Warum werden die Schiedsrichter als Pfeifen beschimpft? Weil sie auch Unverdauliches servieren – wie unser Kolumnist Oskar Beck anschaulich aufzeigt.
Stuttgart - Früher haben viele, wenn Franz Beckenbauer das Wort ergriff, die Ohren sicherheitshalber auf Durchzug gestellt. Denn unser letzter Kaiser neigte dazu, heute dies, morgen das und übermorgen das Gegenteil von beidem zu behaupten. Immer mehr Deutsche leisten ihm nun neuerdings aber Abbitte, zumindest bezüglich seiner alten These: „Bei der EU in Brüssel sitzen nur gescheiterte Existenzen, die von ihren Regierungen davongejagt wurden – das ist der größte Nietenverein Europas.“ Spontan werden jetzt alle unter uns laut nicken, die an Weihnachten impfwillig und begeistert ihren Oberarm freigelegt haben, aber seither verzweifelt auf die Spritze mit dem Stoff warten, den diese Nieten partout nicht herkriegen.
Warum erzählen wir die Geschichte? Weil Beckenbauers schmerzhafte Erkenntnis den Finger in eine Wunde legt, die auf einen generell galoppierenden Trend hindeutet und böse Zungen lästern lässt: Wer in der Politik nichts taugt, geht nach Brüssel – und wer beim Fußball nichts kann, wird Schiedsrichter.
Wer beim Fußball nichts kann, wird Schiedsrichter
Auch Gian Piero Gasperini sieht das so. Er ist der Trainer von Atalanta Bergamo und hält Tobias Stieler, den deutschen Unparteiischen, seit Mitte vergangener Woche für eine Flasche, oder, um es im höflicheren Fußballjargon zu sagen, für eine Pfeife. Beim 0:1 der Italiener in der Champions League gegen Real Madrid wertete Stieler das Foul eines Bergamo-Verteidigers als Notbremse und zückte aus der hinteren Hosentasche das, was man die Arschkarte nennt, also glatt Rot. Worauf Gasperini vor Wut kochte. Lauthals verlangte er: „Es sollte keine Schiedsrichter geben, die nicht selbst gespielt haben und nicht den Unterschied zwischen einem Tackling und einem Foul erkennen.“
Früher galten eher noch die Vereinsbosse als die Ahnungslosen, die nicht wussten, ob ein Ball rund oder viereckig und innen hohl oder aus Hartgummi ist. „Die glauben, dass der Ball springt, weil ein Frosch drin ist“, pflegte der Wiener Schlawiner Max Merkel als Trainerguru der Bundesliga schandmäulig zu lästern. Inzwischen sind es die Schiedsrichter.
Der glasklarsten Elfmeter, seit Gott das gestreckte Bein erschuf
Haben Sie am Samstag den VfB gegen Schalke gesehen? Sechs Offizielle, bis an die Zähne bewaffnet mit Pfeife, Fahnen und schärfsten Videobildern, hätten kinderleicht die haarsträubendste Fehlentscheidung des Fußballwochenendes verhindern können, aber stattdessen haben sie in unfassbarer Einigkeit den glasklarsten Elfmeter übersehen, seit Gott das gestreckte Bein erschuf. In der 19. Minute fällte der Schalker Thiaw den Stuttgarter Wamangituka im Strafraum mit der Axt, und der Baum fiel.
Alle haben es gesehen. Millionen am Bildschirm sogar auf den ersten Blick, noch vor der Zeitlupe. Aber wo blieb der Pfiff?
War Guido Winkmann, der Schiedsrichter, von der tief stehenden Sonne geblendet? Wollten seine zwei Linienrichter, speziell der mit dem freien Blick auf die ruchlose Tat, ihren Chef beim Nachmittagsnickerchen nicht stören? Telefonierte der vierte Schiedsrichter an der Seitenlinie gerade mit der Lieben daheim? Und warum hat Sascha Stegemann, der Videoassistent im berühmt-berüchtigten Kölner Keller, unterstützt vom zweiten Assistenten, dem Winkmann über den heißen Draht nicht sofort ein gellendes „Foul! Elfmeter! Nachprüfen!“ ins Ohr gebrüllt? Hat Stegemann sich womöglich gerade beim Lieferservice eine Pizza bestellt? War er kurz Luft schnappen, oder pinkeln? Welche Verkettung unglücklicher Wahrnehmungen lag da vor, welche Blackouts, welche Pupillentrübungen?
Fragen über Fragen.
Bobic’ berühmtester Fluch: „Blinde Bratwurst!“
Nur Didi Hamann, der TV-Experte im „Sky“-Studio, wusste eine sichere Antwort. „Klarer Elfmeter“, sagte Didi. Schon das erste bloße Hingucken hatte ihm genügt. Aber auch das Gesicht des Foulsünders Thiaw verriet ihm alles, dieser spontane Ausdruck des schlechten Gewissens. „Als Schiedsrichter weiß man eigentlich gleich, was das heißt“, sagt Hamann. Er war Profi, wie Bergamos Trainer Gasperini, er kennt also ebenfalls den Unterschied zwischen einem Tackling und einem Foul, aber dummerweise wird ein Ex-Nationalspieler selten Schiedsrichter. Besonders Profis tun sich jedenfalls oft schwer mit den Schiedsrichtern. Fredi Bobic, Frankfurts heutiger Manager, wurde als VfB-Scharfschütze diesbezüglich einst berühmt mit dem Fluch: „Blinde Bratwurst!“ Wenn dazu dann noch Gurkensalat serviert wird, ist die Kost schnell unverdaulich.
Die Wahrnehmungskraft von Hühneraugen
Spontan fällt uns nebenbei auch noch Peter Stöger ein. Der Wiener trainierte früher die Kölner, und einmal verloren sie ein Spiel gegen Hannover, weil ein Spitzbube namens Leon Andreasen mit ausgestrecktem Arm ungestraft das Tor des Tages machen durfte. Stöger ging an der Seitenlinie sofort erbost steil („Ich habe dem Linienrichter meine Brille angeboten, aber auch das hat er nicht gesehen“) – doch seine Philosophie, dass eine Brille dem Durchblick dient und der Fußball womöglich nicht blindlings Schiedsrichtern vertrauen sollte, die sich auf die Wahrnehmungskraft ihrer Hühneraugen verlassen, hat sich am Ende des Tages dann doch nicht durchgesetzt.
Die schrecklichen Folgen sind nun leider immer mal wieder zu besichtigen. Die unterdurchschnittliche Tagesform der Entscheidungsträger hat beim VfB zwar nicht das Spiel entschieden, aber die Ellbogenfreiheit des menschlichen Irrtums sollte trotzdem eingedämmt werden. Der in seinem Vertrauen an das Gute im Fußball erschütterte Fan verliert sonst auch vollends den Glauben an die Sehkraft der Schiedsrichter und verlangt womöglich irgendwann wie der alte Kaiser: „Ab nach Brüssel!“
Dort brauchen sie beim jährlichen Fußballturnier zwischen den sieben Fraktionen des EU-Parlaments nämlich jede Pfeife.