Nach der Tat in einer beschaulichen Wohnstraße in Villingendorf ermittelt die Polizei. Foto: SDMG/Friebe

Diese Tat hat sich vielen Menschen tief ins Gedächtnis eingebrannt: Drazen D. erschießt 2017 in Villingendorf seinen eigenen kleinen Sohn und zwei weitere Menschen. Jetzt gibt es ein Buch über den Fall. Der Autor kommt selbst aus der Region.

Es ist eine überraschende Nachricht: Über den Dreifachmord von Villingendorf, der die Menschen 2017 erschüttert hat, gibt es jetzt ein Buch. Allerdings keine Dokumentation, wie man vielleicht vermuten würde, sondern ein „Thriller-ähnliches Drama“, wie es der Verlag beschreibt.

 

Autor ist Bernhard Bucher aus Wellendingen, der sich in seinem Buch vorrangig der schwierigen – und heiklen – Frage nach dem „Warum?“ widmet. Doch kann es darauf überhaupt eine Antwort geben?

Drei Morde aus purer Rache im September 2017

„Papa? ... Nicht schießen!“ hat der 58-Jährige aus Wellendingen sein 200-Seiten-Werk betitelt und damit die wohl letzten Worte des getöteten Sechsjährigen aufgegriffen. Der Junge wurde im September 2017 von seinem Vater erschossen, ebenso der neue Freund seiner Mutter und dessen Cousine. Das Motiv: Rache. Die Mutter des Jungen hatte den gewalttätigen Ex-Partner verlassen, den kleinen Sohn mitgenommen, versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Vergeblich. Drazen D. tötete alle, die sie liebte, vor ihren Augen. 2018 verurteilt ihn das Landgericht Rottweil zu lebenslanger Haft. Er nimmt dies ohne eine Regung entgegen.

Eine verachtenswerte Tat auf niedrigster Stufe

Das Gericht hatte die besondere Schwere der Schuld festgestellt und die Tat als „verachtenswert und auf niedrigster Stufe“ bezeichnet. An Drazen D.s Schuldfähigkeit gab es keinen Zweifel.

Bernhard Bucher hat ein Buch geschrieben, das an den Dreifachmord von Villingendorf angelehnt ist. Foto: Spica-Verlag

Kann diese brutale Tat, dieses schreckliche Geschehen, in einem Roman, einem Thriller, nacherzählt werden? Bernhard Bucher aus Wellendingen hat sich nun viereinhalb Jahre dieser Aufgabe gewidmet. „Ich habe den Fall damals hautnah mitbekommen, die Berichterstattung auch im Schwarzwälder Boten genau mitverfolgt“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Er habe dann beschlossen, ein Buch daraus zu machen.

Ins Leben des Täters eingetaucht

Der Spica-Verlag schreibt über die Neuerscheinung, die „auf einer wahren Begebenheit“ basiere: „ Autor Bernhard Bucher entwickelt einzelne prägende Lebensabschnitte des Täters vom Kindesalter bis zu dessen Festnahme und macht daraus eine spannende Story, die wesentliche Anhaltspunkte für die Beantwortung der Frage nach dem ‚Warum‘ liefern wird.“

Ein großer Fokus liegt also auf dem Täter selbst. Die Figur, die Drazen D. verkörpert, heißt in dem Buch Piotr. Bucher beschreibt in seiner Geschichte ausführlich dessen ärmliche Kindheit im Jugoslawien der 70er- und 80er-Jahre und Kämpfe im vorderster Front im Balkan-Krieg, bevor Piotr „unter lebensgefährlichen Bedingungen“ nach Deutschland flieht, wo er Svetlana kennen lernt. Der Autor schildert die Probleme in der Beziehung, die Gewalt, die Flucht Svetlanas vor dem Tyrannen – und wie Piotr dann 2017 „viele Jahre nach dem Krieg erneut zum Mörder wird“.

Verbindung zwischen Krieg und Tat

Bucher knüpft also eine direkte Verbindung zwischen den Kriegserlebnissen und den brutalen Morden – läuft er hier nicht in Gefahr, die Tat in irgendeiner Weise zu rechtfertigen? Nein, meint der Wellendinger. Doch er wolle aufzeigen, dass man gerade heute „solche Leute in der Gesellschaft im Auge behalten müsse“.

Wie für alle sei es auch für ihn 2017 unfassbar gewesen, dass ein Mensch eine solch abscheuliche Tat vollbringen kann“, meint der 58-Jährige. „Mich hat interessiert, warum ein Mensch so etwas macht. Ich habe dann recherchiert und brauchte dafür eigentlich gar nicht weit gehen. In der Tagespresse und im Internet fanden sich alle Informationen dazu. Die Frage nach dem ‚Warum‘ war relativ schnell beantwortet“, meint er. Direkten Kontakt zu Beteiligten, etwa zur Familie der Opfer, habe er im Rahmen der Recherche nicht gehabt, erklärt er auf Nachfrage.

Resonanz aus Umfeld zwiegespalten

Dass er sich eines heiklen Themas annimmt, habe er beim Schreiben tatsächlich gemerkt. Die Resonanz aus seinem Umfeld sei zwiegespalten gewesen. Der Fall sei zu grausam, zu dramatisch, habe es geheißen. Er habe es trotzdem gewagt und bei aller Spannung dennoch „menschlich gestaltet“, wie er meint.  Wie die Resonanz bei den Lesern seines Buches  ist, wird sich nun zeigen.

Lesungen in Rottweil und Wellendingen

In den kommenden Wochen wird Bernhard Bucher sein Werk im Rahmen von Lesungen vorstellen: Zunächst am 21. März, um 19 Uhr im Badhaus, Neckartal 167, in Rottweil, und am 30. März um 19 Uhr im Gemeindehaus der Katholischen Kirchengemeinde St. Ulrich in Wellendingen.

Der verurteilte Drazen D. übrigens ist inzwischen nicht mehr in Deutschland. Er hatte beantragt, seine Strafe in seiner Heimat Kroatien verbüßen zu dürfen. Die Mutter seines kleinen Sohnes hat die Region nach der Tat verlassen. Im Schulhof von Villingendorf erinnert noch heute ein Baum an den getöteten Sechsjährigen. Am Tag, an dem er von seinem Vater erschossen wurde, hatte er seine Einschulung gefeiert.

Der Autor

Bernhard Bucher
war nach dem abgeschlossenen Informatikstudium einige Jahre selbstständig, arbeitet inzwischen aber schon viele Jahre als Angestellter bei der Deutschen Post und bedient Kunden im Schalterdienst. Der 58-Jährige kommt aus Wellendingen und hat mit „Der erste Kuss – wie die Seele zu lieben lernt“ bereits ein Buch veröffentlicht.

Das Buch
„Papa? ...Nein, nicht schießen!“ ist im Spica-Verlag erschienen und kostet 17,70 Euro.