Paartherapeutin erklärt Phänomen Affäre mit einem verheirateten Mann – „Ich hatte kein Schuldgefühl“
Yvonne hatte eine Beziehung mit ihrem Kollegen – der verheiratet ist. Wie geraten Menschen in Affären hinein?
Bevor Yvonne (Name geändert) die Affäre mit ihrem Kollegen begann, war ihre Ehe schon keine richtige Beziehung mehr. „Ich hatte mich schon länger von ihm distanziert“, sagt die heute 51-Jährige über ihren Mann. 2006 hatten die beiden geheiratet. 2009 war er berufsunfähig. Die Diagnose: Borderline Syndrom, eine Persönlichkeitsstörung, die unter anderem zu emotionalen Schwankungen und Schwierigkeiten in Beziehungen führt.
So erlebte auch Yvonne ihren Mann. „Er war sehr manipulativ“, sagt sie. Währenddessen arbeitete sie in ihrem Job im Außendienst mit einem Mann zusammen, den wir in diesem Text Thomas nennen. Sie verstanden sich gut, verbrachten viel Zeit zusammen, flogen manchmal um die halbe Welt, um ihr Unternehmen auf Messen zu vertreten. „Wir waren eine Art Arbeits-Ehepaar“, sagt sie. Das hätten auch Kunden immer wieder gesagt.
Ein Strandhäuschen in den Niederlanden wurde zum Beginn der Affäre
Irgendwann, die schwierige Beziehung mit ihrem Mann nagte immer mehr an ihr, sagte Thomas: „Komm, du musst mal raus“. Sie buchten sich ein kleines Strandhäuschen in den Niederlanden, „zwei Schlafzimmer, alles fein, alles gut“, sagt Yvonne. „Meinem Mann habe ich das als Strategie-Meeting der Firma verkauft.“ Er sei immer eifersüchtig gewesen.
„Ich wusste nicht viel Privates über Thomas“, sagt sie. Dass er eine Frau und eine Tochter hatte, das schon. Mit seiner Frau würde aber nichts mehr laufen, habe er ihr gesagt. Sie würden den Schein aufrecht erhalten, wegen der Tochter, aber im Prinzip sei die Ehe wie eine WG. „Da dachte ich mir: Das klingt auch nicht nach einer glücklichen Beziehung.“
In diesem Häuschen am Strand schliefen Yvonne und ihr Kollege zum ersten Mal miteinander. Ganz typisch für den Beginn von Affären sei das, sagt die Stuttgarter Paarberaterin Corinna Stolz: Wenn jemand sich lange nicht gesehen und gehört fühle, „und plötzlich merkt man: Ich bin ja doch begehrenswert“.
Rückblickend sagt auch Yvonne, sie sei aus einer totalen emotionalen Isolation in die Affäre hineingerutscht. „Aus einer Ehe, in der nichts Positives mehr war.“ Auch kein Sex – und der sei für sie ein wichtiger Bestandteil. Deshalb sei die Aufmerksamkeit von Thomas auf fruchtbaren Boden gefallen.
Das erste Mal mit Thomas war für sie ein Aha-Moment. „Ich dachte mir: Jetzt hat er offiziell seine Frau betrogen und ich meinen Mann“, erzählt sie. Für sie war das die Initialzündung, sich zu trennen. „Es entspricht in gewisser Art und Weise nicht meinen moralischen Vorstellungen, jemanden zu betrügen“, sagt sie.
Damit ist sie nicht alleine. Fremdgehen habe einen schlechten Ruf, sagt auch Paarberaterin Corinna Stolz. „Und doch kommt es extrem häufig vor.“ Zum Beispiel lassen Menschen sich auf Affären ein, wenn die Kommunikation in ihrer Beziehung nicht mehr gut läuft, wenn Bedürfnisse keinen Platz mehr finden oder Langzeitpaare sich durch den Alltagsstress auseinanderleben. Doch auch Probleme in der Beziehung seien keine Entschuldigung, fremd zu gehen. Dem moralischen Kompass zu folgen und Probleme anzusprechen sei die bessere Strategie.
Die Affäre – für Yvonne und ihre Ehe ein Weckruf
Das machte letztlich auch Yvonne: Sie beschloss, den Beginn der Affäre als einen Weckruf zu nehmen und zog einen Schlussstrich mit ihrer Ehe. Inzwischen ist sie geschieden.
