Veranstaltungen für Senioren gibt es immer wieder im Kreis Rottweil, wie hier im Kapuziner in Rottweil. In den Kommentaren des Orts-Checks wird aber bemängelt, dass es an Angeboten fehlt. Woran kann das liegen? (Archivfoto) Foto: Marcel

Wie seniorenfreundlich/-gerecht ist der Landkreis Rottweil? Je nach Kommune gehen die Meinungen da weit auseinander, wie der Orts-Check des Schwarzwälder Boten zeigt. Was sagt der Kreisseniorenrat zum Ergebnis? Und welche Aspekte sind den Senioren im Landkreis besonders wichtig?

Er weiß um die Sorgen und Nöte der Senioren im Landkreis: Rainer Pfaller ist Vorsitzender des Kreisseniorenrats. Wir haben ihn gebeten, das Ergebnis des Orts-Check im Hinblick auf den Lebensbereich „Senioren“ einzuordnen – und erfahren, woran es aus Sicht des 74-Jährigen krankt.

 

Die Kategorie „Senioren“ landet insgesamt auf Platz 6 bei unserem Orts-Check. 6,5 Punkte (von 10) wurden im Durchschnitt verteilt. Dabei fällt auf: Die Bewertungen liegen teilweise weit auseinander.

So ist Hardt mit 8,09 Punkten Spitzenreiter, gefolgt von Villingendorf (7,95 Punkte) und Deißlingen (7,63 Punkte). Am unteren Ende des Rankings finden sich Sulz (5,43 Punkte), Dietingen (5,34 Punkte) und als Schlusslicht die Gemeinde Epfendorf (4,54 Punkte).

Deckt sich diese Verteilung mit der Beobachtung Pfallers? Teilweise. Er nennt einige „Leuchttürme der Seniorenarbeit“: Hardt, Deißlingen, Dunningen, Schiltach, Zimmern und Oberndorf. Diese Einschätzung spiegelt sich teilweise im Orts-Check-Ranking wider.

Die Strategie des Kreisseniorenrats

Als Teil seiner Arbeit stattet der 25-köpfige Ausschuss des Kreisseniorenrats den Städten und Gemeinden einen Besuch ab. Die Strategie: sichtbar machen, was gut läuft und woran es mangelt. Dabei gehe es nicht darum, eine Kommune an den Pranger zu stellen, betont er. Man könne nicht jedem Ort dasselbe Modell überstülpen, da jeder seine ganz eigene Ausprägung habe.

Klar sei, dass das Thema Senioren eine größere Berücksichtigung erfahren müsse. Denn Ende des Jahrzehnts werde der Anteil der Ü60-Jährigen rund 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sagt Pfaller.

Kinder zögen von allein die Aufmerksamkeit auf sich, da sei auch nichts zu teuer. „Die älteren Leute fallen leider oft aus dem Fokus“, sagt der 74-Jährige.

Das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden

Hinzu komme, dass viele Senioren dazu tendieren, sich eher zurückzunehmen. Und tendenziell werde eben eher „den Lauten“ abgeholfen. „Die Senioren wollen aber auch gehört und wahrgenommen werden“ – ohne sich dabei bevormundet und wie ein Bittsteller zu fühlen.

Auch komme es dadurch, dass viele Angebote nur noch digital verfügbar seien, zu einer schleichenden Ausgrenzung der Senioren, sagt Pfaller und nennt die immer weniger werdenden Kontoauszug-Drucker in den Banken als Beispiel.

Scham und Stolz sind problematisch

In den Kommentaren unseres Orts-Checks werden auch konkrete Wünsche der Senioren benannt. Da geht es beispielsweise um Kurse zur Nutzung des Smartphones – von Jüngeren für Ältere, aber auch um mehr Pflegeheime, Fahrdienste und speziell Veranstaltungsangebote für Senioren. Pfaller sagt, diese gebe es landauf landab zuhauf, aber man müsse sie auch in Anspruch nehmen.

