Kann man ohne richtigen Stürmer die EM gewinnen?, fragt sich unser Kolumnist Oskar Beck. Oder muss der deutschen Mannschaft die Mottenkiste helfen: Plan M – wie Müller?
Stuttgart - Der erste flüchtige Blick über das DFB-Personal im deutschen EM-Camp fühlt sich verheißungsvoll an: Eigentlich ist alles da, was man braucht.
Sogar ein eiskalter Vollstrecker.
Killerinstinkt nennt man im Fußball diese seltene Eigenschaft, die am Ende EM-Turniere entscheidet. Das beste Beispiel dafür ist besagter Hüne, er hat seine Durchschlagskraft in einem EM-Finale schon einmal bewiesen und nicht lange gefackelt, als es um die Wurst ging. 0:1 lag die deutsche Mannschaft hinten, da kam er als Brechstange von der Bank, hielt geschwind den Kopf hin zum 1:1, dann noch ein schräger Schuss aus der Drehung zum 2:1, und wir waren Europameister.
Matchwinner ist jetzt Manager
Doch jetzt die schlechte Nachricht: Es ist Oliver Bierhoff. Er ist inzwischen 25 Jahre älter und nicht mehr der Matchwinner, sondern der Manager der Mannschaft. Deshalb ist es vermutlich nur ein verantwortungsloser Scherz, dass Joachim Löw neulich zu ihm gesagt haben soll: „Zieh dich um, Olli, wir brauchen dich noch mal.“
Stattdessen hat der Bundestrainer zum Handy gegriffen und in seiner Not einen 29-Jährigen angerufen, der vor fünf Jahren sein letztes Länderspiel gemacht hat und an der Côte d’Azur, beim AS Monaco, als verschollen galt. Kevin Volland nahm den Hörer also ab und hat inzwischen verraten, dass er im nächsten Moment dachte: „Ja, wie geil ist das denn!“
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Mit allem hatte der eigentlich längst ausgewanderte und aussortierte Volland gerechnet, nur nicht mit seinem Comeback. Er spürt aber mittlerweile, was Löw grundsätzlich vermisst und als Alternative offenbar in ihm sieht – „im Sinne des Brechers“, ahnt Volland, „des zentralen Stoßstürmers“.
Geheimwaffe Volland
Berti Vogts, der frühere Bundestrainer, hatte noch solche, beim oben erwähnten EM-Sieg 1996 beispielsweise außer Bierhoff auch noch Klinsmann, Kuntz oder Bobic. Also hat er Löw neulich laut applaudiert, als der Volland nominierte, „denn es fehlte bis dahin ein richtiger Stürmer im Team“. Was Vogts aber ratlos macht: Warum durfte Volland zuletzt in den Vorbereitungsspielen dann nur zwölf Minuten ran? „Jetzt geht er kalt in die EM“, sorgt sich Berti, „und bleibt wohl nur die Geheimwaffe.“
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Kann man ohne einen richtigen Stürmer einen großen Titel gewinnen? Bewiesen ist, aus deutscher Sicht, bisher nur das Gegenteil: Dringend benötigt wurden sie in der Vergangenheit, diese klassischen Sturmspitzen, die sich im gegnerischen Strafraum mit dem Kopf, dem Hintern, dem verlängerten Bein und ihrem feinen Näschen voraus ins Getümmel stürzten, zu fulminanten Fallrückziehern, eiskalten Abstaubern und knallharten Kopfballtorpedos ansetzten und unter den Pseudonymen „Strafraumschreck“, „Sturmtank“, „Killer“ oder „Knipser“ die Welt und ihre Gegner in Atem hielten. Aber jetzt haben wir keinen Klose mehr, keinen Klinsmann, keinen Völler, keinen Bierhoff. Bei der WM 2018 hatten wir noch Mario Gomez, aber der war nicht mehr Mario Gomez.
Und nun?
Müller an die Front
Der „Kicker“, das Fachorgan des Fußballs, hat das deutsche Volk dieser Tage nach seiner Wunschelf befragt, und auf der Position „Angriff zentral“ fiel das Votum überwältigend aus: 71,8 Prozent stimmten für Thomas Müller. Der Mann, der beim FC Bayern in der zweiten Linie als Zuarbeiter hinter dem Scharfschützen Lewandowski lauert, soll bei der EM an die Front.
