Tadeusz Matacz (rechts), Direktor der John-Cranko-Schule, gibt im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer Einblick in seine Arbeit. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Tadeusz Matacz verabschiedet sich als Direktor der Cranko-Schule in den Ruhestand. Beim Ortstermin unserer Zeitung gab er Einblick in seine Arbeit, die Talente entfaltet und schützt.

Wenn Tadeusz Matacz, der Direktor der John-Cranko-Schule, zum Ende des Jahres in den Ruhestand geht, dann kann er auf mehr als 25 sehr erfolgreiche Jahre an der Spitze der Stuttgarter Talentschmiede für den Ballettnachwuchs zurückblicken. Das wäre eigentlich Anlass für ein rauschendes Abschiedsfest auf großer Bühne. Doch die überlässt der aus Polen stammende Pädagoge bis zum Schluss in gewohnter Bescheidenheit lieber seinen Schülerinnen und Schülern.

 

Ein bisschen Aufmerksamkeit muss der scheidende Direktor der Cranko-Schule aber doch aushalten. Da ist zum einen die Benefizgala für die Aktion Weihnachten der „Stuttgarter Nachrichten“, für die sich der Ballettnachwuchs seit Jahrzehnten engagiert. Am 7. Dezember wird sie die letzte Amtshandlung von Tadeusz Matacz sein, der zu diesem Anlass natürlich gefeiert werden wird; ihm zu Ehren choreografiert Emanuele Babici, der jüngste Nachwuchschoreograf aus der Cranko-Schule, ein neues Ballett.

150 Leserinnen und Leser waren beim Ortstermin dabei

Den Applaus von 150 Leserinnen und Lesern unserer Zeitung durfte Tadeusz Matacz bereits an diesem Montag bei einem Ortstermin in der John-Cranko-Schule entgegennehmen, wo er im Gespräch mit Autor und Moderator Nikolai B. Forstbauer auf der Probebühne Einblicke in seine Karriere und Haltung sowie in seine Arbeit gab.

Beste Aussichten für Tanztalente: Ballettsaal im Neubau der John-Cranko-Schule Foto: Brigida González

Die Schule thront seit fünf Jahren markant am Hang über dem Wagenburgtunnel. Dass in Mataczs Direktion der Umzug in das neue Gebäude gelang, ist die sichtbare Belohnung für den unermüdlichen Einsatz des Pädagogen. „Es gibt keine schönere Verbeugung vor der Schule als dieses Haus mitten in der Stadt“, bedankt sich ihr Direktor beim Land, das einst das Grundstück zur Verfügung stellte. Hier sind Internat und Ballettsäle fußläufig zum Theater konzentriert, ein Alleinstellungsmerkmal im Chor der Konkurrenten, deren Nachteile Matacz alle kennt. Neben der tollen Ausstattung sei das „ein Argument“ beim Werben um internationale Talente.

Diese füllen nach Abschluss ihrer Ausbildung nicht nur die Reihen des Stuttgarter Balletts, sondern behaupten sich erfolgreich auf internationalem Parkett – unerlässlich bei nur 1200 Tanz-Arbeitsplätzen an deutschen Stadt- und Staatstheatern, wie Matacz vorrechnet. „Wohlgemerkt, es wird immer schwieriger“, beschreibt er den Druck, der aus dem angespannten Kulturmarkt auch für Pädagogen erwächst und betont: „Arbeitslose Schüler zu produzieren ist nicht mein Ziel.“

Ins Unterrichten wuchs Matacz schon jung hinein

„Künstlerische und pädagogische Tätigkeit verbinden sich in seiner Karriere von Anfang an“, stellte Nikolai B. Forstbauer seinen Gast vor. Wie Tadeusz Matacz sehr jung und eher zufällig ins Unterrichten hineinwuchs und mit welcher Leidenschaft er diese Aufgabe heute ausfüllt, war der schöne Bogen, den das Gespräch von der Theorie zur Praxis schlug. Da zeigten drei Schülerinnen zum Abschluss das berühmt-berüchtigte Waganova-Adagio, das keinen Fehler verzeiht.

