Paar aus Stuttgart erzählt Liebe, Lust und Gruppensex mit über 60
Der Körper macht nicht mehr alles mit – aber sich davon die Lust nehmen lassen? Auf keinen Fall, meinen Karin und Klaus und erzählen, warum Sex im Alter für sie besser ist.
Karin hat lange schon mit ihrer Sexualität außerhalb der monogamen Zweierbeziehung experimentiert. Also: Sex mit zwei Männer, das hatte sie schon mal. Aber so einen Gangbang, also Gruppensex mit Männern in der deutlichen Überzahl, das kann sie sich lange nicht vorstellen.
Dann lernt sie Klaus kennen, der genau das zu seinen Vorlieben zählt, und denkt sich: Wenn ich es nicht probiere, weiß ich ja nicht, wie es ist. Ihren ersten Gangbang hat Karin mit Mitte 60. „Seither gönne ich mir das ab und zu“, sagt sie.
Wie viel Sex gibt es über 60 noch?
Karin, 67, und Klaus, 68, sind seit zweieinhalb Jahren ein Paar. Sie wollen nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen. Manche in ihrem Umfeld würden wohl ein paar Messen beten, wenn sie von ihrem Sexleben wüssten, sagen sie. Das Paar lädt in Karins Wohnung zum Gespräch, durch das Fenster sieht man die Schwäbische Alb, in der Küche stapeln sich Umzugskartons: Bald ziehen die beiden aus dem Umland in eine Wohnung in Stuttgart zusammen.
Gangbang-Partys, Sadomaso-Stammtisch, Lustgarten-Besuche – diese Begriffe fallen im Gespräch so selbstverständlich wie andernorts die Zutaten für den Lieblingszitronenkuchen. Die Körper mögen ein wenig abbauen, weniger beweglich sein, die Haut mag Falten aufwerfen, aber ihre Lust wollen die beiden davon nicht eingeschränkt wissen. „Ich glaube, Sex im Alter ist der bessere“, sagt Karin.
Sex und nackte Haut sind zwar omnipräsent, Pornos in Hunderten Facetten jederzeit abrufbar. Aber die Bilder zeigen in der Regel junge Menschen, die den Schönheitsidealen entsprechen. Sex von älteren Menschen findet dagegen im öffentlichen Diskurs kaum statt. Studien zeigen, dass Menschen in höherem Alter zwar durchschnittlich weniger oft sexuell aktiv sind – aber durchaus auf hohem Niveau. Über 60 hätten Menschen im Durchschnitt 78-mal im Jahr Sex, schreibt etwa die Paarexpertin Andrea Micus in einem ihrer Ratgeber. Und die „Berliner Altersstudie II“ kommt zu dem Ergebnis, dass fast ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen häufiger sexuell aktiv sind als der Durchschnitt der 20- bis 30-Jährigen.
Aber wie unterscheidet sich das Liebesleben der Älteren?
Karin hadert nicht mehr mit ihrem Körper
„Es ist eine Tatsache: Der Körper altert, er verformt sich, das ist normal“, sagt Karin. Mit 40 habe sie noch ab und zu gedacht, sie habe keinen perfekten Körper, müsse ihn in Form bringen. Seit sie 60 ist, hadere sie aber nicht mehr mit ihrem Körper. „Ich bin mit mir zufrieden, mit meinem Körper einig“, sagt sie. Und: „Der selbstauferlegte Druck ist in dem Alter nicht so groß. Ab 50, 60 Jahren ist es normal, dass es nicht funktioniert, wie man will“, so Karin. Außerdem sei der Leistungsgedanke weg. „Mit 30 erlebst du Männer, die glauben, eine halbe Stunde leisten zu müssen“, sagt Karin.
Als junge Frau habe sie oft lange gebraucht, um sich fallen lassen zu können, sagt Karin. Heute, mit Klaus, gehe es sehr schnell, selbst wenn noch andere Partner dabei sind. Klaus sagt, früher sei Sex oft recht ernst gewesen, man habe nicht viel rumprobiert. „Im jüngeren Alter war man oft stärker festgelegt, wie etwas zu sein hat“, sagt der 68-Jährige. Er hat erst mit knapp 60 Jahren mit den Gangbang-Partys angefangen und Karin den Reiz davon näher gebracht.
Und Karin hatte schon Erfahrung in Sadomaso, also dem Liebesspiel, bei dem es um Dominanz und Unterwerfung und Schmerzen geht. Sie hat in Klaus das Interesse dafür geweckt, auch das leben sie nun gemeinsam aus. „Man sollte offen für Neues bleiben“, sagt Klaus.
Sie lernen sich dort kennen, wo man nach Sexpartnern sucht
Beide waren schon in längeren Beziehungen, bevor sie sich kennenlernten, heute haben sie erwachsene Kinder und mehrere Enkel. Sowohl Karin als auch Klaus sind nach diesen Beziehungen auf Joyclub gelandet, einer Plattform, wo man nach Sexpartnerinnen und -partnern auch für etwas experimentellere Spielarten der Liebeskunst suchen kann. Dort treffen sie aufeinander, besuchen gegenseitig ihre Profile, schreiben sich Nachrichten.
