Serbiens Hauptstadt lockt zum Jahreswechsel mit Silvesterpartys und Konzerten. Die Warnungen von Epidemiologen vor einer neuen Infektionswelle bleiben ungehört.
Belgrad - Nichts scheint in Europa mehr, wie es war, am Vorabend des dritten Corona-Jahrs. Statt dem kollektiven Abzählen der letzten Jahressekunden auf Marktplätzen, in Wirtshäusern und Tanztempeln ist fast auf dem ganzen Kontinent Sektgläser-Klingen im kleinen Kreis angesagt. Nicht so in Serbien: Fast wie vor Corona lockt die Partymetropole Belgrad mit unzähligen Silvesterfeiern und Konzerten.
Lasershow und Feuerwerk in Belgrad
Als habe es Covid nie gegeben: Nicht nur der unverwüstliche Balkan-Barde Goran Bregovic, auch fast alle bekannteren Sänger des Landes werden in der Neujahrsnacht in der Zweistromstadt brummen und summen, schmettern und trällern. „Die spektakulärste Silvesterfeier“ verspricht Belgrads Stadtmanager Goran Vesic. Außer mit Freiluftkonzerten hofft die Stadtspitze, ihre Bürger mit Lasershow und Feuerwerk in die Silvesternacht zu locken.
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Doch auch wer sich lieber im Warmen tummelt, muss in Belgrad nicht verzagen. Allein die lokale Nightlife-Site Beogradnocu.com bietet mehr als 70 Arrangements mit Livemusik und Festdinners an. „Silvesterfeiern von 15 bis 200 Euro, fast alles ist schon ausverkauft“, titelt etwas verblüfft die Zeitung „Danas“.
Wie die Lemminge werden die Belgrader zu Silvester erneut in die überfüllten serbischen Bergressorts pilgern. Allein in dem aus allen Fugen platzenden Zlatibor werden mehr als 45 000 Besucher erwartet. Trotz der Versicherung, dass alle Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden, scheint drangvolle Enge bei den Feiern in Schankstuben und Festsälen unausweichlich.
Die epidemiologische Lage ist im Moment erfreulich ruhig
Menschenansammlungen von mehr als 500 Menschen seien von „niemanden im Krisenstab genehmigt“ worden, ärgert sich dessen Chefepidemiologe Predrag Kon. Die Silvesterfeiern könnten auch wegen der Heimkehr der Arbeitsmigranten aus dem Ausland zum Auslöser steigender Infektionszahlen werden, meint er.
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Doch die Warnungen der Epidemiologen bleiben weitgehend ungehört. Einerseits ist die Gastronomielobby stark. Gleichzeitig lassen die nahenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Frühjahr die politisch Verantwortlichen vor unpopulären Covid-Maßnahmen eher zurückschrecken. Allerdings ist die epidemiologische Lage im Balkanstaat im Moment auch erfreulich ruhig.
Epidemiologen finden wenig Gehör
Seit Ende Oktober ist die 7-Tage-Inzidenz von 726 auf 114 geschrumpft und der Anteil der positiven Getesteten von fast 35 auf 8,5 Prozent gesunken. Doch vergangene Woche ist auch in Serbien erstmals das Omikron-Virus registriert worden. „Die Risiken, die uns im nächsten Monat erwarten, sind groß“, warnt denn auch Staatssekretär Mirad Djerlek. „Man sollte Menschenmassen besser vermeiden. Es wird noch genug Gelegenheiten zum Feiern geben.“
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Doch Belgrad setzt zu Vorwahlzeiten eher aufs Feier-Zuckerbrot statt auf die Maßnahmen-Peitsche. Selbst die Mediziner im Kabinett und im Krisenstab finden wenig Gehör. Anstatt wegen Omikron restriktivere Vorsorgemaßnahmen zu treffen, „geben wir dem Volk Spiele und Zirkus“, klagt der Epidemiologe Zoran Radovic. „Und das wird sich bitter rächen.“