Was zeichnet den Landkreis Rottweil aus? Und wo hakt es aus Sicht unserer Orts-Check-Teilnehmer noch ziemlich? Wir haben Landrat Wolf-Rüdiger Michel zu den Ergebnissen befragt.
Es ist ein breites Stimmungsbild, das die 4150 Teilnehmer unseres großen Orts-Checks, davon 3756 aus dem Kreis, abgegeben haben. Die Auswertung der Meinungsforschungs-Agentur „co-mind“ zeigt: Die Menschen wissen die Lebensqualität im Kreis zu schätzen, die Vereine tragen einen Großteil dazu bei, Familien können sich wohlfühlen – auch das Thema Sicherheit nimmt einen guten Rang ein.
Doch es gibt neben diesen Tops auch einige Flops: Die Bürger bemängeln, dass es viel zu wenige erschwingliche Wohnungen gibt, der ÖPNV wird kritisiert und auch das Thema Gastronomie macht den Bürgern zu schaffen. Das sagt Landrat Wolf-Rüdiger Michel zu den Ergebnissen:
Beim Ortscheck des Schwarzwälder Boten haben 4150 Menschen mitgemacht. Wie ordnen Sie das ein?
Die Beteiligung von 4150 Bürgerinnen und Bürgern ist eine beachtliche Resonanz auf Ihre Umfrage und zeigt, dass die Menschen Anteil an ihrem Umfeld nehmen, dass sie Gutes sehen, aber auch subjektiv wahrgenommene Defizite registrieren.
Im Gesamtergebnis zeigt die Auswertung: Im Landkreis Rottweil lässt es sich gut leben. Das überrascht Sie vermutlich nicht?
Objektiv gesehen, lässt es sich im Landkreis Rottweil gut leben. Es freut mich, dass die Einwohner die objektive Tatsache auch subjektiv so sehen und empfinden. Insoweit überrascht mich das Gesamtergebnis nicht. Wir dürfen damit aber nicht satt und zufrieden sein, sondern müssen auch künftig dort ansetzen, wo wir als Kreis – vorausgesetzt, das Geld ist da – noch Verbesserungen vornehmen können.
Bei Vereinen und Sport, Familie und Lebensqualität hat der Kreis auch im Gesamtvergleich zu anderen Ortscheck-Kreisen mehr Punkte eingeheimst. Was macht den Landkreis hier aus?
Der Landkreis Rottweil ist eine Hochburg des ehrenamtlichen Engagements in Vereinen und gemeinnützigen Organisationen aller Art. Ich betrachte die Vereinsarbeit für Jung und Alt als den Kitt, den Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Dies gilt vor allem auch heutzutage, wo vieles auseinanderdriftet. Das Ehrenamt ist bedeutend für uns alle. Der Staat kann schließlich nicht alles ordnen, regeln und finanzieren.
Auch die Menschen, die sich ehrenamtlich für das einsetzen, was ihnen wichtig ist, tragen dazu bei, dass wir ein Wohn- und Arbeitsstandort von guter Qualität sind. Die Infrastruktur insgesamt ist in den Städten und Gemeinden des Kreises gut ausgebaut beziehungsweise wird immer noch verbessert. Dies sehen offensichtlich unsere Bürgerinnen und Bürger, und das freut sicher nicht nur mich, sondern auch meine Kolleginnen und Kollegen in den Rathäusern.
Auch das Thema Sicherheit trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. Die Menschen im Landkreis fühlen sich ziemlich sicher in Ihrer Heimat. Was muss alles zusammenspielen, damit dies gewährleistet ist und auch weiter so bleibt?
Der Landkreis Rottweil ist objektiv einer der sichersten Landkreise in Deutschland überhaupt. Das, was ich bei der dritten Frage ausgeführt habe, die dichte Vereinsarbeit in der Fläche, trägt zum subjektiven Sicherheitsgefühl bei: Bei uns kümmert man sich um die Nachbarn, im Verein um die Jugend, die Vereine schaffen wichtige soziale Verbindungen und stiften auf diese Weise Lebenssinn.
Gute Polizeipräsenz unverzichtbar
Unverzichtbar sind natürlich eine gute Polizeipräsenz und eine hohe Aufklärungsquote bei der Polizei. Auch hier sind wir in der Spitzengruppe zu finden, und ich bin den Polizistinnen und Polizisten für ihren Dienst an uns allen sehr dankbar. In diesen Dank schließe ich auch alle Ehrenamtlichen der Blaulichtfamilie ein. Wir wissen, wir können uns auf die Feuerwehren, das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk, die Bergrettung, die Rettungshundestaffel und, und, und…. verlassen. Das alles stiftet Sicherheit und vermittelt ein Sicherheitsgefühl.
Die Gesundheitsversorgung ist im Gesamtüberblick im Mittelfeld gelandet. In vielen Gemeinden zeigen auch die Kommentare der Teilnehmer, dass Sie sich ein besseres Angebot wünschen, viele machen sich Sorgen, was die künftige Entwicklung der Gesundheitsversorgung gerade in kleineren Gemeinden angeht. Wie sehen Sie die Situation in unserem ländlichen Raum?
Ja, die künftige Entwicklung der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum bereitet uns allen Sorge. Unumstritten ist, dass in diesem Bereich Reformen notwendig sind. Aber ob die Krankenhausreform des Bundes den Kliniken im ländlichen Raum helfen wird, muss diese Reform erst noch unter Beweis stellen – ich habe da meine Zweifel.
