Helmut Müller, Sprecher der Bürgerinitiative, zeigt Johannes Kretschmann, wo die Amtstrasse verlaufen soll. Foto: Roth

Der grüne Bundestagskandidat Johannes Kretsch­mann hat sich bei einem Besuch in Lautlingen von der Bürgerinitiative "Für Lautlingen – Gemeinsam für die beste Lösung" deren Argumente gegen die sogenannte Amtstrasse der Lautlinger Ortsumfahrung angehört.

Albstadt-Lautlingen - Länge: 4,2 Kilometer. Umfang der Erdbewegungen: 600.000 Kubikmeter, von denen 400.000 abgefahren werden müssten. Höhe und Länge des geplanten Viadukts übers Meßstetter Tal: 30 respektive 300 Meter. Johannes Kretsch­mann, Bundestagskandidat von Bündnis’90/Die Grünen im Wahlkreis Zollernalb/Sigmaringen,  fand für diese Planung deutliche Worte: "Horror". Die er freilich postwendend relativierte: "Wäre ich ein Anwohner der jetzigen Lautlinger Ortsdurchfahrt, dann wäre der Verkehr ebenfalls Horror für mich."

Weit über 20.000 Autos fahren täglich an den Häusern der Anwohner der Lautlinger Ortsdurchfahrt vorbei – dass diese ein Problem haben, das räumen auch die Mitglieder der Initiative "Für Lautlingen – Gemeinsam für die beste Lösung" ein. Allerdings sind sie der Auffassung, dass dieses Problem eine Lösung wie die, welche das Regierungspräsidium Tübingen und die Stadt Albstadt anvisieren, nicht rechtfertigt. Die Alternative, die Helmut Müller und seine Mitstreiter Johannes Kretschmann präsentierten, sieht bekanntlich einen Tunnel unterm Bühl und eine ortsfernere Querung des Meßstetter Tals mit einem wesentlich kürzeren und niedrigeren Viadukt vor. Sie zeigten dem Gast aus Sigmaringen, wo welche Trasse verlaufen würde, und baten ihn anschließend um Unterstützung.

Wie könnte diese Unterstützung aussehen? Johannes Kretschmann hat selbst im Streit um die sogenannte Sigmaringer Nordtrasse Stellung gegen das Projekt bezogen und ihm im Kreistag seine Stimme verweigert; wenn die Mitglieder der Initiative die Bedeutung eines Bundesstraßenausbaus für das Wohlergehen der Region relativieren, dann haben sie ihn auf ihrer Seite. So manche Kommunalpolitiker, Unternehmer und nicht zuletzt die Kammern, erklärt er, hätten die Vorstellung der alten Römer, Straßenbau sei Kampf gegen die Wildnis und für die Kultur, tief verinnerlicht. Sie begriffen nicht, dass Fortschritt längst anders definiert werde.

Allerdings ist auch Kretsch­mann bewusst, dass Sigmaringer Nordtrasse und Lautlinger Südumgehung nur bedingt vergleichbar sind. Das Sigmaringer Planungsverfahren befindet sich noch in einem verhältnismäßig frühen Stadium; der heftige Widerstand gegen die Lautlinger Ortsumgehung war dagegen 2016, zwei Jahrzehnte nach dem Trassenbeschluss, aufgeflammt, also zu einem Zeitpunkt, als die Planungen dafür bereits weit fortgeschritten waren.

Bald liegen die Pläne aus – sind da Alternativen noch möglich?

Mittlerweile hat das Planfeststellungsverfahren begon­nen; die Pläne werden im kommenden Quartal ausgelegt. Entsprechend schwer dürfte es fallen, der von der Bürgerinitiative favorisierten Alternative mit dem Tunnel in der Planungsdebatte noch zur Geltung zu verhelfen. Zumal sie um etliche Millionen teurer werden dürfte als die sogenannte Amtstrasse – Kretschmann verwies seine Gastgeber darauf, dass das Geld, das die Lautlinger zusätzlich ausgeben wollten, nicht ihres sei. "Das müssen andere bezahlen." Ihre Antwort: Es sei in den vergangenen Jahren viel Geld für unsinnige Verkehrsprojekte zum Fenster hinaus geworfen worden – dieses hier sei sinnvoll.

Geld ist das eine, Zeit das andere: Dass eine Modifizierung der Amtstrasse in Richtung Tunnelvariante nicht im Zuge des zweijährigen Planfeststellungsverfahrens zu bewerkstelligen sein werde, dieses "Totschlagargument" – so Barabara Koch, die frühere Ignaz-Demeter-Schulleiterin – ist den Amtstrassengegnern wohlvertraut, und sie weisen es auch nicht gänzlich von der Hand. Anfangs war in der Diskussion von zehn Jahren Verzug die Rede; im weiteren Verlauf war zu hören, wenn es 30 würden, dann seien es halt 30. "Oder 25 – fünf sind ja bereits seit 2016 verplempert worden."

Wenn also vom Planfest-stellungverfahren nichts zu erwarten ist, dann soll es scheitern. Die Amtstrassengegner sind überzeugt, dass die Zeit für sie arbeitet, dass sich längst ein Bewusstseinswandel in Sachen Straßenbau vollziehe. Aber wäre von diesem nicht auch ihr eigenes Tunnelprojekt betroffen? Es muss offenbar nicht um jeden Preis verwirklich werden; die Amtstrassengegner scheinen durchaus bereit zu sein, sich auch auf Gedankenexperimente wie Tempo 30 in der alten Ortsdurchfahrt, schalldämpfende Fenster oder eine Untertunnelung der Ortsdurchfahrt nach Dusslinger Vorbild einzulassen.

Raus aus dem vordringlichen Bedarf im Verkehrswegeplan des Bundes?

Einen kleinen Erfolg haben sie nach eigener Einschätzung bereits errungen: Matthias Gastel, der bahnpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, hat ihnen in einem Schreiben in Aussicht gestellt, dass, Wahlsieg vorausgesetzt, alle noch nicht planfestgestellten Straßenneubauten einem klimaorientierten Bewertungsverfahren unterzogen werden sollen – ergebnisoffen. Von Johannes Kretsch­mann erhofft sich die Initiative, dass er dazu beiträgt, die Amtstrasse zumindest aus dem vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans zu entfernen.

Ob er ihr den Gefallen tut, bleibt abzuwarten – zunächst will er auch den Standpunkt der Albstädter Stadtverwaltung kennen lernen. Die hat sich den möglichst schnellen Bau der Amtstrasse auf die Fahnen geschrieben.

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