Extreme Strompreise haben jüngst für Aufsehen gesorgt. Jetzt erklärt der Chef von Europas größter Strombörse, was schief gelaufen ist.
In den Morgenstunden des 26. Juni fallen Stromkunden aus allen Wolken: Für eine Kilowattstunde sollen sie auf einmal bis zu 2,33 Euro zahlen – statt der üblichen zehn bis zwanzig Cent. Bei gerade mal rund 8,5 Cent lag der Durschnittpreis für eine Kilowattstunde Strom ohne Steuern, Abgaben und Umlagen noch am Vortag.
Der Grund für den plötzlichen Preis-Ausschlag: Eine technische Panne bei Europas größter Strombörse Epex Spot. Die Störung stellte den sogenannten Day-Ahead-Markt auf den Kopf, wo die Stromlieferungen für jede Stunde des folgendes Tages gehandelt werden. Kurzzeitig sprangen die Preise auf einen Höchststand.
Strom-Experte Lundquist Neubauer von Verivox vermutet, dass die 2325,83 Euro je Megawattstunde vermutlich den höchsten Strompreis der deutschen Geschichte darstellen. Daten des Vergleichsportals bis 2016 zeigen: Bisher gab es keinen höheren Strompreis auf Stundenbasis.
Strombörse-Chef erklärt Panne
Doch was genau ist an diesem Tag schief gelaufen? Zu dieser Frage hat nun Ralph Danielski, der Vorstandsvorsitzende der Strombörse Epex Spot, offiziell Stellung bezogen. „Ich verstehe, dass Ihr Vertrauen in die Märkte möglicherweise erschüttert wurde“, schreibt der Manager in einem von der Strombörse veröffentlichten Schreiben an Stakeholder und Handelspartner. Auslöser für das Börsen-Chaos sei ein Funktionsupdate gewesen, das das Handelssystem stark beeinträchtigte.
Auch nach Deaktivierung des problematischen Updates habe das System nur langsam reagiert, wie der Strombörse-Chef weiter berichtet. Um die Stabilität des Strommarktes zu gewährleisten, sei daraufhin eine sogenannte Entkopplung der Märkte durchgeführt worden. Das Resultat: Kurzzeitig extrem unterschiedliche Strompreise in Europa. Bei Epex wird nun diskutiert, wie solche Situationen in Zukunft vermieden werden können.
Strommärkte entkoppelt – das hat extreme Folgen
Normalerweise sind die europäischen Strommärkte an der Börse gekoppelt. Die Energie kann so über Ländergrenzen hinweg gehandelt werden. Aus Ländern, wo der Strompreis niedrig ist, wird Strom in Länder geliefert, wo der Preis hoch ist. Dadurch werden auch Schwankungen durch erneuerbare Energien ausgeglichen. Doch nun konnten Gebote und Nachfrage plötzlich nicht mehr europaweit synchronisiert werden.
Preise für die Lieferungen am kommenden Tag wurden so berechnet, als ob kein Im- und Export zwischen den Ländern stattfinden würde. Strom-Experte Lundquist Neubauer vom Vergleichsportal Verivox erklärt: In Deutschland schossen die Preise nach oben, weil günstige Strommengen aus anderen Ländern fehlten. Alle Interessenten zahlten demnach den Preis des teuersten deutschen Gaskraftwerks, das noch angeworfen werden musste, um den Bedarf zu decken.
Bundesnetzagentur: „Stromversorgung nicht gefährdet“
„Die Ereignisse haben die sichere Stromversorgung in Deutschland nicht gefährdet“, versichert die Bundesnetzagentur nach dem Vorfall. Deutschland könne seinen Strombedarf jederzeit alternativ aus inländischen, aber teureren Kraftwerken, decken. Wenn Energie importiert werde, dann aus wirtschaftlichen Gründen.
Betroffen waren vor allem Kunden mit dynamischen Tarifen, wie sie etwa das Start-up Tibber anbietet, das seinen Kunden Strom aus erneuerbaren Quellen zum Einkaufspreis verspricht.„Dynamische Stromtarife sind an den Börsenstrompreis gekoppelt und variieren stündlich“, erklärt Strom-Experte Lundquist. Im Klartext: „Sehr hohe, aber auch sehr günstige Börsenpreise erreichen die Kunden unmittelbar. Es gibt Berichte, dass ein Stahlwerk die Produktion für einen Tag stillgelegt hat, weil der Strom zu teuer war.
Solch dramatische Strompreis-Ausschläge wie der von Ende Juni seien unter normalen Umständen und ohne technische Probleme nicht zu befürchten, versichert Tibber-Deutschlandchef Merlin Lauenburg. Der Stromanbieter hatte seine Kunden per App im Vorfeld explizit vor den Preissprüngen gewarnt und empfohlen, den Stromverbrauch gering zu halten.
Mehrkosten für Stromkunden
Laut dem Tibber-Deutschlandchef beschränkten sich die ungewöhnlich hohen Preisspitzen auf einige Stunden, in denen die Kunden mit stündlich-dynamischem Tarif automatisch so wenig Strom wie möglich verbrauchen. „Die Tibber-App kann Großverbraucher wie E-Autos so steuern, dass sie automatisch dann betrieben oder geladen werden, wenn der Strompreis am niedrigsten ist“, sagt Lauenburg.
Anders ist der Fall bei Tibber-Kunden , die Strom über einen monatlich-dynamischen Tarif beziehen. Hier wird die Elektrizität verbrauchsgenau zum durchschnittlichen Börsenstrompreis des Monats abgerechnet. Für diese Kunden bedeute die kurze Preisspitze auf den Monat Juni gerechnet eine Erhöhung von weniger als zwei Cent pro Kilowattstunde. Für einen durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt seien das etwa fünf Euro auf der Monatsrechnung.