Bei Thomas lief das anders. Er verbrachte jede Woche ein, zwei Tage in Yvonnes Wohnung, sie fuhren zusammen in Urlaub und gingen gemeinsam auf Firmenfeiern – „ich glaube, dass nicht wenige Kollegen gewisse Sachen ahnten“, sagt sie.
Doch eines tat Thomas nicht: Sich von seiner Frau trennen. Nach einiger Zeit wurde Yvonne ungeduldig. Sie äußerte den Wunsch nach einer richtigen Beziehung mit ihm. Als sie in eine größere Wohnung zog, wollte er eigentlich mit einziehen. Er wollte auch seinen Teil der Miete bezahlen. Aber den Mietvertrag unterschreiben, das wollte er nicht.
Immer wenn es konkret wurde, machte er einen Rückzieher. Ständig hätte er andere Ausreden gehabt, oft die Tochter. „Dann bekommst du die magischen drei Wörter zu hören und eine Zeit lang ist alles wieder gut“, sagt Yvonne. Doch auch die Liebesbekundungen halfen nichts: Nach zwei Jahren trennte sie sich zum ersten Mal von ihm.
Funkstille, dann wieder Versprechungen – „Das ist das Prinzip Hoffnung“
Ein paar Wochen lang herrschte Funkstille. Bis er andeutete, dass er sich doch von seiner Frau trennen wollte. Konkrete Pläne machte er nicht, aber Versprechungen. „Das ist das Prinzip Hoffnung“, sagt Yvonne.
Hatte sie ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber? Nein. „Ich hatte kein Schuldgefühl“, sagt sie. Mit ihr habe sie nichts zu tun gehabt, das sei seine Entscheidung gewesen. Sie habe ihm aber immer wieder gesagt, er solle für saubere Verhältnisse sorgen.
„Er hat sich bei mir die Aufmerksamkeit, den Sex, die gute Zeit geholt“, sagt Yvonne. Aber aus seinem eigentlichen Leben wollte er nicht heraus.
Corinna Stolz wundert das nicht: „Eine Ehe erfüllt andere Bedürfnisse als eine Affäre“, sagt sie. Während Thomas sich in der Ehe Sicherheit, Zugehörigkeit und Struktur holte, bekam er bei Yvonne Freiheit, Begehren und Leidenschaft. „Manche merken dann, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn sie beides haben können.“ Zumal die Angst groß sei, nicht nur die Beziehung zu verlieren, wenn man sich wegen einer Affäre aus der Ehe trennt: Auch das Verhältnis zur Tochter oder der Status in der Gesellschaft könnten sich verändern.
„Gerade Männer profitieren meistens mehr von einer Ehe als Frauen“, sagt Stolz. Sie nennt den Mental Load – die unsichtbare Last der ständigen Planung, Organisation und Verantwortung für Haushalt, Familie und Beziehungsarbeit, die meist bei den Frauen liegt. Für Thomas war es in seinen beiden Beziehungen wohl einfach zu gemütlich.
Eine Weile schaute Yvonne sich sein Doppelleben wieder mit an. Aber nach vier Jahren zog sie den Schlussstrich. Endgültig. Er hätte es wohl nie getan. Sie geht davon aus, dass er noch heute verheiratet ist.
„Er hätte sterben können – aber dir sagt niemand Bescheid“
Heute würde Yvonne sich nicht mehr auf eine Affäre einlassen. „Du kannst ja nie sagen: Das ist meiner!“, sagt sie. Einmal habe Thomas einen kleinen Herzinfarkt erlitten – in ihrer Wohnung. „Er hätte sterben können – aber dir sagt niemand Bescheid.“ Nicht einmal im Krankenhaus hätte sie ihn besuchen können, weil seine Frau dort war.
Heute hat sie keine richtige Lust mehr auf eine Beziehung. Aber sie probiert sich aus. Dass Sex ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist, hat sie jedenfalls festgestellt. Und sich in den vergangenen eineinhalb Jahren über die Plattform Joyclub immer wieder mit Menschen getroffen, deren sexuelle Vorlieben außerhalb der Norm liegen. Ihren „Horizont erweitert“, so nennt sie das. Ihre Affäre war der erste Schritt aus der Ehe. Vielleicht war sie auch der Beginn ihrer persönlichen sexuellen Befreiung?