Warum wir in unsicheren Zeiten neu über Beziehung, Stress und Präsenz nachdenken müssen: Interview mit Therapeutin Lara Jost, die in Schopfheim über „Konfliktlösung mal anders“ spricht
Frau Jost, wir leben in Zeiten großer Unsicherheit: Kriege, Krisen, Dauerinformationen, Zukunftsängste. Warum ist Ihr Thema gerade jetzt so wichtig?
Weil Angst im Moment ein sehr präsentes gesellschaftliches Grundgefühl ist – oft leise, manchmal laut, aber fast immer im Hintergrund. Viele Menschen funktionieren, organisieren, halten durch. Und gleichzeitig sind ihre Nervensysteme permanent unter Spannung. Kinder wachsen genau in diesem Feld auf. Sie hören die Nachrichten nicht immer bewusst, aber sie spüren die Unsicherheit. Und darauf reagieren sie – mit Rückzug, Wut, Unruhe oder Überforderung.
Sie sagen: Kinder hören nicht zuerst zu, sie spüren. Was bedeutet das im Alltag?
Es bedeutet, dass Kinder weniger auf unsere Worte reagieren als auf unsere innere Verfassung. Wir können alles „richtig“ sagen – wenn wir innerlich angespannt, ängstlich oder überfordert sind, kommt etwas ganz anderes an. Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Man bemüht sich, ruhig zu bleiben, und trotzdem eskaliert die Situation. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine körperliche Realität.
Sie sprechen bewusst viel über Stress. Warum?
Weil Stress oft missverstanden wird. Viele denken, Stress sei ein Gefühl oder ein persönliches Problem. In Wahrheit ist Stress ein biologischer Zustand. Wenn unser Nervensystem Gefahr wittert – und das kann auch Zeitdruck, Unsicherheit oder ständige Reizüberflutung sein – schaltet der Körper auf Überleben. Dann geht es nicht mehr um Einsicht oder Kooperation. Dann geht es um Schutz. Und in diesem Zustand hören weder Kinder noch Erwachsene gut zu.
Das klingt entlastend – aber auch herausfordernd.
Ja, beides. Entlastend, weil es Schuld wegnimmt. Herausfordernd, weil es Verantwortung dahin zurückholt, wo wir sie oft nicht sehen wollen: zu uns selbst. Nicht im Sinne von „Reiß dich zusammen“, sondern im Sinne von: Wie geht es mir gerade wirklich? Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen. Sie brauchen präsente Erwachsene, die sich selbst wahrnehmen.
Im Titel Ihres Vortrags taucht der Begriff „energetische Co-Regulation“ auf. Das klingt für manche vielleicht abstrakt.
Ich erkläre das sehr bodenständig. Unser Nervensystem wirkt wie ein WLAN. Es sendet ständig. Kinder loggen sich automatisch ein – ob wir wollen oder nicht. Wenn ich innerlich ruhiger werde, kann sich ein Kind daran orientieren. Nicht, weil ich etwas erkläre, sondern weil mein Zustand Sicherheit vermittelt. Co-Regulation ist keine Technik. Es ist eine Beziehungserfahrung.
Was erleben die Menschen konkret an diesem Abend?
Es ist kein klassischer Vortrag mit PowerPoint und Checklisten. Es geht ums Erleben: um kleine Körperübungen, um Humor, um Musik, um Momente, in denen Menschen merken: Ich bin gar nicht falsch. Ich bin einfach oft im Stress. Viele beschreiben danach ein Gefühl von Erleichterung – und von Verbundenheit.
Sie sprechen auch gezielt Pädagoginnen und Pädagogen an. Warum?
Weil sie täglich unglaublich viel halten. Viele sind nicht erschöpft, weil sie ihren Beruf nicht können, sondern weil sie ständig in hochregulierten Räumen arbeiten müssen – mit zu wenig Zeit, zu vielen Anforderungen, zu wenig Pause. Co-Regulation ist hier keine „Kuschelidee“, sondern eine echte Führungsqualität: klare Grenzen, getragen von innerer Stabilität.
Was nehmen die Besucherinnen und Besucher idealerweise mit nach Hause?
Kein neues To-do. Sondern ein anderes Verständnis. Vielleicht den Mut, im nächsten Konflikt kurz innezuhalten und sich zu fragen: Wie geht es mir gerade? Und die Erfahrung, dass Verbindung nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch Präsenz.
Zum Schluss: Wenn Sie einen Gedanken nennen müssten, der diesen Abend trägt – welcher wäre das?
Kinder hören nicht zuerst zu. Sie spüren. Und in einer Zeit voller Unsicherheit ist genau das unsere größte Chance: Sicherheit nicht zu erklären, sondern zu verkörpern.
Info: Der Vortragsabend „Konfliktlösung mal anders: The Harmony Code“ findet am Dienstag, 27. Januar, um 20 Uhr im großen Saal der Freien Waldorfschule Schopfheim statt. Der Eintritt ist frei, musikalisch begleitet wird der Abend von der Singer-Songwriterin Féjane.
Zur Person
Lara Jost
ist Gesundheitspraktikerin BfG und führt eine eigene Praxis für energetische Körperarbeit und Stressregulation in Schopfheim.
In ihrer Arbeit
mit Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen verbindet sie körperliche, mentale und seelische Gesundheit. In ihren Vorträgen und ihrer Praxis steht nicht Perfektion im Vordergrund, sondern die Frage, wie innere Stabilität und Präsenz im Alltag wieder spürbar werden können.