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Wir Deutschen werden in der Not nostalgisch. Es soll wieder müllern wie in den glorreichen Zeiten, in denen unser Altbomber der Nation sein Treiben als Wildschütz mit dem autobiografischen Schlager besang: „Dann macht es bumm, ja und dann kracht’s, und alles schreit: Der Müller macht’s!“ Im Strafraum hat er zugeschlagen, auf die Flügel hat er sich niemals verirrt. Auf Abpraller und Querschläger hat Müller gewartet, sonst auf nix, und die Fans haben damals in Leserbriefen gebettelt: „Von mir aus kann er sich auch 89 Minuten lang im Strafraum die Brusthaare zupfen, Hauptsache, er macht das Tor.”
So wurden wir 1972 Europameister. Und 1974 Weltmeister. Und als Müller aufhörte, wusste Bundestrainer Helmut Schön, was zu tun war: Im EM-Halbfinale 1976 stand es gegen Jugoslawen kurz vor Schluss 1:2, also wechselte er den nächsten Müller ein, den Kölner Debütanten Dieter Müller. 2:2 Müller. 3:2 Müller. 4:2 Müller.
Plan B wie Brechstange
So war das früher. Plan M wie Müller. Oder Plan B wie Brechstange und Bierhoff. Und natürlich Plan H: hoch auf Hrubesch. Von rechts zwirbelte Komplize Kaltz dem Kopfballungeheuer Horst Hrubesch die Bälle an die Birne, und der erklärte es dem Mikrofon hinterher so: „Manni Banane, ich Kopf – Tor.“ Wie krumme Südfrüchte flogen die Flanken den Gegnern um die Ohren, gerne auch von links wie in der vorletzten Minute im EM-Endspiel 1980: Rummenigge flankte, und Hrubesch brachte seine zwei Meter und zwei Zentner in Stellung und wuchtete das Runde ins Eckige. Wenn es pressiert, helfen gegen Abwehrmauern nur noch Abrissbirnen.
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Heute? Die höhere Gewalt im Luftkampf ist zusehend verpönt, man geht nicht mehr in die Luft, man hält den Ball flach. „Wir können alles spielen“, hat der deutsche Jungstar Kai Havertz dieser Tage erklärt, „im heutigen Fußball muss man generell flexibel sein.“
„Wir produzieren keine Stürmer mehr“
Schön und schnell können sie alle spielen, mit verwirrenden Flachpässen, zauberhaftem Zickzack, traumhaftem Tikitaka und dominierendem Ballbesitzfußball. Pep Guardiola hat das meiste davon erfunden, jedenfalls gilt der Spanier als Totengräber des Kopfballpendels, seine Zauberzwerge um Lionel Messi ließen den Ball damals in Barcelona lieber auf Höhe der Grasnarbe zirkulieren. „Flach spielen, hoch gewinnen“ hieß die neue Philosophie. Aber: Auch Barcelona holte für alle Fälle sicherheitshalber dann noch den uruguayischen Beißer Luis Suarez dazu. Dass das womöglich kein Fehler ist, zeigen viele Mannschaften jetzt bei der EM: Die Polen kommen mit Lewandowski, dem gefürchtetsten Vollstrecker der Welt, die Franzosen attackieren mit Benzema, die Italiener mit Immobile, die Portugiesen mit Ronaldo, die Belgier mit Lukaku und die Engländer mit Harry Kane. Wir dagegen, erkannte schon vor Jahren der TV-Experte Jens Lehmann im Namen alle erschütterten Deutschen, „produzieren keine Stürmer mehr“.
Zu sehr in die Breite gespielt
Jogi Löw hat nur noch falsche Neuner. Und wie das schlimmstenfalls endet, wissen wir seit der WM 2018: Sie spielten alle schön in die Breite – bis sie dann, wie der damalige Leipziger Trainer Ralf Rangnick untröstlich meinte, „irgendwann gemerkt haben: Das Spiel ist aus, und wir haben noch gar kein Tor geschossen“.