Paartherapeut erklärt Macht Sex am Morgen erfolgreicher?
Wer mehr Sex hat – vor allem morgens – kommt im Job weiter. Eine Umfrage aus den USA legt das nahe. Ein Stuttgarter Paartherapeut erklärt, was dran ist.
Michelle Obama soll es tun, Oprah Winfrey, Heidi Klum und Apple-Chef Tim Cook. Sie alle sollen morgens um 5 Uhr aufstehen und die ruhigen Stunden nutzen, um extraproduktiv zu sein. Sport treiben, Mails beantworten, gesunde Smoothies schlürfen, solche Sachen. Sie sind prominente Mitglieder des sogenannten 5am Clubs. Das Konzept stammt aus einem Buch des Autors Robin Sharma. „Gestalte deinen Morgen, und in deinem Leben wird alles möglich“, verspricht das Cover.
Schlafforscher und andere schlaue Menschen haben diese These widerlegt. Wer eigentlich eine Nachteule ist, wird nicht dadurch produktiver, dass er gegen seinen Rhythmus arbeitet.
Umfrage: Wer morgens Sex hat, bekommt mehr Geld und ist motivierter
Das amerikanische Medizin-Portal ZipHealth schlägt nun aber in eine ähnliche Kerbe wie Robin Sharma. Eine nicht repräsentative Umfrage unter US-Arbeitnehmern legt es nahe, dass Menschen, die morgens vor der Arbeit Sex haben, erfolgreicher im Job sind. Und nicht nur das: Sie seien auch motivierter und bekämen mehr Geld.
Die Ergebnisse im Detail:
- Arbeitnehmer, die morgens vor der Arbeit Sex haben, berichten von den höchsten Produktivitätswerten (71 Prozent), der höchsten Aufgabenerledigung (70 Prozent), dem größten Fokus (58 Prozent) und der stärksten Motivation (57 Prozent).
- Nahezu jeder fünfte Arbeitnehmer, der morgens Sex hat, sagte, dass er im vergangenen Jahr befördert wurde.
- Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer, die morgens Sex haben, gaben an, dass sie im vergangenen Jahr eine Gehaltserhöhung erhalten haben.
Müssen Menschen, die die Karriereleiter nach oben klettern wollen, also doch um 5 Uhr aufstehen, um zwischen Kaffee und Dusche auch noch einen Quickie einzuschieben?
Luis Kimyon, Paartherapeut in Stuttgart, gibt Entwarnung. In seinen Augen ist die Umfrage eher ein Marketing-Gag als eine wissenschaftlich fundierte Studie. Trotzdem sei etwas dran: „Beim Sex habe ich eine vertiefte Atmung, eine viel bessere Durchblutung, das Hormonsystem geht nach oben, das Herz-Kreislauf-System wird auf Trab gebracht“, sagt er. „Kaffee hat einen Kick-Effekt, der erst mal kurz und heftig ist“ – so ähnlich sei das auch beim Sex. „Das macht unglaublich vital.“
Aber: Damit Menschen morgens Sex haben können, müsse einiges stimmen. Der Job, das Stresslevel und die sexuellen Bedürfnisse in der Partnerschaft zum Beispiel. Und nicht zuletzt müsse man Zeit dafür haben. Bei Eltern oder (anderen) gestressten Menschen könne der 53-Jährige sich das schlecht vorstellen. Außerdem müssten alle Beteiligten überhaupt morgens Lust haben.
Paartherapeut: Die meisten Paare schaffen es nicht, morgens Sex zu haben
Kurzum: „Bei denen, die das morgens hinbekommen, stimmt ganz viel im Leben, sie sind im Einklang mit sich selbst“. Auch die Umfrageergebnisse legen nahe, dass Menschen, die morgens intim sind, glücklicher, selbstbewusster und emotional stabiler sind – sogar die Stressresistenz war bei ihnen höher. Vielleicht, weil bei ihnen einfach viele Dinge stimmen.
Kimyon sagt, das sei aber für die wenigsten Paare so. Den Zeitpunkt findet er nicht wirklich wichtig. „Das ist total individuell“, sagt er.
Hilft Sex der Ausstrahlung?