Irgendwann vereinbaren sie ein Treffen, schlafen noch an diesem Abend miteinander, eigentlich nichts besonderes bei diesen Dates. „Aber ich habe danach gemerkt: Da ist irgendwas anders“, sagt Karin. Das heißt: Die Harmonie war nicht nur auf der sexuellen Ebene da. „Ich war der erste, der bei ihr übernachten durfte“, sagt Klaus. Er wirkt dabei stolz, bei seiner Karin gelandet zu sein.
Beide treffen sich unabhängig voneinander weiter mit anderen Menschen. Ihre Regel ist: Man weiß immer, was der jeweils andere gerade macht. „Der Partner ist die Nummer eins, alles andere ist ein netter Zusatz“, so beschreibt es Karin.
„Ich bin die Königin im Bienenstock“
Klaus veranstaltet weiter die Gangbang-Partys bei sich zu Hause, mal ohne Karin, mittlerweile aber auch manchmal mit ihr. So kommt sie eben zu ihrer ersten diesbezüglichen Erfahrung. Sie schickt vorweg: Durch Pornos aus diesem Genre hätten viele den Eindruck, die Frau werde in dieser Konstellation benutzt. Aber in ihrer Erfahrung drehe sich dabei, trotz der Überzahl an Männern, alles um die Frau. Karin beschreibt es so: „Ich bin die Königin im Bienenstock. Ich lege mich hin und lasse mich verwöhnen.“
Jede Woche würde Karin das nicht machen wollen, aber so alle vier bis sechs Wochen als Highlight, das schon. Man lerne sich bei diesen Veranstaltungen auch durchaus kennen, ergänzt Klaus: „Wenn jemand ein paar Mal da war, weiß man auch über die Familienverhältnisse Bescheid.“ Auch Freundschaften seien daraus schon entstanden.
Bei den Jüngeren geht es oft bierernst zu, sagt Karin
Karin findet es generell schade, dass Sexualität oft so stark von anderen Sphären des Lebens getrennt werde, hinter verschlossenen Türen und unabhängig von anderen Sinnesfreuden. Dadurch verpasse man was. Einerseits: Wenn sie ein befreundetes Paar treffen, würde auch Essen mitgebracht, sagt Karin. Sinngemäß: Erst steht die Lust im Mittelpunkt, dann der Hunger, warum auch nicht?
Andererseits: Man solle auch lachen können, während man sich liebt. Gerade bei den Jüngeren gehe es ja oft bierernst zu beim Sex, sagt Karin. Generell seien Menschen ab 50 in der Hinsicht viel freier, meint sie.
Warum sich Karin und Klaus schön finden
Aber sind jüngere Menschen nicht immerhin im Vorteil, was das Aussehen angeht, die glattere Haut, die durchtrainierteren Körper? Viele Leute würden sich zu viele Gedanken über ihren Körper machen, statt einfach loszulegen, sagt Karin. „Wenn eine Anziehungskraft da ist, ist doch scheißegal, wie du aussiehst“, sagt Karin.
Es sei außerdem Blödsinn, beim Sex den Bauch einzuziehen, um gut auszusehen. „Das ist doch das Zentrum“, sagt sie, man blockiere die Lust. Und ein Mann habe in der Situation ja anderes zu tun, als einem auf den Bauch zu gucken, so Karin.
Die größte Rolle spielt für Karin ein anderes Körperteil: „Das wichtigste Sexualorgan ist der Kopf“, sagt sie. Herz, Hirn und Humor seien ihr wichtig. „Wenn er das nicht gehabt hätte, wäre es nix geworden“, sagt sie und lächelt in Richtung Klaus. Und er sagt, dass er sie attraktiv finde, gerade weil sie nicht superschlank ist. „Wir beide finden uns schön“, sagt Karin.
Wie man die Chance ergreift, sich neu zu entdecken
Was ist ihr Tipp, um im voranschreitenden Alter die Lust an der Sexualität aufrecht zu erhalten? Karin blickt dafür zurück auf ihr Familienleben: „Wenn du dir Kinder und Haushalt über den Kopf wachsen lässt, ist es nicht verwunderlich, dass die Libido weg ist. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, gibt es eine Chance, sich neu zu entdecken. Diese Chance muss man nutzen“, sagt Karin. Und: Man müsse dranbleiben, wie beim Sport, sagt Karin: „Wenn du dich regelmäßig berührst, will man auch mehr.“
Klaus ist zudem die Fantasie wichtig: „Das Kopfkino muss am Laufen bleiben“, sagt er. „Viele denken, es ist mit 60 oder 70 vorbei, aber das ist nicht der Fall“, zieht Klaus ein Fazit. Manche, die nach außen hin ein biederes Rentnerpaar sind, würden auf den entsprechenden Partys ein ganz anderes Bild abgeben, sagt Karin.
Eine Sache hat sich inzwischen aber doch geändert. Sex sei zwar immer noch an verschiedenen Orten möglich, etwa auf dem Autorücksitz, sagt Karin. Aber: „Man schätzt die Weichheit eines Bettes mehr.“