Die zurückgehende Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte gibt ebenfalls Anlass zur Sorge. Hier erfüllt die Kassenärztliche Vereinigung ihren Versorgungsauftrag ebenso wenig wie bei der aktuell diskutierten und drohenden Schließung von vielen Notfallpraxen des ärztlichen Bereitschaftsdienstes in ganz Baden-Württemberg.
Trotzdem darf man die hoffnungsvollen Zeichen nicht übersehen. Es gründen sich auch bei uns immer mehr Satellitenpraxen, gerade auch in kleineren Gemeinden, und die Kommunen - engagieren sich bei der Suche nach neuen Ärzten bis hin zur Unterstützung bei der Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ).
Überrascht es Sie, dass der Bereich Kultur & Freizeit ein bisschen hinter dem Gesamtvergleich der anderen Ortschecks zurückliegt?
Das Ergebnis bei Kultur und Freizeit hat mich in der Tat überrascht. „Freizeit“ ist natürlich ein höchst subjektiv empfundener Begriff. Wir habe eine zauberhafte Landschaft mit vielen – auch kommunalen – Freizeitangeboten. Da sollte eigentlich jeder und jede etwas finden.
Viel Geld für Kunst und Kultur
Der Landkreis Rottweil gibt mehr Geld für Kunst und Kultur aus als vergleichbare Landkreise, auch dank der Kulturfördermittel des Zweckverbandes Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) und der regen Fördertätigkeit der Kreissparkasse.
Zusätzlich helfen weitere Institutionen bei Kunst und Kultur mit. Insbesondere gilt das auch für die Städte und Gemeinden. Für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gibt es eine digitale Informationsplattform, die Trio-k, auf der die Kulturangebote der gesamten Region zusammengefasst sind, ein breites und abwechslungsreiches Angebot. Ich persönlich finde, dass wir sehr gut aufgestellt sind.
Wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Themen Gastronomie, ÖPNV und der Immobilienmarkt landen auf den letzten Plätzen. Können Sie die Bewertung der Bürger nachvollziehen? Und wo sehen Sie hier Stellschrauben, damit diese Bereiche weiter vorankommen können?
In Teilen kann ich die Bewertung nachvollziehen. Ja, es ist schwierig, eine Mietwohnung zu finden und es ist sehr teuer, Wohneigentum zu erwerben. Dies ist leider deutschlandweit so. Hier wird es erst eine Wendung geben, wenn überzogene Standards beim Neubau und bei den Sanierungsvorschriften gelockert werden. Das alles macht das Bauen und so das Mieten teuer.
Bund und Land sind in der Pflicht
Es tut sich da gerade etwas, aber noch zu wenig. Hier sind vor allem der Bund und das Land in der Pflicht. In Brüssel, Berlin und Stuttgart werden Gesetze gemacht, ohne dabei an die Folgen vor Ort zu denken, und wir müssen diese Gesetze dann umsetzen. Hinzu kommt, dass in Deutschland die Brüsseler Vorgaben noch zusätzlich zu Lasten der Wirtschaft und der Bürgerinnen und Bürger verschärft werden, das muss aufhören. Denn billiger wird das Bauen so nicht. Wir sind kein klassischer Tourismuslandkreis. das spüren wir gerade auch in der Entwicklung bei der Gastronomie.
Beim Thema ÖPNV kann ich die Bewertung nicht nachvollziehen. Wir haben mit dem gemeinsamen Verkehrsverbund in der Region und in allen drei Landkreisen etwa gleichwertige Angebote. Gerade im Kreis Rottweil wenden wir heuer erheblich mehr Mittel für den ÖPNV auf als noch vor drei oder vier Jahren. So haben wir beim Tarifverbund die Preise für alle deutlich gesenkt. Und der Regio-Bus Rottweil-Schramberg-Schiltach beispielsweise ist seit einigen Jahren ein Erfolgsprojekt. Leider kann ich der Übersicht nicht entnehmen, wie bei Bus- und Rufbusverkehr sowie beim Schienenpersonennahverkehr differenziert worden ist.
Ausbau stößt an finanzielle Grenzen
Eine Anmerkung für die Zukunft muss ich hier leider machen: Ein weiterer Ausbau beim ÖPNV stößt an finanzielle Grenzen. Ab 2025 wird sich die Haushaltslage bei allen Kommunen dramatisch verschlechtern. Es wird darum gehen, den Bestand zu sichern. Bund und Land übertragen den Kommunen laufend neue Aufgaben, ohne diese zu finanzieren. Es wird also von der einen Seite bestellt und die andere - die Kommunen - zahlen die Zeche. So kann es nicht weitergehen! Jüngste Beispiele sind das Jugendticket Baden-Württemberg. Hier ist die Gesamtfinanzierung durch Bund und Land nicht gesichert und den Ausfallbürgen sollen die Landkreise abgeben.
Was nehmen Sie aus dem Ortscheck mit?
Der Ortscheck zeigt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger für ihr Umfeld und für die Infrastruktur vor Ort interessieren. Dies ist bestes bürgerschaftliches Engagement und zeigt einmal mehr auf, dass der ehrenamtliche Einsatz vieler für die Gemeinschaft Zukunft hat.