Warum wurden dann laut der Umfrage so viele der Befragten, die morgens Sex haben, befördert oder bekamen Gehaltserhöhungen? Und warum haben vor allem Führungskräfte und Geschäftsinhaber morgens Sex, Mitarbeitende auf mittlerer oder Einstiegsebene aber eher nicht?
Kann es sein, dass Sex (wann auch immer man ihn hat) der Ausstrahlung hilft? Kimyon lacht. „In Filmen ist das oft so“, sagt er. Aber klar: „Wenn ich etwas mache, was mich gut fühlen lässt, und das noch in Bindung mit jemand anders, dann bekomme ich einen Selbstwert-Schub.“ Man sei dann viel vertrauensvoller zu sich selbst, trage mehr Stolz und Freude mit sich herum.
Keine falschen Schlüsse ziehen
Trotzdem würde Luis Kimyon nicht allzu ernst nehmen, dass vor allem Führungskräfte morgens Sex haben sollen. Eine Erklärung könne zwar der Zeitfaktor sein: „Wenn ich Unternehmer bin, bin ich abends lange unterwegs und dann habe ich morgens eher die Möglichkeit, Sex zu haben“, sagt er. Aber er arbeite selbst viel mit Führungskräften zusammen. „Und da kriege ich nicht mit, dass sie morgens am meisten sexuell unterwegs sind.“
Er jedenfalls wolle nicht, dass jemand wegen dieser Umfrage denkt: „Wir müssen morgen früh Sex haben, damit ich meine Karriere als Ärztin durchstarten kann“.
Am Wichtigsten ist nicht, ob und wann man Sex hat – sondern etwas anderes
Ob und wann man Sex hat, sei eben nicht das Entscheidende. Wichtig sei eher, dass man Sex habe, der auch gewünscht sei. „Dass eine sexuelle Zufriedenheit da ist“, sagt er. „Wenn es der Sex ist, den man haben möchte, dann ist er gesundheitsfördernd.“
Das Einzige, wann Sex am Morgen empfohlen werde, sei bei Erektionsstörungen. Denn morgens würden mehr Hormone ausgestoßen, die dem männlichen Körper dann in die richtige Richtung helfen. Überhaupt erwähnt Kimyon die Gesundheit immer wieder – besonders Stress. „Wenn ich unter Stress bin, dann gerät mein Nervensystem mehr in den Anspannungsmodus“, sagt er. Das sorge unter anderem dafür, dass die Sexualität, die Lust, heruntergefahren würde.
Burnout schiebt die Sex-Kapazität nach hinten
Ein Umfrageergebnis passt zu dieser Aussage: Beim Thema Burnout sind alle Werte – egal ob morgens, mittags, abends oder gar nie Sex – auf einem ähnlich niedrigen Level. Wer Burnout hat, steht unter Stress, und hat dadurch wohl eher keine Kapazität für Sex. Geschweige denn für Karriere-Booster.
Kimyon empfiehlt, in dem Fall eins nach dem anderen anzugehen: „Ich darf mich erst mal um meinen Stress kümmern, und wenn der reguliert ist, dann kommt der Körper und schiebt die Erregung wieder nach oben“, sagt er. Und ganz grundsätzlich gebe es ja auch erfolgreiche Menschen, die gar keinen Sex haben.
Hintergründe
Umfrage
Das amerikanische Medizin-Portal ZipHealth hat 1000 Vollzeitbeschäftigte in den USA befragt. Das Durchschnittsalter lag bei 40 Jahren; 43 % waren männlich, 56 % weiblich und 1 % nicht-binär. Unter den Befragten waren 39 % Babyboomer (geboren zwischen Mitte der 1950er und Ende der 1960er Jahre) und Angehörige der Generation X (geboren 1966 bis 1980), 47 % Millennials (geboren 1981 bis 1995) und 14 % Angehörige der Generation Z (geboren 1995 bis 2009).
Therapeut
Luis Kimyon ist Heilpraktiker für Psychotherapie, Paartherapie und Sexualtherapie. Der 53-Jährige kommt aus Mannheim und betreibt seit 2011 eine Praxis im Stuttgarter Westen.