Der Ortstermin in der Cranko-Schule war begehrt. Foto: lg/Max Kovalenko

Ein Tänzer müsse mit seinen Muskeln die Musik hören, den Rhythmus und die Melodie auf sich und die Zuschauenden wirken lassen, schärft Tadeusz Matacz den Blick für die hohe Kunst des Balletts. Beim Waganova-Adagio kommt der Anspruch dazu, elegant von einer der sehr exponierten Positionen zur nächsten zu gelangen. Und zu aller äußeren Bewegung, zitiert Matacz das Vorbild Noverre, müsse sich dann auch noch innere Bewegtheit gesellen. „Diese Kraft, die das Publikum verzaubert, die haben nicht viele“, beschreibt der Ballettlehrer das gewisse Etwas, das es für den Tanz braucht. Seine drei Schülerinnen, von den Ortstermin-Gästen mit viel dankbarem Applaus bedacht, sind da auf dem besten Weg.

Ganz klar: Das Unterrichten hat Matacz im Blut. „Ich sehe, wo die Probleme sind, als ob ich mit dem anderen Körper tanzte“, beschreibt er selbst seine Gabe. Früh erkannt hat sie einer seiner Lehrer in Warschau, der ihn noch als Schüler zum Assistenten machte. „Das Lehren und gleichzeitig Machen“ habe ihn auch als Tänzer bis nach Toulouse und Karlsruhe begleitet, erzählt Matacz und beschreibt mit Humor, wie sein großes Wissen zu Spannungen mit manchem Ballettmeister führte.

Für Matacz muss Schule Schutzraum sein

Nach dem plötzlichen Ende seiner aktiven Karriere durch eine schwere Erkrankung bekam Tadeusz Matacz mit der Berufung 1998 an die Spitze der Cranko-Schule eine neue Bühne. Seither spielen seine eigentlichen Verdienste dort eher im Verborgenen: Als Juror hält er bei den großen Wettbewerben Ausschau nach den Stars von morgen. Vor allem aber bietet die von ihm geleitete Schule einen Schutzraum, den er selbst in seiner Jugend, als er der Willkür rivalisierender Lehrer ausgesetzt war, sicherlich vermisste. Vorfälle, die andere Ballettschulen in die Schlagzeilen brachten, sind in Stuttgart kaum denkbar. „Es gibt Grenzen, die keiner überschreiten darf“, sagt der scheidende Direktor und: „Es ist meine Pflicht, die Kinder zu schützen.“ Auch vor den Verlockungen der sozialen Medien, die zu schnellen Höchstleistungen anspornen. „Demut und Geduld ist der Weg, an dessen Ende alles blühen wird“, sagt der Schuldirektor zum Abschied und ist sich sicher, dass ihn auch seine Nachfolger einschlagen werden.

Tadeusz Matacz und die John-Cranko-Schule

Person
1957 geboren, wurde Tadeusz Matacz in seiner Heimatstadt Warschau zum Tänzer und Tanzpädagogen ausgebildet und erhielt 1977 am dortigen Theater sein erstes Engagement. 1984 wechselte er als Solist ans Badische Staatstheater in Karlsruhe, von 1992 bis 1998 war er dort Ballettmeister. Als Gastdozent unterrichtete er in Frankfurt, Toulouse, Warschau und Stuttgart. Seit Dezember 1998 leitet Tadeusz Matacz als Direktor die Stuttgarter John-Cranko-Schule. Außerdem ist er Juror bei Ballettwettbewerben wie dem Youth America Grand Prix.

Schule
1971 von John Cranko gegründet, war die Ballettschule der Stuttgarter Staatstheater das erste Ausbildungsinstitut dieser Art in Deutschland. Zum Schuljahr 2020/21 bezog die heute weltweit renommierte Talentschmiede, die Schülerinnen und Schülern aus 31 Nationen hat, das neue Gebäude. Es entstand nach den Plänen der Münchner Architekten Burger Rudacs zwischen Wera- und Schützenstraße.