenparade in Washington einfinden.
Der Widerstand der Zivilgesellschaft gegen den Präsidenten hat lange auf sich warten lassen. Viele Amerikaner sind erschöpft von dem täglichen Chaos, resigniert angesichts der erdrückenden Welle der Restauration oder auch verängstigt durch die Übergriffe des Sicherheitsapparats. Aber der Einsatz der Nationalgarde und der Marineinfanteristen wegen vergleichsweiser marginaler Unruhen in Los Angeles und Trumps hemmungslose Politisierung des Militärs, das er kürzlich bei einer Rede in North Carolina gegen die Demokraten aufhetzte, haben offenbar bei vielen das Fass zum Überlaufen gebracht. „Wann, wenn nicht jetzt?“, steht auf einem Plakat in Hyattsville. „Wenn ich seine Kundgebungen sehe, muss ich an Hitler denken“, sagt der Rentner Turnbull.
Trumps Idee, an seinem 79. Geburtstag gleichzeitig den 250. Jahrestag der Armee-Gründung zu begehen und dazu erstmals seit dem Ende des Golfkriegs eine 45 Millionen Dollar teure Militärparade zu veranstalten, galt von Anfang an als schräg. Doch durch die militärische Eskalation in Los Angeles und den Krieg zwischen Israel und dem Iran hat das waffenstarrende Spektakel zuletzt endgültig jede Leichtigkeit verloren. Trotz massiver Kritik auch aus dem konservativen Lager dachte der Präsident aber keine Sekunde daran, die Militär-Show abzusagen. Sorgen hat ihm allenfalls bereitet, dass für den Abend ein Unwetter vorhersagt war. „Unsere großartige Militärparade findet bei jedem Wetter statt“, postet er am Morgen.
Doch dann überschattet ein viel größeres Unheil das seit Wochen gehypte Ereignis: Am Morgen verschafft sich ein als Polizist verkleideter Mann in Polizeiuniform Zugang zum Haus der demokratischen Politikerin Melissa Hortman im Bundesstaat Minnesota und erschießt die langjährige Landesabgeordnete sowie ihren Ehemann Mark. Bei einem weiteren Attentat in einem Nachbarort verletzt der Täter einen demokratischen Senator und dessen Ehefrau schwer.
Der demokratische Gouverneur Tim Walz, der sich im November erfolglos für das Amt des Vizepräsidenten beworben hatte, spricht von einer politisch motivierten Gewalttat. Der 57-jährige flüchtige Verdächtige ist bei einer Sicherheitsfirma beschäftigt. Nach Angaben eines Freundes soll er Trump-Anhänger und Abtreibungsgegner sein. In seinem Auto findet die Polizei Waffen, Munition und eine Liste mit 70 Namen – darunter Ärzte, Politiker und Wirtschaftsführer.
Im aufgeheizten Klima der USA ist der Mord an einem Politiker die nächste beunruhigende Eskalationsstufe auf dem Weg zu Rechtlosigkeit und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. In früheren Zeiten wurden aus solchen Anlässen Veranstaltungen abgesagt. Doch Trump denkt gar nicht daran, innezuhalten. Schnell setzt er einen Standard-Post ab, in dem er die „schreckliche Gewalt“ verurteilt. Dann widmet er sich wieder seinen autokratischen Geburtstagsfreuden.
Um kurz nach 18 Uhr geht es los – wegen des drohenden Regens eine halbe Stunde früher als geplant. Trump sitzt zwischen seiner Frau Melania und seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth auf einer Tribüne an der Constitution Avenue. Fast zwei Stunden lang ziehen Soldaten und Panzer an ihm vorbei. Ab und zu steht er auf und salutiert. Ansonsten wirkt sein Gesicht wegen der extremen Schwüle zunehmend glänzend.
Weniger Zuschauer als erwartet
Unten auf der Mall haben sich deutlich weniger Zuschauer eingefunden als erwartet. Man solle zeitig kommen und müsse mit langen Wartezeiten rechnen, hatte es geheißen. Tatsächlich gibt es aber an keinem der Sicherheitskontrollpunkte eine Schlange. Mehr als 100 Toilettenhäuschen stehen verlassen auf der halb leeren Mall herum. Zahlreiche Plätze auf einer Tribüne sind nicht besetzt. So was hätten der russische Machthaber Wladimir Putin oder sein nordkoreanischer Kollege Kim Jong-Un, die gern auf derartige Paraden setzen, wohl eher nicht zugelassen.
Daheim vor den Fernsehern empfindet so mancher Zuschauer die dröhnende Hardrock-Musik, die zur Untermalung des Aufmarsches gespielt wird, als nervig. Beim rechten Sender Fox-News überschlagen sich die Moderatoren zwar mit Lobeshymnen für die ziemlich öde Veranstaltung, aber die Regie kann nicht verhindern, dass ein gähnender Außenminister Marco Rubio groß im Bild gezeigt wird. Der linke Sender MSNBC hat den Bildschirm dreigeteilt – und sorgt damit für einen Realitätsschock: Während links die Parade läuft, sieht man rechts oben, wie die Polizei in Los Angeles Tränengas gegen friedliche Demonstranten einsetzt. Rechts unten wird das Fahndungsfoto des mutmaßlichen Hortman-Mörders mit einer Telefonnummer für Hinweise eingeblendet.
Unispiriert und kraftlos
Vielleicht liegt es an der hohen Luftfeuchtigkeit, vielleicht auch an dem blutleeren Redemanuskript: Als Trump schließlich um 20.20 Uhr für nicht mal zehn Minuten ans Rednerpult tritt, wirkt der Jubilar seltsam uninspiriert und kraftlos. Mit monotoner Stimme liest er ein paar patriotische Plattitüden ab. Nur einmal wirkt er engagiert: „Sie kämpfen, kämpfen, kämpfen“, sagt er: „Und sie siegen, siegen, siegen!“
Damit meint Trump nicht nur die Soldaten, sondern spricht wie so oft auch über sich selbst. „Fight! Fight! Fight!“, hatte er von seinen Anhängern im Juli 2024 nach dem Attentat auf ihn verlangt. Der Mann, der sich einst mit einem Attest dem Kampfeinsatz in Vietnam entzog, mag Menschen, die für ihn in die Bresche springen. Diese Rolle hat er nun dem US-Militär zugedacht.