Paar aus Kreis Esslingen lebt BDSM aus Wenn Schläge und Schmerzen die Lust steigern

Florian Gann
Schmerzen gehören bei BDSM dazu – Regeln und Grenzen aber auch. Foto: KI/Midjourney / Montage: Sebastian Ruckaberle

Laura und Robert aus dem Kreis Esslingen tragen bei ihrem Liebesspiel mitunter blaue Flecken und offene Hautstellen davon. Warum diese harte Tour für die Beiden ihre Beziehung stärkt und wo ihre Grenzen liegen.

Laura legt ein aus einem Handtuch geformtes Bündel auf den Holztisch ihrer Wohnung, schnürt es auf. Im Hintergrund lodert ein Holzofen, leichter Rauchgeruch strömt durch ihre Wohnung im Kreis Esslingen. Laura, 28, erklärt gemeinsam mit ihrem Partner Robert, 39, den Inhalt dieses Pakets: Eine Reitgerte, in kurzer Ausführung, damit zielt es sich leichter. Ein Elektroschocker, Stromstärke auf Weidezaunniveau, nur selten benutzt. Ein Flogger, also ein Griff mit einem dicken Büschel an Lederfransen, eher was für Einsteiger. Nippelklemmen mit Kette, die sich unter Zug fester zuziehen. Eine Bullwhip, also eine Bullenpeitsche, damit kann man sich wehtun, wenn man nicht weiß, was man macht. Was Laura und Robert hier präsentieren, ist ihr Werkzeugkasten. Werkzeuge, die sie einsetzen, um ihre Lust zu steigern.

 

Laura und Robert – sie tauchen hier auf ihren Wunsch nicht mit ihren echten Namen auf – leben in ihrer Beziehung BDSM aus. Es geht also um Dominanz und Unterwerfung, darum Schmerzen zuzufügen oder sich zufügen zu lassen, einvernehmlich und innerhalb vorher definierter Grenzen. Oft wird das auch mit dem Begriff kinky umschrieben. Es ist die Art von Sex, bei der man ständig an einer Grenze wandelt: Wie viel Schmerz ist jemand bereit zu ertragen, was kann man als dominanter Part einfordern, was will man als untergebener Part mit sich machen lassen?

Laura sagt: „Ich schlage gerne zu“

Laut einer US-Studie aus 2020, die im Fachmagazin „Journal of Sex Research“ veröffentlicht wurde, hatten 40 bis 70 Prozent der Menschen schon einmal BDSM-Fantasien, 20 Prozent leben die Praktiken mitunter auch aus. Andere Zahlen zeichnen ein nüchterneres Bild: In Deutschland hatten etwa laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Yougov 9 Prozent der Menschen bereits BDSM-Sex. Aber klar ist: An vielen Orten finden sogenannte Kinky-Partys statt, der Zugang zu Sexualität wird offener, BDSM ist kein reines Nischenthema mehr – und trotzdem kennen die meisten Menschen diese Welt nur vom Hörensagen.

Laura hat vor fünf Jahren durch Robert BDSM entdeckt. Heute sagt sie Sätze wie: „Ich schlage gerne zu.“ Partner Robert meint: Den Rohrstock, ein Schlaggerät aus dünnem Holz, „hätte man dir nie zeigen dürfen.“ Beide grinsen, als sie das sagen. Blaue Flecke, ein Stück offene Haut, ein schmerzendes Becken, das gehört für sie dazu – es steht ja meist für ein schönes Liebeserlebnis. Beide leben das auch mit anderen Menschen aus.

Beim „Kaffeeklatsch“ testen sie ihr erotisches Spielzeug

In ihrer Beziehung lebt Laura meist die dominante und Robert die submissive, also untergebene Rolle. Seit fünf Jahren kennen sie sich. Angefangen haben sie mit einem Kaffeeklatsch, so nennen sie das: Laura interessiert sich für ein Spielzeug, Robert bringt es mit, dann wird ausprobiert. Beim ersten solchen Treffen: Mit einer Reitgerte aufs Sofakissen schlagen, eine Übung, denn gutes Zielen ist wichtig. „Ich habe schon Schläge eingesteckt, die einfach daneben gegangen sind. Da musste ich auch schon Sessions abbrechen“, sagt Robert. Besonders weh würde es dort tun, wo direkt unter der Haut die Knochen seien, sagt Laura: „Das gehört zu den Dingen, die man lernen muss.“

Die Reitgerte ist ein beliebtes Spielzeug beim BDSM. Foto: IMAGO/Depositphotos

„Man wandelt immer auf einem Pfad zwischen Lust und Schmerz“, sagt Robert. Das sei der Reiz an der Sache. Verlässt man diesen Pfad, kann es sehr unangenehm werden. Wichtig sei deswegen, sich gegenseitiges Vertrauen zu erarbeiten und klar zu kommunizieren: Was sind meine Wünsche? Wo liegen meine Grenzen? Robert empfiehlt außerdem ein Safeword zu vereinbaren – also ein Wort, mit dem man eine Session sofort abbrechen kann, wenn es einem zu viel wird. Oder besser noch ein Ampelsystem: Man sagt „Gelb“, wenn es an die Grenze geht, „Rot“, wenn sie überschritten ist. Gegenseitige Vorstellungen und Regeln einzuhalten, sei in der Community besonders wichtig, sagt Laura. Sicherheit sei auch immer das erste Thema auf Plattformen wie Joyclub, wo man sich darüber austauscht und nach Gespielen sucht.

