Oguzcan Schmid (links) und Leonhard Wagner sind erst Anfang 30, wollen aber schon jetzt ein Unternehmen kaufen und Geschäftsführer sein. Foto: privat

Der Nürtinger Oguzcan Schmid (32) möchte mit fremdem Geld ein Unternehmen kaufen und führen. Investoren hat er schon, ein Gehalt für die Suche auch. Doch wer möchte ihm sein Unternehmen übergeben?

Was Oguzcan Schmid von seinem künftigen Unternehmen erwartet, ist klar umrissen: solides Wachstum, Jahresgewinn zwischen ein und fünf Millionen Euro, innovationsbereit. Was die Branche betrifft, sollten es am besten Dienstleister sein. „Bodenständig“ solle es zugehen. Dafür biete er „eine flexible, kompetente und langfristig orientierte Nachfolgelösung“.

 

Ein Unternehmen mit fremdem Geld zu kaufen, um selbst Geschäftsführer zu sein: Das klingt reichlich skurril, zumal wenn der potenzielle Käufer erst 32 Jahre und in Nürtingen aufgewachsen ist. Und doch probieren das wie Schmid und sein Geschäftspartner Leonhard Wagner derzeit mehr als ein Dutzend weiterer Uni-Absolventen aus. Statt selbst ein Start-up zu gründen, kaufen sie ein etabliertes Unternehmen auf. „Ich bin realistisch und setzte lieber auf bestehende Geschäfte auf“, sagt Schmid.

Von der Uni zum Geschäftsführer im Schnelldurchlauf

„Suchfonds“ (englisch Search Fund) heißt das Modell, das auf den ersten Blick nach etwas unternehmerischen Größenwahn klingt. In den 1980er Jahren wurde es in den USA an der Harvard Universität entwickelt und ist in Deutschland ein Insider-Tipp: Ein Uniabsolvent oder Jungmanager wirbt bei Investoren um Geld, gründet einen Suchfonds und macht sich gut zwei Jahre in Vollzeit auf die Suche nach einem Unternehmen, das eine Nachfolge sucht.

Im besten Fall ist es eine Win-Win-Win-Situation: Ein Absolvent erfüllt sich den Traum vom eigenen Unternehmen, der Verkäufer sieht sein Lebenswerk gesichert und die Investoren erwerben sich Anteile an einer prosperierenden Firma. Im schlechtesten Fall jedoch verlieren die Investoren Geld, leiden die Absolventen unter einem Karriereknick und der potenzielle Verkäufer muss weitersuchen.

Entweder gewinnen alle – oder alle verlieren

Spannend ist, wie es bei Schmid und seinem Partner Wagner ausgeht. Vor zehn Jahren lernten sie sich in einer WG beim Studium in Berlin kennen. Vor zwei Jahren trafen sie sich wieder und sprachen erstmals über das Suchmodell. Im vergangenen Frühjahr sondierten sie den Markt für potenzielle Unternehmensübergaben. Im Sommer gewannen sie binnen zehn Wochen 20 Investoren, teils auch aus dem Ausland. 700 000 Euro kamen zusammen. Im Herbst setzten sie die Verträge für ihren Suchfonds und die Zusammenarbeit mit den Investoren auf. „Binnen zwei Jahren müssen wir liefern“, sagt Schmid. „Kommt es zum Kauf, können wir mit den Investoren zwischen 25 und 50 Millionen Euro stemmen.“

Seit November schreiben sie Unternehmen mit Übergabewunsch an. Es sind persönliche Briefe, das wirkt weniger flüchtig und zeugt von Respekt. Danach folgte ein Videoanruf – rund ein Dutzend Gespräche haben Schmid und Wagner bereits geführt. „Kein potenzieller Verkäufer wusste, was ein Suchfonds ist. Der größte Vorbehalt aber war meist das Alter und die fehlende Erfahrung, sagt Schmid. „Wir sagen dann, sie waren auch mal jung. Außerdem wollen wir das Unternehmen ja noch viele Jahre weiterentwickeln.“

Auf der Gegenseite sitzen meist Männer um die 60, die vor allem eine gute Honorierung für ihr Unternehmen möchten. Gleichzeitig betrachten viele ihr Lebenswerk wie ein Kind, das sie in vertrauensvolle Hände übergeben möchten. Eigentlich ist die Auswahl für Schmid und Wagner riesig – allein in Baden-Württemberg stehen bis 2026 rund 25 000 Unternehmen vor einer Nachfolge. Allerdings ist die Übergabe an ein Familienmitglied noch immer die mit Abstand populärste wie auch praktikabelste Lösung.

„Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ein Unternehmen zu finden, das alle Kriterien erfüllt und tatsächlich zum Verkauf steht, ist wahnsinnig schwierig“, sagt Jürgen Rilling, der Schmid und seinen Partner bei der Suche unterstützt. Der 56-Jährige hat in den vergangenen 15 Jahren in über 60 Suchfonds europaweit investiert und ist damit ein Urgestein.

Rilling hat Schmid und Wagner Kontakte zu anderen Investoren vermittelt und bei der Gründung der Suchfonds-GmbH geholfen. Er hilft, den Markt zu sondieren, prüft Unternehmenszahlen und wird das Duo später in den Verhandlungen sowie in der Leitung der Firma unterstützen. Sein Lohn ist, in eine attraktive Mittelstandsfirma investieren zu können, und das Gefühl, „zwei hervorragende, junge Talente“ unterstützt zu haben, wie Rilling meint: „Es ist wichtig, dass die Investoren auch als Mentoren agieren, auch wenn es zeitaufwendig ist. Aber wer nur Geld investieren will, sollte Aktien kaufen.“

Jürgen Rilling ist Investor und auch Mentor für die beiden Jungunternehmer. /www.foto-schwabing.de

Die Szene rund um Suchfonds sei in Deutschland „sehr, sehr klein“, sagt Rilling. Rund 25 zählte er in den vergangenen zehn Jahren. Ewa 15 hätten es mit Nachfolge geschafft, sie alle führten noch das übernommene Unternehmen. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Suchfonds zweier junger Geschäftsleute, die den Ditzinger Software-Spezialisten provantis übernahmen. Rilling ist zuversichtlich, dass auch Schmid und Wagner eine Erfolgsgeschichte schreiben. Sie seien professionell, kämen bei den Unternehmen gut an und hätten das „richtige Maß aus Selbstvertrauen und Demut“.

Schmid und Wagner haben sich in den vergangenen Monaten gut aufgestellt. Sie haben sich in ein Münchner Büro eingemietet und werden von zwei Praktikanten – Wirtschaftsstudenten – unterstützt. Dazu kaufen sie Berater ein, die den Markt für Unternehmensübergaben sondieren und Kontakte herstellen sollen. Sich selbst zahlen sich aus den 700 000 Euro rund je 70 000 Euro als Gehalt aus – eine eher niedrige Summe, wie Schmid betont. Zuletzt habe er als Strategieberater deutlich mehr verdient.

Ein gutes Dutzend Gespräche haben Schmid und Wagner seit November geführt und sechs Kaufangebote herausgegeben. „Vor allem der Kaufpreis muss passen und die Rolle des Unternehmenschefs nach der Transaktion“, sagt Schmid. Einmal wurde das Duo überboten, das andere Mal passten die Strukturen nicht, das dritte Mal sahen sie sich selbst nicht als ideale Nachfolger. In einem Fall ging es weiter – wie weit, das wird sich in den kommenden Wochen zeigen. „Wenn wir gut sind, könnte es bis Jahresende klappen“, meint Schmid. Und auf die Frage, wenn nicht? „Dann sind wir zwei Kumpels, die zumindest versucht haben, auch mal einen anderen Weg zu gehen.“

Schrittweiser Wechsel

Investoren
In Deutschland investiert rund ein Dutzend Investoren regelmäßig in Suchfonds. Oft steigen aber auch Investoren aus anderen europäischen Ländern in die Suchfonds mit ein. Die Investoren zahlen erst für die Firmensuche, später beteiligen sie sich am Kaufpreis des Unternehmens.

Unternehmer
Die Jungunternehmer sind die verantwortlichen Geschäftsführer und werden in der Regel die stärksten Anteilseigner im Unternehmen.

Übergabe
Die Unternehmensnachfolge ist ein weicher Wechsel. Kauft der Suchfonds ein Unternehmen, stehen die Investoren, oft auch die alte Führungsspitze, noch als Mentoren beratend zur Seite.