Städtebauförderung, Bürgerentscheide und die Hermann-Hesse-Bahn. Ostelsheims Bürgermeister spricht über Erfolge, Frust und den Wunsch nach einem funktionierenden Staat.
Die Hermann-Hesse-Bahn soll Ende Januar das erste Mal fahren. Auch für Ostelsheim ist die Bahn ein wichtiges Projekt.
Ostelsheims Bürgermeister Ryyan Alshebl blickt auf den mühsamen Weg dorthin zurück und erklärt, warum sie Zeichen politischer Versäumnisse ist.
Ganz allgemein gefragt: War 2025 ein gutes Jahr für Ihre Gemeinde? Und warum oder warum nicht?
Ich kann mir kaum vorstellen, was geschehen müsste, um dieses Jahr rückblickend als negativ zu bewerten, und ich hoffe inständig, dass das so bleibt. Solange uns Kriege und Naturkatastrophen erspart bleiben, bewegen sich unsere Probleme weitgehend im Bereich der Wohlstandsverwaltung.
Was war 2025 der wichtigste Meilenstein für Ihre Gemeinde?
Ein herausragender Erfolg war die Aufnahme in das Landessanierungsprogramm ‚Städtebauförderung‘. Die bewilligte Million Euro haben wir bereits vollständig in Grunderwerbe und Investitionen investiert; der erste Aufstockungsantrag wurde letzte Woche bereits nach Karlsruhe versandt. Ohne dieses Programm wäre das großartige Dorf-Café nicht realisierbar gewesen. Überhaupt verdient das gesamte städtebauliche Konzept, das uns die Aufnahme ermöglichte, im wahrsten Sinne des Wortes das Prädikat ‚Meilenstein‘.
Welches Projekt wird für Ihre Gemeinde 2026 das wichtigste sein?
Mit Sicherheit die Hermann-Hesse-Bahn.
Was wird 2026 die größte Herausforderung für Ihre Gemeinde?
Trotz der ganzen Millionen-Projekte nicht zu vergessen, wie man sich über Kleinigkeiten aufregt.
Ende Januar 2026 steht die erste Fahrt der Hesse-Bahn an. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Am 20.12.2025 durfte ich an der ersten inoffiziellen Testfahrt teilnehmen – ein tolles Erlebnis, das wirklich Spaß gemacht hat. Die Hermann-Hesse-Bahn hat sich bereits vor ihrem Start einen Namen gemacht, leider nicht nur im positiven Sinne. Das liegt vor allem an überbordender Bürokratie, mangelndem Mut und einer fehlenden Identifikation mit solchen Infrastrukturprojekten, besonders bei den Genehmigungsbehörden auf Landesebene. Als stellvertretender Verbandsvorsitzender des Zweckverbands habe ich das zähe Ringen um den Fledermaustunnel hautnah miterlebt. Dabei musste ich mein Idealbild von Deutschland leider aufgeben; was ich dort erlebt habe, hatte mit einem funktionierenden Staat wenig zu tun. Doch dafür kann das ‚Bähnle‘ nichts. Ich freue mich, dass sie endlich rollt. Das Wichtigste ist nun, gemeinsam aufzuarbeiten, warum die Reaktivierung dieser Nebenstrecke viel zu viel Zeit und Geld gekostet hat.
Der Job des Bürgermeisters scheint in den vergangenen Jahren immer härter geworden zu sein – mit allen negativen Konsequenzen. Auch im Kreis Calw ist das zu spüren. Was macht Ihnen beruflich am meisten zu schaffen? Und was müsste sich ändern, um das zu verbessern?
Der Spagat zwischen Bürokratie, Geldmangel und hohen Erwartungen nervt oft. Wir brauchen weniger Papierkram, mehr Vertrauen vom Land und wieder ein respektvolleres Miteinander hier vor Ort.
Egal ob Windräder, Baugebiete oder Mobilfunkmast - immer öfter bildet sich organisierter Widerstand gegen größere Projekte in der Nachbarschaft. Halten Sie das für legitim? Oder greift hier eher das Sankt-Florian-Prinzip, das im englischsprachigen Raum auch als „not in my backyard“ (“nicht in meinem Hinterhof“) bekannt ist?
Widerstand ist legitim, aber oft ein Zeichen fehlender Planung von oben. In Ostelsheim haben wir den Bürgerentscheid zum Lochwald bewusst herbeigeführt, um den Dorffrieden zu wahren – auch wenn ich das ‚Nein‘ persönlich bedauere. Das Problem ist das ‚Große Ganze‘: Die Bundespolitik beschließt willkürlich den Ausstieg aus Atom und Kohle, hat aber keinen Masterplan für die Umsetzung. Es kann nicht sein, dass Berlin die Ziele vorgibt, die Last der Umsetzung aber allein auf das freiwillige Mitmachen vor Ort abwälzt. Entweder braucht es echte Volksentscheide vorab oder eine klare, verlässliche Strategie der Regierung.
2026 wird der Landtag gewählt. Welchen Wunsch haben Sie an die neue Landesregierung?
Baden-Württemberg ist als Innovationsstandort spitze und muss das auch bleiben. Dafür brauchen wir eine Regierung, die unsere Stellung stärkt, statt Populisten nach dem Mund zu reden oder sich von kurzfristigen Trends treiben zu lassen.