Die niedrigen Impfquoten fordern schon jetzt einen hohen Todeszoll. Ärzte sehen der weihnachtlichen Heimreisewelle mit Sorge entgegen.
Zagreb - Die ersten installierten Lichterketten verbreiten in Zagreb vorweihnachtlichen Schein: Hoffnungsfroh rüstet sich Kroatiens Hauptstadt nach fast zweijähriger Zwangspause für die wichtigste touristische Attraktion des Jahres. „Der Advent wird uns viele Gäste bringen“, verkündete Martina Bienenfeld, die Chefin des Fremdenverkehrsamts, in dieser Woche bei der Präsentation der Pläne für den am ersten Advent beginnenden Weihnachtsmarkt: „Wir wollen die fröhliche Stimmung nach Zagreb zurückbringen.“
Stattdessen steht den Kroaten wohl erneut ein bitterer Corona-Advent bevor. Die Zagreber werden beim Knabbern der Honiglebkuchen vermutlich unter sich bleiben. Das Europäische Gesundheitsamt (EDCD) hat nicht nur Kroatien in die tiefrote Zone mit „besonders hohem Risiko“ eingestuft: In ganz Südosteuropa explodieren derzeit die Infektions- und Todeszahlen.
Großdemos von Impfgegnern
Das benachbarte Slowenien weist in diesen Tagen den höchsten Wert der Welt auf. Die geringen Impfquoten in der Alpenrepublik, aber auch die Großdemonstrationen von Impfgegner in den vergangenen Wochen macht der in der Notaufnahme arbeitende Internist Janez Skerl (Name auf Wunsch geändert) in der Hauptstadt Ljubljana für die Infektionszahlen verantwortlich: „Bei den Demos wurden keinerlei Präventivmaßnahmen eingehalten, im Gegenteil. Das rächt sich nun.“
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Die überfüllten Covid-Kliniken könnten den Patientenandrang kaum mehr bewältigen, sagt Skerl. Gleichzeitig stehe wegen des Abzugs von Ärzten und Pflegern und der verminderten Aufnahmekapazitäten in allen Kliniken das Gesundheitssystem „vor dem Kollaps“. „In meiner Notaufnahme blieb wegen des Bettenmangels nun selbst ein 84-Jähriger über 24 Stunden auf seiner Bahre liegen. Es ist einfach traurig.“
Die Skisaison kann man abschreiben
Zumindest den bevorstehenden Auftakt der Wintersaison können Sloweniens Winterressorts schon jetzt abschreiben. Denn ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.
Sloweniens Gesundheitsorganisationen haben ihre Landsleute in dieser Woche dazu aufgerufen, wegen des drohenden Zusammenbruchs des Gesundheitssystems alles zu tun, um Behandlungen zu vermeiden. Die Chefin der Ärztekammer, Bojana Beovic, warnt, dass die Ärzte auf den Intensivstationen bald gezwungen sein könnten, zu entscheiden, welche Patienten behandelt werden und welche nicht: „Das ist das Härteste, was einem Arzt passieren kann.“
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Mit Sorge blicken Epidemiologen der weihnachtlichen Heimreisewelle entgegen. Schon im Sommer wähnten sich viele der Heimaturlauber auch im Urlaub vom Coronaregime. Wie viele Arbeitsemigranten sich über die Feiertage tatsächlich in ihre Heimat aufmachen werden, dürfte von den Rückreisebestimmungen abhängen.
Epidemiologen warnen
Ungeachtet der hohen Infektionszahlen werden auch im serbischen Belgrad erneut große Open-Air-Konzerte in der Silvesternacht geplant. Epidemiologen warnen indes eher vor dem Besuch von Feiern in geschlossenen Räumen. Denn zum hohen Infektionsrisiko gesellt sich in den Balkanstaaten eine tiefsitzende Impfskepsis. Die teilweise sehr niedrigen Impfraten erhöhen den Todeszoll: So hatten beispielsweise 90 Prozent von Rumäniens Coronatoten von zuletzt rund 300 bis 400 pro Tag laut Angaben der Behörden zuvor keinerlei Impfung erhalten.
Impfquote zum Teil extrem niedrig
Zahlen
Nicht nur bei EU-Anrainern wie Albanien (32,1 Prozent), Montenegro (39 Prozent) oder Serbien (43,9 Prozent) ist noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung geimpft. Auch EU-Staaten wie Bulgarien (22,9 Prozent), Rumänien (30,3 Prozent), Kroatien (45,3 Prozent) oder Slowenien (53,6 Prozent) hinken dem EU-Mittel (65,8 Prozent) weit hinterher.
Proteste Die Ankündigung von verschärften Regeln in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens hat in Kroatien indes nicht nur zu vermehrtem Andrang in den Impfzentren, sondern auch zu neuen Protesten der Impfgegner geführt. Es gab Demonstrationen.
Kirche Als „satanisch“ geißelte ein Priester bei einer Kundgebung in Split die „moralische Vergewaltigung“ der Ungeimpften, die er mit der Verwüstung von Vukovar vor 30 Jahren während des Kroatienkriegs (1991–95) verglich: „Wir müssen für unser Recht gegen das Ungesetzliche kämpfen.“