„Tolle Angebote erreichen nicht automatisch jeden Senior“, sagt Pfaller. Es brauche jemanden, der die Hand reiche, aber auch jemanden, der diese dann nehme.

Rainer Pfaller Foto: Pfaller

Manchem komme etwa Scham in die Quere. Auch weil er immer wieder erlebe, dass er am Rand der Gesellschaft stehe, etwa wenn er an einer Gremiumssitzung teilnehmen wolle und diese nicht barrierefrei erreichbar oder die Wortbeiträge durch Einschränkungen im Gehör nicht verständlich seien.

Und auch Stolz sei ein großes Thema. „Alte Menschen möchten nicht alt sein“, sagt Pfaller. Wer den Schweinehund überwinde, sage oftmals hinterher, er wünschte, er hätte sich schon früher getraut.

Den einen Senior gibt es nicht

Die Verfügbarkeit eines Pflegeheims im Ort bedeute übrigens nicht per se größere Zufriedenheit. Es komme immer ganz konkret auf das Angebot vor Ort an, weiß Pfaller.

Wichtig zur Einordnung des Orts-Check-Ergebnisses sei, dass es den einen Typ Senior nicht gebe. Zu diesem Oberbegriff zähle das wohlhabende Ärzteehepaar im Ruhestand ebenso wie die alleinstehende ältere Dame, die von 350 Euro im Monat leben müsse, nennt Pfaller beispielhaft.

Was unter anderem bei den Besuchen der Gemeinden durch den Kreisseniorenrat deutlich wurde: „Viele Bürgermeister sind geneigt, sich stärker um das Thema Senioren zu kümmern, aber wenn niemand auf sie zukommt, passiert wenig. Einen Aufruf ins Amtsblatt zu setzen, reicht eben leider nicht“, sagt Pfaller.

Zugpferde sind nötig

Es brauche Zugpferde mit einem Netzwerk. Das könnten kirchliche Institutionen sein oder das DRK, aber auch Jahrgänge beispielsweise. Gerade in diesen sei die Hilfsbereitschaft groß. So entstünden manches mal projektbezogene Engagements – vom Spazierengehen mit Senioren bis zu Nachtwachen.

In Hardt beispielsweise gebe es ein Netzwerk mit rund 300 Helfern, die sich in der Seniorenbetreuung engagieren. „Das ist sagenhaft“, sagt Rainer Pfaller.

Erster Schritt: Seniorenbeauftragte einstellen

Damit grundsätzliche Bereitschaft zum konkreten Engagement wird, braucht es seiner Meinung nach einen Kümmerer beziehungsweise einen Seniorenbeauftragten, der die Aufgaben verteile, Kontakt zu Helfern und Senioren pflege und Bedarfe erkenne und angehe.

Als positives Beispiel für Seniorenarbeit nennt Rainer Pfaller auch das Präventionstheater der Linde 13 aus Oberndorf, das auch außerhalb der Stadtgrenzen mit einem Stück zum Thema Schockanrufe und Abzocke„auf Tournee“ war. Foto: Lauble

Im Landkreis Rottweil gebe es einen tollen Kreisseniorenplan. Der Landkreis leiste im Umfang von 30 Prozent Unterstützung bei der Betreuung der Senioren. Aber: Der Bedarf an Angeboten werde weiter wachsen, kündigt Pfaller an. Und so brauche es eine Fachstelle als Unterstützung.

Aus Rainer Pfallers Sicht wäre der wichtigste erste Schritt, in jeder Kommune einen Seniorenbeauftragten einzustellen und landkreisweit ein Netzwerk aufzubauen. Und damit meine er nicht, einem bereits eingesetzten Verwaltungsfachangestellten noch das Thema Senioren zusätzlich aufzudrücken, sondern jemanden mit Fachkompetenz im Bereich Senioren ins Boot zu holen. „Denn für diese Arbeit braucht man neben Kompetenz auch Herzblut. Man muss voll dahinterstehen.“