Wie man den Reiz trotz vieler Regeln findet

„Als dominanter Teil hat man die Fürsorgepflicht für den, den man verhaut“, sagt Robert. Macht über jemanden anderen auszuüben, gehöre zwar mitunter dazu. Aber immer streng innerhalb der vereinbarten Grenzen, die zu überschreiten sei ein strenges No-Go. Dafür müsse man den Kopf haben, was im Alltag nicht immer der Fall sei. Shibari, also Spiele, bei denen man sich an Seilen fixiert oder aufhängt, könnten mitunter gefährlich sein, sagen beide. Es solle daher immer ein loses Ende geben, das man selbst erreichen kann, um die Fixierung zu lösen. Und Atemkontrollspiele, also die Atmung des submissiven Partners bis zum Rande der Ohnmacht zu erschweren, solle man etwa nicht machen, „wenn man nicht zu 200 Prozent da ist“, sagt Robert. Er meint aber auch: „Wenn man es richtig macht, bettelt der andere nach mehr.“

„Auf der dominanten Seite ist es der Machtkick, man steuert die Grenzen, wie ein Spielemaster. Die Befriedigung als dominanter Teil setzt ein, wo man merkt, der Partner hat für einen kurzzeitig den Bogen überspannt und mehr eingesteckt, als er eigentlich ertragen kann“, erzählt Laura. Als submissiver Part sei es genau umgekehrt, der Reiz, für jemanden weiter zu gehen, als man das sonst tun würde. „Das ist die extreme Ausprägung davon, Macht und Kontrolle abzugeben. Dadurch kann ich mich aber auch fallen lassen. Das fühlt sich auch entlastend an“, sagt Carina Pflumm, die als Sexualtherapeutin in Dresden Menschen zu BDSM berät. Es brauche dabei sehr viel Vertrauen, sagt Pflumm. Gleichzeitig werde sehr viel Oxytocin ausgeschüttet, also das sogenannte Kuschel- und Bindungshormon. „Wenn ich es gut gestalte, bindet so ein Spiel extrem“, sagt Pflumm. Auch Laura beschreibt ihre Beziehung zu Robert dadurch als inniger und vertrauter.

Erst der Rausch – dann der Absturz?

Das Liebesspiel ähnle oft einem Rausch, zur sexuellen Erregung komme ein hormoneller Höhenflug, etwa werde mitunter viel Adrenalin ausgeschüttet, sagt Therapeutin Pflumm. Danach folge oft ein starker Abfall. In dieser Situation sei es wichtig, dieses Tief kontrolliert zu gestalten und auszugleichen, sagt Pflumm. Aftercare, also Nachsorge heißt das im Szenesprech.

„Wenn die Session sehr hart und durch das Rollenspiel vielleicht auch distanziert war, würde ich danach als dominanter Part zum Beispiel dafür sorgen, dass ich sehr nahe, zärtlich und wertschätzend bin“, sagt Pflumm. Auch Laura und Robert betonen, wie wichtig Aftercare sei, auch sie geben sich dann Nähe und Zärtlichkeit. Laura meint zudem: Das Bedürfnis nach Aftercare könne manchmal auch erst ein paar Tage später kommen. Mitunter müssten auch Dinge aufgearbeitet werden, die nicht nach Wunsch verlaufen sind, sagt Robert.

Ab welchem Punkt ist es pervers?

Auf dem Tisch in der Wohnung von Laura und Robert liegen auch noch eine Hundeleine, eine schwarze Folie für Fesselspiele, ein Knebel, „weil ich immer so vorlaut bin“, grinst Laura. Sprechen die beiden in ihrem Umfeld über BDSM? Mit manchen Leuten, die offen und interessiert seien, sagt Robert. Aber es sei für ihn kein Thema, worüber man sich beim Bäcker unterhält. Andere würden unter ihrer Neigung leiden, sagt Therapeutin Pflumm. Sie hätten Angst, pervers zu sein und würden auch mit der Partnerin oder dem Partner nicht darüber sprechen. „Das geht an den Kern der Identität – man fühlt sich nie ganz angenommen“, sagt Pflumm. Sie plädiert dafür, von pathologisch statt pervers zu sprechen. Pathologisch sei eine sexuelle Neigung, wenn man sich selbst oder andere schädige, wenn sie unkontrollierbar werde. Robert hat einen pragmatischen Blick auf das Thema: „Es ist erst pervers, wenn niemand mehr mitmacht.“